28.06.2017

Und, haben Sie schon Hunger? Oder haben Sie Appetit? Bei ersterem verspüren Sie sicher ein brennendes Verlangen, möglichst schnell etwas Sättigendes zu essen. Das aus dem Althochdeutschen (750-1050 n.Chr.) stammende Wort Hunger bekam im 15. Jahrhundert einen vornehmen „Mitbewerber“ aus Frankreich: den Appetit. Ihn zu befriedigen bedeutet nicht, sich vor dem Verhungern zu retten, sondern genussvoll eine bestimmte Speise zu sich zu nehmen. Vielleicht haben Sie zum Beispiel heute Appetit auf Herrgottsbscheißerle, Bayerischen Leberkäs oder Strammen Max? Erstere, die beliebten schwäbischen Maultaschen, kommen ähnlich wie ihre italienische Variante Ravioli oder die Wan Tans aus China schlicht auf den Tisch und verbergen ihre wahren Schätze im Innern. Der Legende nach sollen Mönche des schwäbischen Klosters Maulbronn während des Dreißigjährigen Krieges verbotenerweise Fleisch in der Fastenzeit gegessen haben. Ob sie dies in Teigtaschen verpackten, ist unklar. Aber der Begriff Herrgottsbscheißerle bezeichnet seitdem hochwertig gefüllte schwäbische Maultaschen – während der Fastenzeit genauso wie an den übrigen Tagen im Jahr.

Chris Kurbjuhn flickr StrammerMax

Der Leberkäs hingegen verwirrt den Unwissenden, ist in dieser rechteckigen Brühwurst heutzutage meist weder Leber noch Käse, sondern klassisch bayerisch nur gepökeltes Rindfleisch, fettreiches Schweinefleisch, Speck, Wasser, Salz und Majoran. Da nicht sein darf, was nicht sein kann, muss laut Vorschrift Leberkäse außerhalb von Bayern übrigens einen bestimmten Prozentanteil Leber enthalten, um die Verbraucher nicht irrezuführen. Außer das Produkt heißt Bayerischer Leberkäse. Dann gilt … siehe oben. Käse muss diesem, einem Käselaib ähnlich geformten Wurststück allerdings nicht zugefügt werden – weder innerhalb noch außerhalb Bayerns.

Bleibt der Stramme Max, ein von mir in der Kindheit geliebtes Gericht (gleich nach Toast Hawaii), dessen Namensbezeichnung für eine Scheibe Mischbrot, eine Scheibe gekochter Schinken und ein Spiegelei obendrauf sich mir nie erschlossen hatte. Hätten meine Eltern die Herkunft gewusst, hätten sie mir diese sicher auch verschwiegen, bezeichneten doch vor hundert Jahren die Sachsen des Mannes „bestes“ Stück im Zustand höchster Erregung als Strammen Max. Der Zusammenhang ist offensichtlich … Für die Sachsen damals schon, denn im Gegensatz zu heute war eine derartig aufgepeppte Scheibe Brot stramm, üppig und nahrhaft. Den Rest überlasse ich Ihrer Fantasie.

Darf’s zum Nachtisch noch ein Apfelstrudel sein? Auch hier ist die Bezeichnung althochdeutschen Ursprungs, stredan bedeutet wallen, leidenschaftlich glühen, und tatsächlich sah die Mehlspeise im 16. Jahrhundert einem Wasserstrudel ähnlich, denn sie wurde schneckenförmig gewunden. Erst zum Ende des 16. Jahrhunderts begannen Konditoren, den Strudel mit allen möglichen süßen Köstlichkeiten zu füllen.

Ob mit großem Hunger oder leichtem Appetit, ich wünsche Ihnen eine genussvolle

Mahlzeit

Rufus Barke