09.08.2017

Mitnichten möchte ich auf meine Verwandtschaft verzichten. Auch wenn ich selber keine eigenen Nichten habe, bereitet es mir doch immer wieder Vergnügen, mich mit meinen Tanten, Onkeln, Cousins, Cousinen, Großtanten, Großcousinen und Großnichten zu treffen. Um nur einige zu nennen. Denn mit den Jahren droht der Überblick etwas verloren zu gehen. Eine große, weit verzweigte Verwandtschaft bringt es mit sich, dass sich mit den Jahren einige der Verwandtschaftsverhältnisse ändern, sei es durch Heirat, Trennung, Scheidung, Tod oder Neuverheiratung. Dann wird aus einem Schwager schon mal ein Ex-Schwager, aus einer Schwippschwägerin eine Ex-Schwippschwägerin.

Neulich wollte eine Freundin mir von der Tochter ihres Bruders erzählen. Allerdings ist die nicht seine leibliche Tochter, sondern das Kind seiner neuen Frau aus einer früheren Beziehung. Ist das Mädchen jetzt die Stiefnichte meiner Freundin? Je weiter entfernt die Verwandtschaft ist, desto komplizierter wird es mit den Bezeichnungen. Mal angenommen, die Schwester des Bruders der Freundin würde heiraten, dann wäre deren Ehemann der Schwippschwager meiner Freundin. Und wenn der Ehemann dann ein Kind mit in die Ehe bringt, ist das dann die Stief-Schwippnichte oder der Stief-Schwippneffe? Und wie sieht es aus, wenn sich die Verwandtschaft noch weiter entfernt? Sind die Söhne meiner Cousine meine Großneffen oder Neffen 2. Grades und warum nicht Kleinneffen? phlubdr flickr cc by web

Die Begrifflichkeiten unterliegen ja durchaus dem Wandel der Zeiten. So wurde aus dem Oheim, das ursprüngliche deutsche Wort bezeichnete den Mutterbruder, im 18. Jahrhundert durch die (sprichwörtliche) Zusammenführung mit dem Vetter, was ursprünglich Vaterbruder bedeutete, im Französischen der oncle und dann im Deutschen der Onkel. Auch der Vetter ist aus den familiären Beziehungen nahezu verschwunden. Nur in der Wirtschaft spielt er noch eine schlecht beleumundete Rolle. Und wer erinnert sich noch an die Base? Übernommen haben dafür Cousin und Cousine. Ebenfalls in der Bedeutungslosigkeit versunken ist der Nepote, der zugleich Neffe, Enkel, Vetter und Verwandter war. Vermutlich aufgrund seiner Unentschlossenheit.

Einerseits entschlossen, den komplizierten Verhältnissen auf den Grund zu gehen, andererseits überwältigt von der Vielzahl an Bezeichnungen, beende ich jetzt meine Ausführungen. Meiner Freundin habe ich übrigens empfohlen, das neue Familienmitglied „Stichte“ zu nennen. „Stief“ hat immer so einen unangenehmen Beigeschmack und kann das Beziehungsklima möglicherweise sogar vergiften.

Eine bekömmliche Mahlzeit, ob im Familienkreis oder alleine

wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen