12.07.2017

„Alle alle!“ frohlockte mein dreijähriges Patenkind neulich, als es anlässlich seines Geburtstages ein amtliches Stück Kuchen verputzt hatte. Mein Lob ob des gesunden Appetits verband ich nahezu zeitgleich mit der gedanklichen Frage an mich selbst, warum die in der Kindersprache geläufige Wendung „alle alle“ das Gegenteil bedeutet: nämlich nichts oder nichts mehr. Sie erwarten nun eine formidabel recherchierte Antwort? Hier ist sie: Sprache ist durchaus gerne auch mal unerklärlich. Was sich übrigens auch sehr schön an der feinen Vorsilbe „un“ festmachen lässt. Diese ist insofern reichlich praktisch, weil sie etwa aus einem schicken Adjektiv recht rasch das Gegenteil machen kann, zu sehen in den Wortpaaren „wahrscheinlich-unwahrscheinlich“ oder „möglich-unmöglich“. Und nun kommt der Clou: Man kann mit ihr auch steigern, indem wir aus einem schlichten „Wetter“ ein fulminantes „Unwetter“ machen. Oder aus „Kosten“ „Unkosten“. Was aber Unsinn ist, da es den zu zahlenden Betrag nicht schert, ob er „Kosten“ oder „Unkosten“ heißt. Maik Meid flickr

Ein wenig unsinnig erschien mir auch, dass ein Kunde neulich in der Apotheke ein Mittel „für Erkältung“ wünschte. Im Geiste malte ich mir aus, wie der Apotheker hätte entgegen können: „Sehr gerne, heute haben wir drei Päckchen Viren zum Preis von zweien im Angebot.“ Und wie ich so vor mich hin schmunzelte, hörte ich einen weiteren Kunden sagen: „Ich bin zuerst dran und dann erst Sie!“ Ob dem recht rauhbeinig daherkommenden Herrn bewusst war, dass er das schöne Kunststück vollbracht hatte, in einem Satz mit dem kleinen Wörtchen „erst“ sowohl einen Anfang als auch ein Ende zu meinen?

Schön ist auch das Verb „entfallen“, das sowohl etwas bezeichnet, das plötzlich nicht mehr vorhanden ist („Der Name ist mir entfallen.“) als auch etwas, das man bekommt („Auf den Gewinner entfallen 500 Euro“). Und weil wir gerade von Geld reden: Das Finanzamt kann nicht nur einen Zahlungsbescheid erlassen, sondern jemandem auch die Steuerschuld. Die dann mit einem Male „alle alle“ wäre.

Mahlzeit! mit oder ohne Kuchen wünscht
Ihr Marcel Pannes