27.05.2015

Ich hatte in meiner Renovierungs-Mahlzeit Anfang März geschrieben, dass man mich eher im Baumarkt als in einem Schuhladen findet. Manchmal aber, ich gebe es zu, bin ich auch in einem Schuhgeschäft zugegen. Wie gestern. Mit meinen Lieblingsschuhen an den Füßen stiefelte ich in besagtes Geschäft und schaute innerhalb von zehn Sekunden auf das völlig fassungslose Gesicht einer Dame, die mir zu Hilfe eilte. Sie schien es auch wirklich so zu meinen - „Hilfe“ - und, ehrlich gesagt, sie hatte ja recht! Meine heißgeliebten, bequemen schwarzen Boots, die ich jetzt schon zwei Jahre fast täglich trage, sind einfach komplett ausgelatscht und abgewetzt. Und ganz so sauber waren sie auch nicht mehr.  keith elwood flickr boots

Da ich vor einigen Wochen schon einmal durch dieses Geschäft bummelte und besagte Boots dort zwar in meiner Größe, jedoch einer anderen Farbe gesehen hatte, tat ich mir und auch der Verkäuferin einen Gefallen: Ich bat sie, mir unbedingt dabei zu helfen, diese Schuhe zu finden. Und tatsächlich waren sie sogar noch da. Und nicht nur in einem schönen, dunklen Grau sondern auch einem „modisch verwaschenen“ Rot. Und jetzt??? Ich, die ich mich in manchen Dingen mit Entscheidungen schwer tue, stehe nun hier vor zwei Paar „Lieblingsschuhen.“ Die sehr nette und geradezu witzige Verkäuferin versuchte, mir die Vorteile beider Farben nahe zu bringen. Nur eines machte sie mir ganz klar: „In diesen ollen Schuhen lasse ich Sie hier nicht mehr heraus gehen!“

Sie erklärte schlicht: „Wenn sie die schwarzen Stiefel ersetzen wollen, dann müssen Sie die Grauen nehmen. Die passen zu Allem!“ Nachdem die Dame mir aber die roten Boots in meiner Größe brachte und ich nun so vor ihr stand, schick gekleidet in „Gestiefelter Kater“-Manier, wiegte sie ihren Kopf nachdenklich hin und her, um mir dann zu bestätigen, was ich schon wusste: diese roten Stiefel sind einfach klasse. „Tja, die stehen Ihnen wirklich gut!“ Ich wiederhole mich: Und jetzt??? Zwei Paar nagelneue Lieblingsschuhe, aber mein Geldbeutel flüstert ein rigoroses „No way“! Zu meinem großen Glück war meine Mutter dabei, die sich bis dato still im Hintergrund hielt. Sie grinste die Schuhfachverkäuferin an und erklärte beide Paar Schuhe für gekauft, da sie nun ein perfektes Geburtstagsgeschenk für mich habe. Mein Geburtstag ist zwar erst in ein paar Tagen, doch zum Glück darf ich trotzdem schon in meinen neuen alten Lieblings-Boots „rumstiefeln.“

Zum Imbiss laufend grüßt Sie,
Ihre Sandra Ott

 

20.05.2015

Unter Fußballfreunden wird derzeit lebhaft über das Thema Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga diskutiert. Denn: Der FC Bayern München, gefühlt seit Weihnachten bereits Deutscher Meister, hat die letzten drei Bundesligaspiele allesamt verloren. Skandalös! Mich hat so manche sich echauffierende Berichterstattung der letzten Tage sowohl belustigt als auch – als netter Nebeneffekt – an den schon zur Legende gewordenen Wutausbruch Giovanni Trapattonis erinnert, der am 10. März 1998 als damaliger Bayern-Trainer mit der „Flasche leer“ und „Ich habe fertig!“ den deutschen Wortschatz bereicherte. Ich fand sein Kauderwelsch aus italienischen, deutschen und englischen Teilen sowieso sehr amüsant. Gleiches gilt auch für die Anfänge von Pep Guardiola beim FC Bayern, der während Pressekonferenzen oder Interviews gerne den Sprachmixer hervorholte und prima Sätze wie „Don’t frag mich Meisterschaft“ oder „Es ist ein gefährliche situación!“ äußerte. Mittlerweile wuselt Guardiola jedoch so sicher durch die deutsche Sprache wie Lionel Messi jüngst durch bajuwarische Abwehrreihen. Gordon Flood/ flickr

Ganz im Gegensatz zu einem der ersten aus dem Ausland kommenden Übungsleiter in der Bundesliga, dem Kroaten Zlatko Čajkovski, der von 1962 bis 1977 in Deutschland tätig war und den alle aufgrund seiner Größe von nur 1,64 m „Tschik“ nannten (von kroatisch „Čik“, „Zigarettenstummel“). „Tschik“ blieb sich während seiner gesamten Zeit in Deutschland treu und lernte nur rudimentäres Deutsch, zu bewundern in Zitaten wie: „Man mich holen und sagen: Wir hören, Sie wollen gehen. Ich sagen: Ich nichts hören. Ich bleiben. Die sagen: Sie taktisch schlecht. Ich mich greifen an Stirn.“ Noch einen anderen Ansatz verfolgte Ernst Happel, einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Happel war Österreicher und 1983 beim HSV tätig, hatte aber auch in Belgien und Holland gelebt. Er sprach vier Sprachen, allerdings alle gleichzeitig (Wenn er überhaupt sprach, bei Pressekonferenzen sagte er bisweilen: „Dieses Spiel hatte zwei verschiedene Halbzeiten, ich danke Ihnen.“) Seine Spieler wies er oftmals so an: „Wir agieren heute mit spezifik Kontra-Attack, und wenn das nix bringt, dann Umstellung auf Hollywood.“ Aha. Die Botschaft muss angekommen sein, immerhin wurde der HSV 1983 Europapokalsieger unter Happel.
Mir gefallen solche eigenwilligen sprachlichen Mischungen, zeigen sie doch, dass sich jemand mal über Regeln hinwegsetzt und die Gesetze des Redens neu bestimmt. Und dabei sogar noch verstanden wird. Unverständlich ist mir hingegen das momentane Gerede über Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga. Das Schöne am Fußball ist doch, dass auch der SC Freiburg gegen die großen Bayern mal gewinnen kann. Außerdem findet am Wochenende ja auch noch ein Spieltag statt, da gilt es, nach vorne zu schauen. Oder, wie es Lothar Matthäus einst formulierte: „I look not back, I look in front!“

Ballsicher “Mahlzeit!” wünscht
Ihr Marcel Pannes

 

13.05.2015

Daheim oder nicht daheim? Das ist nicht die Frage. Die Frage lautet heute doch eher Zuhause oder nicht Zuhause. Das Heim scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Ist ebenso altertümlich und antiquiert wie der Oheim, dessen Anwesenheit heute auch nicht mehr so notwendig ist wie zu Zeiten, als ledige sowie verwitwete Frauen unter die Vormundschaft eines männlichen Verwandten fielen. Ob das Heim unter diesen Umständen als heimelig wahrgenommen wurde, steht ebenfalls in Frage. Diejenigen, die sich heute in den als „Heim“ titulierten Aufenthaltsorten befinden, können häufig nicht (mehr) selbst darüber entscheiden, ob sie diesen Ort wirklich zu „ihrem“ Heim machen wollen.
In Heimen sind in unseren Tagen ja vorzugsweise Tiere und alte Menschen untergebracht. Diejenigen also, von denen wir glauben, dass sie unseres Schutzes und unserer Entscheidungen bedürfen. Den Gegenpart dazu bildet das Eigenheim, das sich trotzig der Verheimlichung von Bedürftigkeit und Schwäche entzieht und sich, mal dezent, mal protzig sein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet und dieses gegen die Gleichförmigkeit oder die gefühlte Ereignislosigkeit des Alltags stemmt. Und während im puristischen Sichtbeton-Architektenhaus die Großzügigkeit und Weite der Existenz zelebriert wird, werden in anderen Eigenheimen derart anheimelnde Szenarien kreiert, dass die vor der Tür lauernde Realität keinerlei Chance hat, zwischen Kissen, Decken, Tüchern, Körben, Gestecken, Vorhängen etc. auch nur eine klitzekleine Ritze zu finden. philflieger flickr
Hier, wo die Gemütlichkeit wohnt, wohnt auch das Geheimnis, denn hier gibt es Plätze zum Verstecken, hier lassen sich Dinge verheimlichen, indem sie zwischen vielem anderen einfach gar nicht auffallen. Große, sparsam möblierte Räume dagegen zeigen alles her. Hier lässt sich nichts unter den Teppich kehren, hier tritt alles offen zutage. Ganz und gar unheimliche Orte also. Ist das Heim damit ein Hort des Verborgenen, Unentdeckten und Geheimnisvollen? Ich weiß es nicht. Was ich dagegen weiß ist, dass ich aus meiner Mahlzeit heute kein Geheimnis machen werde. Wie Sie es halten, sei Ihnen, wie schon mein Kollege Marcel Pannes wörterrettend formulierte, anheimgestellt.

Eine Mahlzeit in anheimelnder Atmosphäre wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

 

07.05.2015

Den Mai-Feiertag habe ich mal wieder genutzt, um ein paar Tage an die Nordsee zu fahren. Mich zieht es immer wieder dahin und auch bei anderen besteht anscheinend Ansteckungsgefahr, wie Sie noch sehen werden. Auf Wunsch meiner Tochter waren wir unter anderem in der Seehund-Station in Norddeich. Damit wir nicht nur durch große Scheiben auf fünf kleine Kegelrobben und die beiden Seehunde gucken, sondern auch Informationen über die „Bewohner“, das Watt und den Nationalpark bekommen, haben wir uns spontan entschieden, an einer Führung teilzunehmen.

Die dafür zuständige Meeresbiologin war klasse. Mit lockerem Mundwerk brachte sie unsere Gruppe, die aus mehreren Kleinkindern, Teenies, Familien, Einzelpersonen und einer flotten älteren Dame mit Rollator bestand, die Seehundstation nahe. Ob es nun die verschiedenen Robbenarten waren (und nein, Arjen Robben gehört nicht zu dieser Gattung, und ja, diesen Witz hört sie jeden Tag mehrmals!), das Leben im Watt und wie das so mit Ebbe und Flut funktioniert, sie erklärte und erzählte alles mit so viel Begeisterung und Witz, dass Kinder wie Erwachsene wirklich viel Spaß dabei hatten. Wussten Sie, dass eine Seehund-Ehe nur 5 Minuten dauert? Seehund-Muttermilch 55 % Fettanteil enthält (Kuhmilch bekanntlich „nur“ ca. 3,5%) und ein Seehundbaby in nur vier Wochen dadurch etwa 27 kg zunimmt? Nein? Tide Bier Varel Ebbe Flut Ich auch nicht. Schon einmal gesehen, wie mit drei kleinen Kindern Ebbe und Flut simuliert wird? Sehr lustig auf jeden Fall, das kann ich Ihnen sagen.

Apropos Ebbe und Flut: Dort oben, genauer in Varel, gibt es ein dunkles Bio-Bier namens Tide. Das schmeckt nicht nur sehr lecker, es wird auch witzig serviert. Ist das Glas gefüllt, liest man im Schaum das Wörtchen FLUT. Geht das Bier zur Neige, wird das Wort EBBE sichtbar. Die Gläser finden laut der netten Bedienung oft auch nicht mehr den Weg zurück hinter die Theke, sie wandern allzu oft in des Trinkers Taschen und verschwinden.
Ach ja, Wandern: Wandern an frischer Seeluft macht müde, und jedes Mal, wenn wir an der Küste weilen, kommt das Sandmännchen bei uns viel früher vorbei als gewohnt. Am Abendbrottisch des zweiten Tages, als ich meine Tochter lachend darauf hinwies, dass sie nun zum vierten Male gegähnt habe, antwortete sie schläfrig: „Ach Mama, ich glaube, ich habe akutes Friesland!“

Genießen Sie Ihre Mittagspause,
Mahlzeit! Wünscht Ihre
Sandra Ott

 

29.04.2015

Während einer Recherche im Netz stieß ich auf einem Portal für Manager, Fach- und Führungskräfte auf diesen Hinweis: „Verschenken Sie gemeinsame Zeit!“ Und wurde dort – man höre und staune – sogar auf eine extra Website zu diesem Thema hingewiesen. Die Idee dahinter: Man soll, statt anderen mehr oder weniger nützliche Dinge zu schenken, besser gemeinsam erlebte Zeit verschenken und so Ressourcen schonen und für eine nachhaltigere Welt sorgen. An sich eine schöne Idee. Doch was ist dann mit meiner verschenkten Zeit? Wo ist die hin? Gebe ich 25 Euro für Blumen aus, ist das Geld aus meinem Portemonnaie verschwunden und liegt beim Blumenhändler in der Kasse. Greifbar. In Scheinen. Sichtbar.
Aber verschenkte Zeit? Salendron flickr Zeit Uhr Taschenuhr Gibt es ein Zeitkonto, das irgendwann in die Miesen rutschen kann? Oder – oh Schreck – segne ich gar früher das Zeitliche, wenn ich zu viel von meiner Zeit verschenke? Und wie sieht es aus, wenn ich mir die Zeit nehme, etwas zu tun: Woher nehme ich diese Zeit dann? Oder wenn ich Zeit verplempere, zum Beispiel wenn ich über das Phänomen Zeit räsoniere, in der Hoffnung, dass ich Ihre Zeit nicht stehle, wenn Sie diese Zeilen lesen? Zeit ist ja ein menschliches Konstrukt – unser Haustier Anton, der siamesische Kampffisch, hat mit Sicherheit kein Gefühl für Zeit. Er muss weder Zeit bis zur nächsten Fütterung schinden noch wird er Zeit verlieren, wenn er ein bisschen später als gewohnt zum Futterloch schwimmt. Wir Menschen hingegen, wir haben den Finger am Puls der Zeit, verbummeln sie auch mal oder schlagen sie gar tot, wenn wir auf etwas warten müssen. Als verlorene Zeit empfinden wir dies. Und anders als verlorene Schlüssel können wir verlorene Zeit offensichtlich nicht wiederfinden. Schade!
Noch liege ich gut in der Zeit mit dieser Kolumne, aber da wir ja nicht alle Zeit der Welt haben und die Zeit wie im Fluge vergeht, wünsche ich Ihnen jetzt eine erholsame Mahl-Zeit.

„Möge es munden!“ wünscht Ihnen

Rufus Barke

22.04.2015

„Obacht!“, verehrte Leserinnen und Leser, allenthalben stibitze ich nun fürwahr Ihre werte Aufmerksamkeit für ein Stelldichein mit kess-knorkigem sprachlichen Firlefanz – verbunden mit der Bitte um geflissentliche Kenntnisnahme. „Potzblitz!“, werden Sie sich nun denken, „dergestaltige Wortklaubereien kommen mir alldieweil weidlich gelegen.“ Womit Sie selbstverständlich recht haben. Denn: Das famos-fidele Intro dieser Kolumne kommt möglicherweise etwas altbacken und hanebüchen daher, weist jedoch ohne Fisimatenten auf das heutige Thema hin: Bedrohte Wörter aller Art! Sollten Sie nun derenthalben bass erstaunt sein, ja, sollte es Ihnen flugs sogar ein wenig blümerant werden, so versichere ich Ihnen, dass die Erwähnung solch sprachlicher Kleinode mehr Labsal als Garstigkeit ist. Ich bin nämlich der Meinung, dass gerade die alten Wörter ihre ganz eigene Schönheit entfalten, wenn man sie im entsprechenden Kontext benutzt. 
Songkran/flickr
Wann haben Sie zum Beispiel zuletzt zum Fernsprecher gegriffen, um jemanden fernmündlich ins Lichtspielhaus einzuladen? „Ei der Daus!“, mögen Sie sich nun denken, „dieses Glück war mir schon eine Weile nicht mehr hold.“ Mich deucht, dass Sie dort einen pfundigen Augen- und Ohrenschmaus erleben werden. Zu hoffen ist allerdings, dass vor Ihnen kein halsstarrig-vierschrötiger Unhold sitzt, der Ihnen alldieweil die Sicht nimmt. Ehe Sie dann jedoch zur Gardinenpredigt ansetzen, sei das heimische Pantoffelkino empfohlen, bei dem der Sendeschluss seit Jahren ja bekanntlich Makulatur ist.

Ob Sie nun sagen „Alle Wetter! Welch dufte Idee!“ oder sich denken „Alles Kokolores! Mein Steckenpferd sind Techtelmechtel in der Badeanstalt“ – das sei Ihnen anheimgestellt. Allein, nur Maulaffen feilzuhalten wäre töricht.

Eine erquickliche Mahlzeit wünscht
Ihr Marcel Pannes

 

15.04.2015

Dies wird eine ultimative Lobhudelei. Eine Lobeshymne auf all die Geschäftstreibenden, die keine Mühen gescheut haben, durch sprachlich herausragende Kreationen auf sich und ihre Betriebe hinzuweisen. Ob dass sich der Name ihres geschätzten Unternehmens oder Unterfangens auf den ersten Blick ins Gehirn versenke, ja geradezu verschraube, auf dass auch noch die zungenbrecherischsten oder haarsträubendsten Bezeichnungen die Kunden in Scharen anlocken mögen. Apropos haarsträubend: Gerade unter Friseuren feiern die Wortscherereien fröhliche Urständ. So gelang es mir jüngst nur um Haaresbreite, mich nicht von den professionellen Kopfarbeitern von „Haareszeiten“ unter die Haube bringen zu lassen. Auch das Angebot der „Liebhaarber“ konnte ich nur schwer ausschlagen. Nicht in Frage aufgrund meiner Haarlänge kam dagegen für mich von vornherein das „Haarpunzel-Studio“. Und auch wenn mir Querdenken durchaus liegt, der Friseur namens „Querschnitt“ erscheint mir nicht wirklich vertrauenerweckend. Wenden wir uns also wieder den Kreaktivisten unter den Ladeninhabern zu.  Heinun

Einer meiner Favoriten ist der Imbissbetreiber mit Hang zu spanischer Literatur, der in kongenialer Vermischung von orientalischer Küche und iberischer Kampfkunst den gegen Windmühlen kämpfenden Don Quichotte zum Namensgeber seiner Dönerbude gemacht und diesem damit ein einzigartiges sprachliches Denkmal gesetzt hat. Im „Döner Quichote“ treffen Spießgesellen auf Spießbraten, La Mancha auf Lahmacun und Tapas auf Tava. Hier wird ein europäisch-arabisches Miteinander(essen) zelebriert, das gegen alle Widerstände den schnellen Genuss in den Mittelpunkt stellt, und wo der im Sommer in der schwülen Grillhitze kreiselnde Ventilator die moderne Entsprechung der literarischen Vorlage darstellt. Anbetungswürdig! Dagegen müssen viele andere Namensschöpfungen notgedrungen zurückstehen. Die vielfältigen Wortspiele zum Thema Bar beispielsweise. Gegen die „Bar jeder Vernunft“ lässt sich nur schwer ankommen. Die „Furchtbar“ versucht es immerhin und erzielt einen Achtungserfolg. Ganz vorne mit dabei in meinem persönlichen Ranking ist ein weiterer Kulturmix. Und damit meine ich nicht einen dieser „indisch-chinesisch-italienischen“ Schnelllieferservices, die noch jedes Essen in multikulturelle Pampe verwandeln.

Nein, ich meine das „Hei Nun“. Dieser mit solcher Eleganz in den chinesischen Sprachduktus überführte Begriff aus dem klassischen Western entfaltet seine ganze Schönheit erst beim längeren Betrachten des Restaurantschildes. Und erst dann fällt einem eine weitere Raffinesse ins Auge. Eine, die Maßstäbe setzt. Sprachlich wie kulinarisch – und wortwörtlich. Denn im „Hei Nun“ kennt man seine Grenzen, hier wird nicht die große (Sprach-)Keule geschwungen, hier bleibt man bescheiden und dennoch authentisch. Im „Hei Nun“ werden Maßstäbchen gesetzt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Respekt.

Ob Döner oder Dim Sum,
ich wünsche Ihnen eine angenehme Mahlzeit ohne Haar in der Suppe.

Ihre Petra Janßen

 

08.04.2015

Ich bin schon immer sehr dem Sport verbunden. Nicht nur vor dem TV, auch aktiv versuche ich mich seit jeher fit zu halten. Als Kind wuchs ich quasi beim ehemaligen Fußball-Zweitligisten Union Solingen auf, hatte ein Pony, war im Leichtathletik-Verein und als großer Boris Becker-Fan natürlich in der Tennis-AG meiner Schule. Am meisten interessiert mich seit 1984 jedoch das Boxen und der Kampfsport allgemein. In diesem Jahr nämlich hatte ich die Ehre, den großen Muhammad Ali zu treffen. Seitdem bin ich „im Boxgeschäft“ – wenn auch lange Zeit tatsächlich „nur“ vor dem Fernseher. Bis ich vor sechs Jahren mit dem Kung-Fu anfing und nun über meine Tochter zum Kickboxen kam – und mich dort komplett zu Hause fühle. Muhammad Ali /privat

Noch bin ich bei Wettkämpfen nur als betreuende Mama aktiv. Was mir während der Kämpfe auffällt: Die Kommunikation zwischen Trainer und (Kick-)Boxer ist meist sehr einseitig. Der Trainer coacht, spornt an oder beruhigt, der Boxer… nimmt so gut wie nichts wahr. Der letzte Fight meiner Kollegin, den sie mangels Gegnerinnen in ihrer Leistungsklasse bei den Herren absolvieren „durfte“, ist dafür ein gutes Beispiel. Auf meine Frage, was der Trainer ihr vom Rand zugerufen hat, sagte sie: „Keine Ahnung! Ich habe nichts gehört, war wie im Tunnel!“

Beim Training merke ich es selber: Vor lauter Konzentration auf das, was ich eigentlich machen soll, nämlich meine „Jabs“ und „Punches“ möglichst durch die Deckung meines Gegners zu bringen und nebenher noch darauf zu achten, dass ich die Beinarbeit und Kicks und natürlich meine eigene Deckung nicht vergesse, höre ich den Trainer kaum. Es ist wie eine Funkverbindung bei extrem schlechter Wetterlage: „Sandra…. mit links… vergiss die… und jetzt… Deckung hoch…“ Alle Tipps und Kommandos dazwischen verschwinden im Niemandsland meines sonst recht multitaskingfähigen Synapsen-Universums. Auch von meiner Seite aus ist eine Kommunikation leider sehr eingeschränkt: Durch meinen Zahnschutz kann ich bei Kritik weder freche Bemerkungen zurückgeben, noch meinen Gegner „provozieren“, wie Ali es so schön konnte. Ich bin einfach schon froh, dass ich genug Luft durch diesen Klumpen Gummi in meinem Mund einatmen kann, um nicht aus lauter Sauerstoffmangel umzukippen.

In diesem Sinne: Mit vollem Mund spricht man eh nicht!

Mahlzeit! wünscht
Ihre
Sandra Ott

 

01.04.2014

Jetzt, so kurz vor Ostern, animieren uns zahlreiche Produzenten von Süßwaren zum eifrigen Kauf von Ostereiern, die dann vor den lieben Kleinen versteckt werden sollen. Sehr zuvorkommend nehmen uns die Hersteller das lästige Kaufen einzelner Eier gerne ab und packen gleich mehrere in einen herrlichen Bastkorb: „Dieser Osterkorb weist viele unterschiedlich leckere Eier auf.“ Mal davon abgesehen, dass ich bei dieser Formulierung skeptisch bin, ob wirklich alle Eier lecker schmecken, möchte ich den Werbedichter fragen, auf was er mich hinweist, wenn der Korb Eier aufweist. Meint er doch eigentlich, in diesem Korb liegen viele Eier. Aufweisen ist nur scheinbar ein echtes Verb, denn wer etwas aufweist, tut eigentlich nichts – er hat nämlich nichts aufzuweisen. Wenn ich schaue, welche Synonyme es zu aufweisen gibt, entdecke ich aufzeigen. Und finde diesen Satz: „Kindern sollte man frühzeitig mögliche Bildungswege aufzeigen.“ Fragte man diese Kinder, würden sie wahrscheinlich aufzeigen, damit sie aufgerufen werden, bevor sie antworten.

Apropos aufrufen. Jan Schmidt/flickr Ich starte hiermit einen Aufruf zum Verzicht auf Vorsilben und zum Kürzen der ersten Silbe bei vielen Verben. Zum Beispiel bei abhängen, abklären, abmildern, abzielen, anmieten, anwachsen, aufspalten, aufoktroyieren, vorprogrammieren, vorwarnen. Vorwarnen ist ein wunderbares Beispiel für doppeltes Moppeln: Es liegt ja im Wesen des Warnens, früher zu sein als die Gefahr. Möchte also derjenige, der vorwarnt, noch einen Schritt früher sein und vor dem Warnen warnen? Und damit gar vor sich selbst?

Zurück zu den Ostereiern. Wenn diese dann versteckt sind, gilt es sie zu finden. Finden kann man nur etwas, das man sucht. Auffinden kann man offensichtlich nur etwas, dass man nicht sucht. Einen toten Vogel im Garten neben den Schoko-Eiern zum Beispiel. Der wurde dann tot aufgefunden. Oder auch entdeckt. Und das möglichst schnell, denn der Wetterdienst meldet, durch ein plötzliches Absinken der Temperatur könne es zu Ostern zum Kälteeinbruch kommen. Wenn etwas sinkt, wie in diesem Fall die Temperatur, wo sinkt sie hin? Und sinkt sie tiefer, wenn sie absinkt? Egal. Wir warten ab, während die Kleinen die Eier suchen, nach dem Motto: „Abwarten und Tee trinken.“ Da stellt sich natürlich die Frage, ab wann gewartet wird und auf was? Und ob warten schneller geht als abwarten? Wäre da vielleicht nicht aufwarten geeigneter – aufwarten und Tee trinken? Jedoch ist „jemanden seine Aufwartung machen“ wieder etwas ganz anderes und sowieso völlig aus der Mode.

Im Gegensatz zum Ostereier Suchen.

In diesem Sinne eine süße Mahlzeit und frohe Ostern
wünscht Ihr
Rufus Barke

 

25.03.2015

Neulich war wieder mal so ein Tag: Eins, zwei, drei, ganz viele Dinge sind mir nicht auf Anhieb gelungen. Was bei mir zum einen zu einer auch für meine Mitmenschen erkennbaren Unzufriedenheit führte und mich zum anderen den formvollendeten Satz denken ließ: „Mensch, heute sind dir aber ein paar Lapsusse passiert!“ Und schon stecken Sie und ich mittendrin im heutigen Thema: Den möglicherweise auftretenden Bedärfen an Erläuterungen zur Mehrzahl im Deutschen. Puh! Denn während die erwähnten „Lapsusse“ zwar fein klingen, aber dennoch nicht korrekt gebildet wurden, sind Krokusse nicht nur nett anzusehen, sondern auch besonders formschön in ihrer korrekten Bildung. Hingegen wird der Kaktus nicht zu Kaktusse, sondern zu Kakteen. Was für ein Chaos, vor allem für weniger geübte Deutschsprecher. Apropos: Kennen Sie den Plural von Chaos? Chaosse? Chaoti? Chaossis? Alles falsch: Korrekterweise existiert keine Pluralform, ein Chaos bleibt ein Chaos. Genau wie Regen Regen, Honig Honig und Milch Milch bleibt. Und aus einem Lauch werden auch keine zwei Läuche. Allerdings können aus einer Ananas sprachlich korrekt zwei Ananasse werden. Ananässer sehen verschiedene Sprachlexika jedoch nicht vor. Webfund/funfire.de

Apropos Vorsehung: Bei „eingedeutschten“ Begriffen sieht die Regel zur Bildung der Mehrzahl im Allgemeinen das Anhängen eines „s“ vor. Beispiel: Eine Couch, zwei Couchs. Klingt komisch, denken Sie? Denken viele Sprecher auch und machen aus Couchs Couchen. Oder sagen gleich Sofas. So liegt der Sprecher nicht nur bequem, sondern auch immer richtig.

Stichwort richtig: Mein eingangs erwähnter Missmut (Frage: Missmute? Missmüte? Missmüter?) ob meiner Lapsus (Die korrekte Mehrzahl ist tatsächlich ebenfalls Lapsus.) führte dazu, dass ich mich im Geiste selbst ermahnte und dachte: „Nu sei mal kein fieser Möpp!“ Was im Rheinland inhaltlich augenzwinkernd eine unangenehme Person beschreibt, wird in der Mehrzahl stirnrunzelnd zu einer Herausforderung: zwei fiese Möppe oder Möpper? Man weiß es nicht. Im besten Fall begegnet man fiesen Möppen einfach gar nicht. Dachte auch ich mir, war wieder gut gelaunt und verspeiste einen von zwei aus Weihnachtszeiten übrig gebliebenen Nikoläusen. War der Plural jetzt korrekt? Egal. Lecker wars!

Eine pluralistische Mahlzeit wünscht

Ihr Marcel Pannes