24.06.2015

„Hallo, Halt, stopp, diesen Karton ins Schlafzimmer!!“ „Bitte seien Sie vorsichtig mit dem Tisch!!“ „Nein, die Lampen kommen erst mal in den Keller ...“ Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit ordentlich Adrenalin im Blut bei unserem letzten Umzug – dem ersten Umzug überhaupt mit einem professionellen Umzugsteam – in unser „Eigenheim“ quasi zum Feldwebel mutierte, um all die tapferen Helfer in „meinem Sinne“ zu koordinieren. Und das war nur der Umzug von zwei (!) Personen. Jetzt wurde ich Anfang Juni auf der dänischen Insel Aeroe Zeuge, wie ganze Völker umziehen: 25.000 Bienen waren ausgeschwärmt, um neue Staaten zu gründen. Das ist der Zeitpunkt, an dem der Imker schnell handeln muss, um seinen geschwärmten Bienen einen neuen Stock (oder mehrere) anzubieten. Bienen Imker Aeroe barke

Schon am Tag der Ankunft auf Aeroe schlüpfte ich in die Imkerkluft und wagte mich inmitten der Bienenstöcke: In einer riesigen Traube hingen zwei Völker im Baum, die die Imkerin vorsichtig in eine Übergangsbox lockte. Diese trugen wir zunächst in einen kühlen Raum (witzigerweise die in der kühlen Scheune untergebrachte Sauna). Stufe 2 am nächsten Tag löste dann Adrenalin pur aus – bei allen Beteiligten: Nehmen die Bienen den neuen Stock an oder machen sie sich wieder auf den Weg? In unserem Fall hat es geklappt: In atemberaubender Geschwindigkeit gaben die Bienen die notwendigen Informationen an ihre Mitbewohnerinnen weiter und auf – mir unverständlichem – Kommando krabbelten beide (!) Schwärme ins neue „Haus“. (Link zum Video auf facebook) Was für mich absolut chaotisch aussah, ist eine logistische und kommunikative Meisterleistung. Und dafür brauchten die 25.000 Bienen nur gut vier Stunden. Wir haben deutlich länger gebraucht. OK, sie hatten keine Möbel und auch keine Kisten voller Kram dabei, allerdings mussten sie das Innere ihres Hauses ja auch erst bauen. Dies ging trotz schwindenden Lichts sofort los und tags darauf ließ sich dann der berühmte Schwänzeltanz beobachten, mit denen die Bienen ihre Informationen zum neuen Standort, zu nahe gelegenen Futterplätzen und eine Fülle weiterer Informationen an ihre Artgenossen weitergeben. Auf dass sich die Königin und der Staat wohl fühle!

Jetzt produzieren die fleißigen Bienen wieder unermüdlich Honig, um genügend Wintervorräte anzulegen. Seit diesem Schwarmerlebnis habe ich absoluten Respekt vor ihrer Meisterleistung, sowohl geordnet umzuziehen als auch Honig zu produzieren. Und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Löffel ihres herrlichen Rapsblütenhonigs, den ich eigenhändig genussfähig machen durfte. Bei der Verarbeitung der prall gefüllten Waben durfte ich bei der Entdeckelung, dem Schleudern, dem Filtern und dem Stampfen mit anpacken.

In diesem Sinne wünscht Ihnen eine süße und köstliche Mahlzeit
Rufus Barke

 

17.06.2015

So mancher Mitmensch redet gerne viel. Oder auch gerne, viel und häufig auch noch unaufhörlich. Sozusagen ohne Punkt und Komma. Nur: Immer öfter wird auch so geschrieben. Es herrscht eine gähnende Leere an Satzzeichen, insbesondere in Echtzeit-Medien wie SMS-Nachrichten, Whatsapp-Botschaften oder Twitter-Tweeds, bei deren Benutzung solche wichtigen Lückenfüller wie das profane Komma selten en vogue sind. Dabei ist der Beistrich, wie er in Österreich auch gerne genannt wird, prinzipiell einer der Hauptsinnstifter in der deutschen Sprache, weil er Satzteile voneinander trennt und Zugehörigkeiten regelt. Ein Beispiel gefällig? Sie kennen bestimmt die Geschichte über den König, der von einem zum Tode verurteilten Bösewicht ein Begnadigungsgesuch erhält. Der Bote des Königs überbringt die Antwort an den Henker auf einem Schriftstück, auf dem steht: „Ich komme nicht köpfen." Was also tun? Meinte der König, dass er komme und das Köpfen tunlichst zu unterlassen sei? Oder wollte er sagen, dass er nicht komme und der Henker gefälligst seines Amtes walten solle? Ein fehlendes Komma (oder eines am falschen Platz) kann also den Sinn eines Satzes komplett verändern. Kommasetzung

Geköpft zu werden aufgrund eines nicht vorhandenen Kommas ist heute – puh! – reichlich unwahrscheinlich geworden. Aber wer Schulaufsätze liest, weiß um ein Komma-Sterben großen Ausmaßes, befördert durch eine Rechtschreibreform, die an Stellen, wo das Komma einst verpflichtend gesetzt werden musste, seine Nutzung nun dem Gutdünken des Autors überlässt. Und weil so mancher Autor seine Sätze kaum mit Kommata düngt, entsteht eine sprachlich eher fade Kost. Daher gestehe ich heute, hier an dieser Stelle und in besonderer Form, Ihnen, werte Leser: Ich bin ein Freund des Kommas. Ich mag das unauffällige Strichlein im Bodenbereich der Sätze, sein unscheinbares Auftreten und seine ebenso auffällige Begabung, Sätzen Rhythmus zu verleihen. Und auch wenn das saloppe und eilige Formulieren von Botschaften dem momentanen Zeitgeist entsprechen sollte, so appelliere ich an alle Vermeider und Verächter des Beistrichs: „Komma her!“

„Mahlzeit!“ mit hoffentlich keiner faden Kost wünscht
Ihr Marcel Pannes

 

10.06.2015

Sie ist ja gerade in aller Munde, die Totalüberwachung. Nichts, was wir schreiben, bloggen, posten, twittern etc., bleibt noch ungesehen bzw. ungelesen. Irgendwer liest ja immer mit, soweit wir mittlerweile wissen. Und vermutlich ist das meiste, was auf diversen Kanälen kommuniziert wird, für die Ausspäher auch eher quälend langweilig als brennend interessant. Ebenso wie vieles, was an Telefonen, Handys und Smartphones, zumindest in der Öffentlichkeit, so preisgegeben wird. Daran dürften vor allem Beziehungsberater und Mithörmasochisten ihre helle Freude haben. Wer öfter mal Bahn fährt, weiß, wovon ich rede. Außer genervtes Augenrollen haben diese Vollzeitplaudertaschen aber normalerweise keine Konsequenzen für ihre öffentlichen Verlautbarungen zu befürchten. Anders als anscheinend viele Fußballer und Trainer, die in letzter Zeit nur noch Gespräche hinter vorgehaltener Hand führen, damit ja keine taktische Finesse an die Öffentlichkeit oder, noch schlimmer, an die gegnerische Mannschaft gelangt. ThorstenRockstarflickr2

Was amerikanischen Football- und Basketballstars, die beim trash talk (dem Verhöhnen des Gegners) oder beim konspirativen Getuschel nicht gerne belauscht werden möchten, recht ist, ist den fußballerischen Promis rund um den Globus nur billig. Und so werden Anweisungen, Anpöbeleien und Angebereien neuerdings nur noch flüsternd und abgeschirmt weitergegeben. Allerdings wollen nicht alle Medien sich kampflos von den wertvollen Insiderinformationen abschneiden lassen und holen zum Gegenschlag aus. So hat der Bezahlsender Sky bereits eine Lippenleserin dafür bezahlt, Traineranweisungen und angebliche Spielerbeschimpfungen zu entschlüsseln. Wie sie die Lippenbewegungen hinter vorgehaltener Hand, trotz Feldstechers, erkennen konnte, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Eines der wenigen Geheimnisse, das noch bleibt, wenn ansonsten fast alles freimütig und freiwillig preisgegeben wird. Und was auch bleiben wird, ist die Freude am Reden über Fußball. Und da tut sich ein anderer Sender geradezu vorbildlich hervor, Sport 1. Dort wird über Fußball gefachsimpelt, schwadroniert, analysiert, dass es nur so eine Freude ist. Und vor allem wird über Spiele gesprochen, Spiele, die man aber nicht sieht. Zu sehen sind nur die, die darüber reden. Und jeder kann, ja soll, sogar mithören. Was für eine geniale Idee.

Eine unbelauschte Mahlzeit wünscht Ihnen Ihre

Petra Janßen

 

03.06.2015

„Die Deutschen gehen gern auf Nummer sicher“, heißt es ja oft. Versichern sie sich deshalb wohl auch so gerne, dass ihre Botschaft wirklich ankommt und unterstreichen deren Bedeutung, indem Sätze portioniert und damit bedeutungsschwangerer werden? Zum Beispiel in solchen Überschriften wie „Berlin: Wowereit hört auf: nicht unerwartet!!“ oder Textabschnitte mit drei und mehr Doppelpunkten? Das führt die eigentliche Bedeutung nahezu ad absurdum, denn das Wesen des Doppelpunkts besteht ja zum einen darin, ein Zitat einzuleiten. Eusebia fragt: „Kann ich noch einen Kaffee bekommen?“ Und der Doppelpunkt steht zum anderen vor Sätzen, die das vorher Gesagte zusammenfassen oder eine Schlussfolgerung daraus ziehen: Er fasst das vorher Gesagte zusammen oder zieht daraus eine Schlussfolgerung: der Doppelpunkt vor dem Satz! Doppelpunkt2

Er ist auch dazu da, Texte lebendiger zu gestalten, indem er eine Zäsur setzt und signalisiert: Luft holen beim Lesen, hier kommt noch was. Dramaturgisch kann er auch genutzt werden, um Geschwindigkeit in einen Text zu bringen. Wir lesen Texte von links nach rechts und damit auch chronologisch, heißt (Achtung, Doppelpunkt): Was links vom Doppelpunkt steht, ist zeitlich früher als das, was rechts vom Doppelpunkt steht. Was der arme Doppelpunkt allerdings nicht kann, ist sprachlich heiße Luft aufzuwerten. Mode ist hingegen die „Ein-Wort-Betonung“: „Die CDU ist eine Männerpartei. Drei Viertel ihrer Mitglieder sind männlich. Doch die Chefin ist: eine Frau.“ Nächstes Beispiel: „Die tägliche E-Mail-Flut ist vor allem eines: lästig.“

Wir von barke + partner setzen den Doppelpunkt gerne, aber sparsam ein. Denn oft machen wir lieber einen Punkt als einen doppelten. Denn wir wollen ja nur eines: Ihre Aufmerksamkeit: Auf wirklich Wichtiges lenken: Damit Sie mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens haben: Wie zum Beispiel: die nächste Mahlzeit.

Guten Appetit wünscht Ihnen: Rufus Barke. Punkt.

 

27.05.2015

Ich hatte in meiner Renovierungs-Mahlzeit Anfang März geschrieben, dass man mich eher im Baumarkt als in einem Schuhladen findet. Manchmal aber, ich gebe es zu, bin ich auch in einem Schuhgeschäft zugegen. Wie gestern. Mit meinen Lieblingsschuhen an den Füßen stiefelte ich in besagtes Geschäft und schaute innerhalb von zehn Sekunden auf das völlig fassungslose Gesicht einer Dame, die mir zu Hilfe eilte. Sie schien es auch wirklich so zu meinen - „Hilfe“ - und, ehrlich gesagt, sie hatte ja recht! Meine heißgeliebten, bequemen schwarzen Boots, die ich jetzt schon zwei Jahre fast täglich trage, sind einfach komplett ausgelatscht und abgewetzt. Und ganz so sauber waren sie auch nicht mehr.  keith elwood flickr boots

Da ich vor einigen Wochen schon einmal durch dieses Geschäft bummelte und besagte Boots dort zwar in meiner Größe, jedoch einer anderen Farbe gesehen hatte, tat ich mir und auch der Verkäuferin einen Gefallen: Ich bat sie, mir unbedingt dabei zu helfen, diese Schuhe zu finden. Und tatsächlich waren sie sogar noch da. Und nicht nur in einem schönen, dunklen Grau sondern auch einem „modisch verwaschenen“ Rot. Und jetzt??? Ich, die ich mich in manchen Dingen mit Entscheidungen schwer tue, stehe nun hier vor zwei Paar „Lieblingsschuhen.“ Die sehr nette und geradezu witzige Verkäuferin versuchte, mir die Vorteile beider Farben nahe zu bringen. Nur eines machte sie mir ganz klar: „In diesen ollen Schuhen lasse ich Sie hier nicht mehr heraus gehen!“

Sie erklärte schlicht: „Wenn sie die schwarzen Stiefel ersetzen wollen, dann müssen Sie die Grauen nehmen. Die passen zu Allem!“ Nachdem die Dame mir aber die roten Boots in meiner Größe brachte und ich nun so vor ihr stand, schick gekleidet in „Gestiefelter Kater“-Manier, wiegte sie ihren Kopf nachdenklich hin und her, um mir dann zu bestätigen, was ich schon wusste: diese roten Stiefel sind einfach klasse. „Tja, die stehen Ihnen wirklich gut!“ Ich wiederhole mich: Und jetzt??? Zwei Paar nagelneue Lieblingsschuhe, aber mein Geldbeutel flüstert ein rigoroses „No way“! Zu meinem großen Glück war meine Mutter dabei, die sich bis dato still im Hintergrund hielt. Sie grinste die Schuhfachverkäuferin an und erklärte beide Paar Schuhe für gekauft, da sie nun ein perfektes Geburtstagsgeschenk für mich habe. Mein Geburtstag ist zwar erst in ein paar Tagen, doch zum Glück darf ich trotzdem schon in meinen neuen alten Lieblings-Boots „rumstiefeln.“

Zum Imbiss laufend grüßt Sie,
Ihre Sandra Ott

 

20.05.2015

Unter Fußballfreunden wird derzeit lebhaft über das Thema Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga diskutiert. Denn: Der FC Bayern München, gefühlt seit Weihnachten bereits Deutscher Meister, hat die letzten drei Bundesligaspiele allesamt verloren. Skandalös! Mich hat so manche sich echauffierende Berichterstattung der letzten Tage sowohl belustigt als auch – als netter Nebeneffekt – an den schon zur Legende gewordenen Wutausbruch Giovanni Trapattonis erinnert, der am 10. März 1998 als damaliger Bayern-Trainer mit der „Flasche leer“ und „Ich habe fertig!“ den deutschen Wortschatz bereicherte. Ich fand sein Kauderwelsch aus italienischen, deutschen und englischen Teilen sowieso sehr amüsant. Gleiches gilt auch für die Anfänge von Pep Guardiola beim FC Bayern, der während Pressekonferenzen oder Interviews gerne den Sprachmixer hervorholte und prima Sätze wie „Don’t frag mich Meisterschaft“ oder „Es ist ein gefährliche situación!“ äußerte. Mittlerweile wuselt Guardiola jedoch so sicher durch die deutsche Sprache wie Lionel Messi jüngst durch bajuwarische Abwehrreihen. Gordon Flood/ flickr

Ganz im Gegensatz zu einem der ersten aus dem Ausland kommenden Übungsleiter in der Bundesliga, dem Kroaten Zlatko Čajkovski, der von 1962 bis 1977 in Deutschland tätig war und den alle aufgrund seiner Größe von nur 1,64 m „Tschik“ nannten (von kroatisch „Čik“, „Zigarettenstummel“). „Tschik“ blieb sich während seiner gesamten Zeit in Deutschland treu und lernte nur rudimentäres Deutsch, zu bewundern in Zitaten wie: „Man mich holen und sagen: Wir hören, Sie wollen gehen. Ich sagen: Ich nichts hören. Ich bleiben. Die sagen: Sie taktisch schlecht. Ich mich greifen an Stirn.“ Noch einen anderen Ansatz verfolgte Ernst Happel, einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Happel war Österreicher und 1983 beim HSV tätig, hatte aber auch in Belgien und Holland gelebt. Er sprach vier Sprachen, allerdings alle gleichzeitig (Wenn er überhaupt sprach, bei Pressekonferenzen sagte er bisweilen: „Dieses Spiel hatte zwei verschiedene Halbzeiten, ich danke Ihnen.“) Seine Spieler wies er oftmals so an: „Wir agieren heute mit spezifik Kontra-Attack, und wenn das nix bringt, dann Umstellung auf Hollywood.“ Aha. Die Botschaft muss angekommen sein, immerhin wurde der HSV 1983 Europapokalsieger unter Happel.
Mir gefallen solche eigenwilligen sprachlichen Mischungen, zeigen sie doch, dass sich jemand mal über Regeln hinwegsetzt und die Gesetze des Redens neu bestimmt. Und dabei sogar noch verstanden wird. Unverständlich ist mir hingegen das momentane Gerede über Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga. Das Schöne am Fußball ist doch, dass auch der SC Freiburg gegen die großen Bayern mal gewinnen kann. Außerdem findet am Wochenende ja auch noch ein Spieltag statt, da gilt es, nach vorne zu schauen. Oder, wie es Lothar Matthäus einst formulierte: „I look not back, I look in front!“

Ballsicher “Mahlzeit!” wünscht
Ihr Marcel Pannes

 

13.05.2015

Daheim oder nicht daheim? Das ist nicht die Frage. Die Frage lautet heute doch eher Zuhause oder nicht Zuhause. Das Heim scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Ist ebenso altertümlich und antiquiert wie der Oheim, dessen Anwesenheit heute auch nicht mehr so notwendig ist wie zu Zeiten, als ledige sowie verwitwete Frauen unter die Vormundschaft eines männlichen Verwandten fielen. Ob das Heim unter diesen Umständen als heimelig wahrgenommen wurde, steht ebenfalls in Frage. Diejenigen, die sich heute in den als „Heim“ titulierten Aufenthaltsorten befinden, können häufig nicht (mehr) selbst darüber entscheiden, ob sie diesen Ort wirklich zu „ihrem“ Heim machen wollen.
In Heimen sind in unseren Tagen ja vorzugsweise Tiere und alte Menschen untergebracht. Diejenigen also, von denen wir glauben, dass sie unseres Schutzes und unserer Entscheidungen bedürfen. Den Gegenpart dazu bildet das Eigenheim, das sich trotzig der Verheimlichung von Bedürftigkeit und Schwäche entzieht und sich, mal dezent, mal protzig sein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet und dieses gegen die Gleichförmigkeit oder die gefühlte Ereignislosigkeit des Alltags stemmt. Und während im puristischen Sichtbeton-Architektenhaus die Großzügigkeit und Weite der Existenz zelebriert wird, werden in anderen Eigenheimen derart anheimelnde Szenarien kreiert, dass die vor der Tür lauernde Realität keinerlei Chance hat, zwischen Kissen, Decken, Tüchern, Körben, Gestecken, Vorhängen etc. auch nur eine klitzekleine Ritze zu finden. philflieger flickr
Hier, wo die Gemütlichkeit wohnt, wohnt auch das Geheimnis, denn hier gibt es Plätze zum Verstecken, hier lassen sich Dinge verheimlichen, indem sie zwischen vielem anderen einfach gar nicht auffallen. Große, sparsam möblierte Räume dagegen zeigen alles her. Hier lässt sich nichts unter den Teppich kehren, hier tritt alles offen zutage. Ganz und gar unheimliche Orte also. Ist das Heim damit ein Hort des Verborgenen, Unentdeckten und Geheimnisvollen? Ich weiß es nicht. Was ich dagegen weiß ist, dass ich aus meiner Mahlzeit heute kein Geheimnis machen werde. Wie Sie es halten, sei Ihnen, wie schon mein Kollege Marcel Pannes wörterrettend formulierte, anheimgestellt.

Eine Mahlzeit in anheimelnder Atmosphäre wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

 

07.05.2015

Den Mai-Feiertag habe ich mal wieder genutzt, um ein paar Tage an die Nordsee zu fahren. Mich zieht es immer wieder dahin und auch bei anderen besteht anscheinend Ansteckungsgefahr, wie Sie noch sehen werden. Auf Wunsch meiner Tochter waren wir unter anderem in der Seehund-Station in Norddeich. Damit wir nicht nur durch große Scheiben auf fünf kleine Kegelrobben und die beiden Seehunde gucken, sondern auch Informationen über die „Bewohner“, das Watt und den Nationalpark bekommen, haben wir uns spontan entschieden, an einer Führung teilzunehmen.

Die dafür zuständige Meeresbiologin war klasse. Mit lockerem Mundwerk brachte sie unsere Gruppe, die aus mehreren Kleinkindern, Teenies, Familien, Einzelpersonen und einer flotten älteren Dame mit Rollator bestand, die Seehundstation nahe. Ob es nun die verschiedenen Robbenarten waren (und nein, Arjen Robben gehört nicht zu dieser Gattung, und ja, diesen Witz hört sie jeden Tag mehrmals!), das Leben im Watt und wie das so mit Ebbe und Flut funktioniert, sie erklärte und erzählte alles mit so viel Begeisterung und Witz, dass Kinder wie Erwachsene wirklich viel Spaß dabei hatten. Wussten Sie, dass eine Seehund-Ehe nur 5 Minuten dauert? Seehund-Muttermilch 55 % Fettanteil enthält (Kuhmilch bekanntlich „nur“ ca. 3,5%) und ein Seehundbaby in nur vier Wochen dadurch etwa 27 kg zunimmt? Nein? Tide Bier Varel Ebbe Flut Ich auch nicht. Schon einmal gesehen, wie mit drei kleinen Kindern Ebbe und Flut simuliert wird? Sehr lustig auf jeden Fall, das kann ich Ihnen sagen.

Apropos Ebbe und Flut: Dort oben, genauer in Varel, gibt es ein dunkles Bio-Bier namens Tide. Das schmeckt nicht nur sehr lecker, es wird auch witzig serviert. Ist das Glas gefüllt, liest man im Schaum das Wörtchen FLUT. Geht das Bier zur Neige, wird das Wort EBBE sichtbar. Die Gläser finden laut der netten Bedienung oft auch nicht mehr den Weg zurück hinter die Theke, sie wandern allzu oft in des Trinkers Taschen und verschwinden.
Ach ja, Wandern: Wandern an frischer Seeluft macht müde, und jedes Mal, wenn wir an der Küste weilen, kommt das Sandmännchen bei uns viel früher vorbei als gewohnt. Am Abendbrottisch des zweiten Tages, als ich meine Tochter lachend darauf hinwies, dass sie nun zum vierten Male gegähnt habe, antwortete sie schläfrig: „Ach Mama, ich glaube, ich habe akutes Friesland!“

Genießen Sie Ihre Mittagspause,
Mahlzeit! Wünscht Ihre
Sandra Ott

 

29.04.2015

Während einer Recherche im Netz stieß ich auf einem Portal für Manager, Fach- und Führungskräfte auf diesen Hinweis: „Verschenken Sie gemeinsame Zeit!“ Und wurde dort – man höre und staune – sogar auf eine extra Website zu diesem Thema hingewiesen. Die Idee dahinter: Man soll, statt anderen mehr oder weniger nützliche Dinge zu schenken, besser gemeinsam erlebte Zeit verschenken und so Ressourcen schonen und für eine nachhaltigere Welt sorgen. An sich eine schöne Idee. Doch was ist dann mit meiner verschenkten Zeit? Wo ist die hin? Gebe ich 25 Euro für Blumen aus, ist das Geld aus meinem Portemonnaie verschwunden und liegt beim Blumenhändler in der Kasse. Greifbar. In Scheinen. Sichtbar.
Aber verschenkte Zeit? Salendron flickr Zeit Uhr Taschenuhr Gibt es ein Zeitkonto, das irgendwann in die Miesen rutschen kann? Oder – oh Schreck – segne ich gar früher das Zeitliche, wenn ich zu viel von meiner Zeit verschenke? Und wie sieht es aus, wenn ich mir die Zeit nehme, etwas zu tun: Woher nehme ich diese Zeit dann? Oder wenn ich Zeit verplempere, zum Beispiel wenn ich über das Phänomen Zeit räsoniere, in der Hoffnung, dass ich Ihre Zeit nicht stehle, wenn Sie diese Zeilen lesen? Zeit ist ja ein menschliches Konstrukt – unser Haustier Anton, der siamesische Kampffisch, hat mit Sicherheit kein Gefühl für Zeit. Er muss weder Zeit bis zur nächsten Fütterung schinden noch wird er Zeit verlieren, wenn er ein bisschen später als gewohnt zum Futterloch schwimmt. Wir Menschen hingegen, wir haben den Finger am Puls der Zeit, verbummeln sie auch mal oder schlagen sie gar tot, wenn wir auf etwas warten müssen. Als verlorene Zeit empfinden wir dies. Und anders als verlorene Schlüssel können wir verlorene Zeit offensichtlich nicht wiederfinden. Schade!
Noch liege ich gut in der Zeit mit dieser Kolumne, aber da wir ja nicht alle Zeit der Welt haben und die Zeit wie im Fluge vergeht, wünsche ich Ihnen jetzt eine erholsame Mahl-Zeit.

„Möge es munden!“ wünscht Ihnen

Rufus Barke

22.04.2015

„Obacht!“, verehrte Leserinnen und Leser, allenthalben stibitze ich nun fürwahr Ihre werte Aufmerksamkeit für ein Stelldichein mit kess-knorkigem sprachlichen Firlefanz – verbunden mit der Bitte um geflissentliche Kenntnisnahme. „Potzblitz!“, werden Sie sich nun denken, „dergestaltige Wortklaubereien kommen mir alldieweil weidlich gelegen.“ Womit Sie selbstverständlich recht haben. Denn: Das famos-fidele Intro dieser Kolumne kommt möglicherweise etwas altbacken und hanebüchen daher, weist jedoch ohne Fisimatenten auf das heutige Thema hin: Bedrohte Wörter aller Art! Sollten Sie nun derenthalben bass erstaunt sein, ja, sollte es Ihnen flugs sogar ein wenig blümerant werden, so versichere ich Ihnen, dass die Erwähnung solch sprachlicher Kleinode mehr Labsal als Garstigkeit ist. Ich bin nämlich der Meinung, dass gerade die alten Wörter ihre ganz eigene Schönheit entfalten, wenn man sie im entsprechenden Kontext benutzt. 
Songkran/flickr
Wann haben Sie zum Beispiel zuletzt zum Fernsprecher gegriffen, um jemanden fernmündlich ins Lichtspielhaus einzuladen? „Ei der Daus!“, mögen Sie sich nun denken, „dieses Glück war mir schon eine Weile nicht mehr hold.“ Mich deucht, dass Sie dort einen pfundigen Augen- und Ohrenschmaus erleben werden. Zu hoffen ist allerdings, dass vor Ihnen kein halsstarrig-vierschrötiger Unhold sitzt, der Ihnen alldieweil die Sicht nimmt. Ehe Sie dann jedoch zur Gardinenpredigt ansetzen, sei das heimische Pantoffelkino empfohlen, bei dem der Sendeschluss seit Jahren ja bekanntlich Makulatur ist.

Ob Sie nun sagen „Alle Wetter! Welch dufte Idee!“ oder sich denken „Alles Kokolores! Mein Steckenpferd sind Techtelmechtel in der Badeanstalt“ – das sei Ihnen anheimgestellt. Allein, nur Maulaffen feilzuhalten wäre töricht.

Eine erquickliche Mahlzeit wünscht
Ihr Marcel Pannes