02.09.2015

Ein neuer Fotoapparat (welch herrlich altmodisches Wort für die heutigen digitalen Wunderdinger) muss her und was liegt näher als eine Recherche im Netz, was es denn so alles gibt auf dem Markt. Gefühlte Millionen von Kameras werden von unzähligen Anbietern gepriesen, in Blogs bewertet und gerankt, auf den Websites einschlägiger Fachzeitschriften seziert … und nach drei Tagen schwirrt mir der Kopf und der Puls rast. Warum nicht old fashioned sein und in ein Fotofachgeschäft gehen, dachte ich mir, und so spazierten meine Frau und ich Freitag vergangener Woche eine Stunde vor Geschäftsschluss in genau jenen Laden, in dem ich vor über 20 Jahren meine erste semiprofessionelle Spiegelreflexkamera gekauft hatte. Sensationell, dass es diesen Laden überhaupt noch gibt. Noch sensationeller, dass er noch immer inhabergeführt ist und mit derselben Leidenschaft wie kurz nach Geschäftseröffnung betrieben wird. Das zeigte sich schnell in meinem Gespräch mit der Inhaberin und ihrem Kollegen, das gemeinhin als Verkaufsgespräch bezeichnet wird, jedoch eine echte Begegnung war. Anders als bei den digitalen Anbietern im Netz wurde ich erst einmal mit Fragen gelöchert: Mit welchen Kameras habe ich bislang fotografiert, bei welchen Anlässen möchte ich die Kamera nutzen, wie groß sind meine Hände (ja, richtig gelesen), wie gut sehe ich mit Brille und viele viele Fragen mehr. Nach zehn Minuten Fragen und Antworten hielt ich genau zwei Kameras desselben Herstellers in den Händen mit den Worten „ich würde Ihnen diese Marke empfehlen, probieren Sie die beiden Modelle mal aus“. Peter Miller flickr Das tat ich – mit Unterstützung und vielen Erklärungen und guten Tipps der beiden engagierten Foto“freaks“. Und dabei kamen wir ins Gespräch über das Fotografieren an sich, die Leidenschaft Hochzeitfotografie des einen Kollegen, es wurden Fotoalben gezeigt, wir fachsimpelten über Vor- und Nachteile diverser Objektive („wer mit Objektiven mit fester Brennweite fotografiert, bewegt sich mehr und wird nicht dick!“), redeten auf einmal über das Heiraten an sich und dann über Gott und die Welt. Der Laden war längst geschlossen, als ich mich nach zwei Stunden mit hundertprozentiger Sicherheit für den Kauf einer der beiden gezeigten Kameras entschieden hatte. Und ich wollte sie sofort mitnehmen und zu Hause ausprobieren, so begeistert war ich von dem Teil! Dann das Malheur: Das Kartenlesegerät funktionierte nicht! Trotz mehrerer Versuche – nichts zu machen. „Wissen Sie was, Sie sind ja Stammkunde: Ich gebe Ihnen die Rechnung mit, dann überweisen Sie mir den Betrag, wenn Sie zu Hause sind.“ Stammkundenvertrauen – gibt’s so was im Netz? Ich glaube nicht. Dort heißt es eher: Vorkasse. Und sprechen kann das Netz auch nicht – zumindest noch nicht. Und so lange freue ich mich über ein solch wunderbares Gespräch, wie ich es genießen durfte.

In diesem Sinne, genießen auch Sie nette Gespräche während Ihrer Mahlzeit!

Ihr Rufus Barke

 

26.08.2015

Ist es Ihnen aufgefallen? Der August neigt sich dem Ende zu und unsere Mahlzeit gibt es nun genau ein Jahr! Das finden wir sensationell – und zwar in gleich doppelter Hinsicht, denn: Wer hätte gedacht, dass wir so konsequent eine wöchentliche Kolumne verfassen, deren Ursprung einer fixen Idee beim Mittagstisch entstammt? Also wir nicht. Na gut, vielleicht ein bisschen. So manche(r) hier im Team wurde zeitweise von erhöhtem Puls und schubweise auftretender Transpiration geplagt ob des nur wenige Stunden entfernten Veröffentlichungstermins. Zu Papier gebracht haben wir aber immer etwas. Und genau dies bringt uns beschwingt zu Sensation Nummer zwei, nämlich zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser! Schön, dass Sie auch weiterhin Interesse zeigen an unseren akribischen Absätzen aus dem Alltag, dem gewitzten Geplauder, dem vergnüglichen Verriss und so manchem wunderbaren Wort. Herzlichen Dank! geburtstag mahlzeit

Apropos Wort: Der in verstaubten Behördenkantinen zwischen 10 Uhr morgens und 15 Uhr abends oftmals burschikos-brüsk ertönende Gruß „MAHLZEIT!“ hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als man sich in christlicher Tradition gerne eine „gesegnete Mahlzeit“ oder auch „Prosit die Mahlzeit“ wünschte. Mit der Zeit blieb dann nur „Mahlzeit!“ übrig, was verständlich erscheint, wenn der Magen leer, der Hunger groß und der Tisch voll ist. Am Tisch, genauer am Mittagstisch, kam uns auch die Idee zu unserer wöchentlichen Kolumne. Dazu muss man wissen, dass bei uns die stillschweigende Übereinkunft herrscht, während des Essens nicht über Berufliches zu sprechen (ja, das schaffen wir tatsächlich). So plaudern wir über Radtouren durchs Rheinland, exzessive Gartenarbeit, nicht enden wollende Baumarktbesuche und handtellergroße Spinnen hinter Sofas. Und auch häufig über Dinge, die mit Sprache und Kommunikation zu tun haben. Oft werfen wir uns dabei die Sprachbälle zu, verwerten wortakrobatische Vorlagen und versenken das ein oder andere Wortspielchen mal zielgenau im Winkel oder ungenau im Boden der Versenkung. Wir zücken sogar den Duden (ja, wir haben noch gedruckte Bücher) oder das Lexikon (ja, auch gedruckt), lachen uns kaputt und wundern uns, dass die Mahlzeit auf den Tellern kalt wird.

Möglicherweise hat auch die eine oder andere Köstlichkeit auf Ihrem Teller beim Lesen unserer Texte ein wenig an Temperatur eingebüßt. Darüber würden wir uns freuen. Heiße Ware für den kleinen Lesehunger zwischendurch werden wir Ihnen daher weiterhin servieren. Häufig kurzfristig komponiert, aber immer mittwochs. Und gerne noch ein weiteres Jahr.

Zum ersten Geburtstag „Mahlzeit“ wünschen

Rufus Barke
Petra Janssen
Alex Kurzke
Sandra Ott
Marcel Pannes

P.S.: Nachdem bereits ein Gastautor einen hervorragenden Text veröffentlicht hat, freuen wir uns über weitere (Gastautoren und Texte)!

 

19.08.2015

Unsere letzte Stunde an der portugiesischen Algarve verbrachten wir im Shuttlebus zum Flughafen. Der kleine Transporter war schon voll besetzt, als er uns am Hotel auflas, so dass ich vorne, direkt neben dem Fahrer auf dem schmalen Mittelplatz saß. Er, José, sprach drei Wörter deutsch, drei Wörter englisch und sonst nur portugiesisch. Ich spreche ca. sechs Wörter portugiesisch, darunter „Hallo“ und „Danke“ und ein paar, um Essen und Getränke zu bestellen. Was uns jedoch nicht davon abhielt, uns während der Fahrt angeregt zu unterhalten. José war nämlich sehr redselig und mit Händen und Füßen und besagten Brocken in allen möglichen Sprachen erzählte er mir, wie er einmal in 24 Stunden von Lissabon nach Düsseldorf gefahren sei, mit viel Kaffee und lauter Musik, sich am nächsten Tag in Mönchengladbach (nahe dem Fußballstadion) eine Uhr kaufte, und in jungen Jahren Soldat der portugiesischen Air Force war und dort Hubschrauber flog. faro koeln bild Diese Geschichte konnte ich ziemlich gut verstehen, hatte er doch auf der Ablage des Armaturenbrettes ein großes Kuvert mit alten, vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos dabei, die ihn als jungen Mann vor und im Hubschrauber zeigten. Ich musste lächeln und fragte mich, ob es wohl reiner Zufall war, dass die Fotos ausgerechnet heute auf seiner Tour nach Faro im Auto lagen. Mit leuchtenden Augen und vielen Handgebärden erzählte er, dass er früher bei der Feuerwehr war und Waldbrände in den Hügeln um Monchique gelöscht hat. José freute sich riesig, dass ich das portugiesische Wort für Feuerwehrmann – bombeiro – kannte. Er versicherte mir „You sspreche português perfeito“. Si, ungefähr so perfekt, wie ein Emu fliegen kann … aber danke!

Ich finde es einfach toll, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, egal in welcher Sprache, ob mit Händen und Füßen oder Geräuschen (er hat so wunderbar die Feuerwehrsirene simuliert und das Geräusch des Hubschrauberrotors). Ich habe mich während der Fahrt mit diesem charmanten und sehr humorvollen Herrn mit den vielen Lachfältchen um die Augen ganz wunderbar unterhalten. Von mir aus hätte er mich auch gerne in 24 Stunden von Faro nach Köln fahren können, um noch ein wenig weiter zu schwatzen. Ob multi-lingual, phonetisch oder mit Gesten, Hauptsache erzählen!

Refeição!

Ihre Sandra Ott

 

12.08.2015

Denk! Grübel! Ächz! Da fällt mir doch partout kein Thema für die nächste Mahlzeit ein. Stöhn! Worüber soll ich nur schreiben? Keine Ahnung. Und das bei dem Wetter. Schwitz! Wär‘ jetzt lieber draußen in der Sonne. Freu! Oder Baden. Schwimm! Paddel! Plansch! Kühle Berghöhen wären auch cool. Wander! Lauf! Erhol! Durch dunkle Wälder streifen. Such! Stolper! Heul! Über wilde Wiesen laufen Riech! Schnupper! Nies! Nein, nein, nein. Jetzt mal mehr Konzentration. Kopf zerbrech! Themen liegen doch wie Sand am Meer herum. Ach, das Meer. Tauch! Spritz! Prust! Zurück an den Schreibtisch. Sortier! Recherchier! Elixier! Gluckgluckgluck! Hicks! Abschweif! Worüber könnte ich denn mal schreiben? Das gibt es doch gar nicht, dass mir nichts einfällt. Ärger! Irgendeine Idee habe ich doch sonst immer. Leucht! Sprüh! Funkel! Ich sollte vielleicht mal rausgehen, was anderes sehen. Guck! Blick! Starr! Mit anderen Leuten reden. Schwad! Laber! Driss verzäll! Nein, ernsthaft. Langweil! Okay, dann über etwas Lustiges. Lach! Kringel! Bieg! Schon besser. Wenigstens meine Stimmung steigt, wenn schon nicht mein Einfallsreichtum. Brüll! Kreisch! Tob! Ich halt es nicht mehr aus. Gleich platz‘ ich. Knall! Woosch! Schepper!.....

Japs! Schnauf! Hechel! So wird es also auch nichts. Wird Zeit, dass ich langsam mal die Kurve kriege. Wroom! Schlitter! Boing! Donald

Okay, das wird heute nichts mehr. Ich gebe auf. All meine Versuche, mich mit dem Erikativ in Schreibstimmung zu bringen, haben nichts genutzt. Der Erikativ? Was ist das denn, fragen Sie sich jetzt vermutlich. Bei dem Erikativ handelt es sich um einen 1998 geprägten Begriff für die comictypische Verkürzung von Verben auf ihren Stamm (Inflektiv), den Erika Fuchs populär gemacht hatte. Dr. Erika Fuchs war von 1951 bis in die 1980er-Jahre Chefredakteurin des Micky Maus Magazins. Mit ihrem unglaublichen Sprachwitz hat sie vor allem das Werk von Carl Barks kongenial ergänzt und ihm eine weitere Dimension hinzugefügt. Ihre Idee, für Lautmalereien Verben auf den Wortstamm zu reduzieren, hat die deutsche Sprache auf das Nachhaltigste bereichert. In Schwarzenbach an der Saale, wo sie lange lebte, ist jetzt ihr zu Ehren ein Museum eröffnet worden. Das Erika-Fuchs-Haus, im Untertitel Museum für Comic und Sprachkunst, würdigt Leben und Werk der kreativen Sprachschöpferin und lässt Comicgeschichte lebendig werden. Also auf zu Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track und allen anderen, denen Erika Fuchs eine unverwechselbare Stimme gegeben hat. Besuch! Freu! Schätz!

Eine Schmatz! Schling! Löffel! Mahlzeit ohne Klecker! wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

 

05.08.2015

„Und Du, Perlmann, fragst noch mal die Nachbarn, “ sagt die Kommissarin Klara Blum im Tatort zu ihrem Kollegen. Er selbst antwortet formvollendet mit „Mach ich, Frau Blum.“ „Alberich, jetzt lassen Sie das! Sie sind ja wirklich nicht zu übersehen." Das ist ein typischer Börne-Spruch aus dem Münsteraner Tatort. Ich schaue gerne Krimis – und gerne auch den Tatort, das ist schon fast ein Sonntagabend-Ritual. Immer häufiger fällt mir auf, dass die Art, wie sich die Beteiligten anreden, so ganz anders ist als in meiner Lebenswirklichkeit. Weder sagen unsere Kunden zu mir, „Barke, verfassen Sie mal einen schönen Objektbericht“, noch würde ich über Kunden so reden: „Frag mal die Blum, ob sie schon mit dem Perlmann gesprochen hat und was die rausgefunden haben.“ Vielleicht ist meine Auffassung ja total old-fashioned, aber ich finde diese Form respektlos. Die gleiche Kategorie ist die Anrede mit der ersten Person Plural, wie sie Ärzte noch immer gerne nutzen: „Na, wie geht es uns denn heute?“ Diese Form meint nur den Angesprochenen, nicht den Sprecher, und will Vertrautheit suggerieren, erzeugt bei mir aber nur größtmögliche Distanz.

Da liebe ich doch die lockere Form der rheinischen Alltagsansprache, die alle gesellschaftlichen Unterschiede ignoriert. „Kann ich sonst noch was für Euch tun, junger Mann, oder habt Ihr alles?“, fragte mich heute Morgen die Bäckereifachverkäuferin mit herzlichem Lächeln. Abgesehen von der schmeichelhaften Kategorisierung „junger Mann“ schafft das hierzulande noch gebräuchliche „Ihrzen“ eher Vertrautheit als Distanz. Und dies, obwohl sich vor Hunderten von Jahren die Leute am königlichen Hofe, Fürsten und andere Würdenträger und später dann auch das städtische Bürgertum auf diese Weise förmlich „ihrzten“. Übrigens: Es gibt da noch heute das Berliner „Erzen“, auch eine jahrhundertealte Form: „Hat Er seine Fahrkarte dabei?“ Eine nette Variante ist auch das sogenannte „Kassiererinnen-Du“: „Du, Frau Müller, ich muss mal dringend in die Pause.“ anrede1

Ja, das ist schon so eine Sache mit der Anrede. Wussten Sie, dass sich Bergsteiger ab 1.000 Metern Höhe automatisch duzen? Und einander fremde Köche duzen sich in der Küche während des Kochens, danach, außerhalb dieses Raums, wechseln sie wieder zum Sie zurück. Das ist insofern ungewöhnlich, als dass man in Deutschland das einmal „gewonnene“ Du kaum noch ohne Gesichtsverlust oder Ärger wieder loswird. All das wird übrigens seit einigen Jahren intensiv erforscht. Von der Anredeforschung!

Und nun möge Er seine und Sie Ihre Mahlzeit genießen oder auch Er die Ihre oder Sie die Seine, je nach Vertrautheit. Das Wort Mahlzeit selbst ist übrigens auch jahrhundertealt und von vielschichtiger Bedeutung. Doch darüber ein anderes Mal.

Rufus Barke

 

29.07.2015

„Trenne nie ess-te, denn es tut ihm weh!“ Schon in der Grundschule fand ich diesen Satz mit schickem Endreim äußerst hilfreich, um mich gegen mögliche Fallstricke beim Trennen von Wörtern zu wappnen. Und obwohl im Zuge der Rechtschreibreform in den 1990er-Jahren das Trennungsverbot der beiden Konsonanten ruckizucki abgeschafft wurde, zucke ich noch heute hin und wieder im Geiste zusammen, wenn ich in einer Textzeile lande, an deren Ende ein verwaistes „s“ Ausschau hält nach seinem ehemaligen Zwilling, dem nun eine Zeile tiefer gerutschten „t“. 

Facebook mahlzeit Trennstrich1
Nun folgt das Trennen von Wörtern auch nach der Reform, die ja vieles vereinfachen wollte, weiterhin einigen mehr oder wenigen schlüssigen Regeln, die aber jetzt, hier und heute kein Thema sind („Pri-ma!“, werden Sie nun denken.). Stattdessen möchte ich Sie auf die durchaus unterhaltsamen Effekte von mal richtigen und mal weniger richtigen Trennstrichen aufmerksam machen. Der Satz „So manchen überkam die Spurt-reue, als er merkte, dass seinem Fahrzeug die Spur-treue fehlte.“ bekommt erst durch zielgenaues Setzen der Trennung die entscheidende Würze. Das „Regionalliga-tor“ mutiert unter Umständen zu einem gefräßigen „Region-alligator“, dessen Gefährlichkeit aber wohl nur örtlich begrenzt zu sein scheint. Und der „Er-blasser“ wird erst dann zum „Erb-lasser“, wenn a) die Trennung stimmt und b) die Blässe zum Dauerzustand geworden ist.

Das korrekte Trennen von Wörtern gibt so manchen Leserinnen und Lesern ab und an auch geräumigen Spielraum zum gepflegten Um-die-Ecke-Denken. So lässt sich aus einer „Geistes-abwesenheit“ prompt auch ein Gespenstermangel destillieren, während ein „Mini-mum“ durchaus auch als ganz ganz kleiner Mut daherkommen könnte. Ein „Erd-kunde“ wäre in jedem Fall ein Landkäufer und ein „Steuer-knüppel“ eine Waffe zum Eintreiben staatlicher Abgaben durch den Fis-kus, den man bei geringfügiger Modifikation der ersten Silbe auch als bösartiges Knutschen interpretieren könnte. Können Sie mir folgen? Einen habe ich nämlich noch: Ein „In-sekt“ darf mit Fug und Recht nicht nur als sechsbeiniges, durch die Luft segelndes Getier verstanden werden, sondern auch als ein sich derzeit schwer in Mode befindlicher Schaumwein. Und der „Tai-fun“ ist nicht nur ein gefürchteter Wirbelsturm im asiatischen Raum, sondern mag auch mal als spaßige Zeit in Bangkok durchgehen. Wenn man will. Und sich einfach mal von schnurgeraden Interpretationsmustern trennt.

Eine trennscharfe Mahlzeit wünscht

Ihr Marcel Pannes

 

22.07.2015

Die schöne Delfindame begrüßte meine Tochter Josy erst einmal typisch delfinisch: Sie spritzte sie mit kräftigen Flossenschlägen klatschnass! Im hüfthohen Wasser der Lagune knüpften die beiden, mit einem Trainer und fünf anderen Teilnehmern, die ersten Kontakte. Vorsichtiges Berühren, zu erleben, wie sich Delfinhaut anfühlt, wie flink der Delfin auf kleine Bewegungen reagiert, das alles war auch für mich als Beobachterin aus acht Metern Entfernung fast körperlich spürbar. Josy lernte, bei welchen visuellen Kommandos wie Fingerzeig oder Handbewegungen der Delfin aus dem Wasser springt oder sich mit ihr im Wasser dreht, wie er sich auf den Rücken legen oder einen Ball holen soll. Das Highlight war natürlich, sich von zwei Delfinen durch das Wasser ziehen zu lassen, schnell und kraftvoll, aber mit einer unglaublichen Sanftheit und Vorsicht der Tiere, wie meine Tochter mir danach mit glückstränenfeuchten Augen erzählte. Zu Hause eine liebevolle Katzenflüsterin, sagte sie in den fast 45 Minuten nicht ein einziges Wort, hatte jedoch das Gefühl, tatsächlich mit dem Tier geredet zu haben. Delfine barke partner

Mit ihren 13 Jahren hat sie eine wunderbare Erfahrung gemacht und war tief berührt von der nonverbalen Kommunikation mit diesen sanften, schönen Wesen. Sie hatte die gesamte Zeit im Wasser eine Gänsehaut, die jedoch nicht von der Wassertemperatur herrührte, sondern von der Energie und den Gefühlen, die sie im Kontakt mit den Delfinen hatte. Und dieses „Verstehen ohne Worte“ konnte ich nun auch noch für etwa eine Stunde miterleben, denn meine sonst so fröhlich drein plappernde Tochter nahm einfach meine Hand, lächelte mich glückselig an und sagte einfach mal nichts – und ich habe sie so gut verstanden.

Natürlich sind Delfine am schönsten im Ozean, aber es ist für viele ein großer (Kindheits-)Traum, diese wundervollen Tiere einmal wirklich hautnah zu erleben, mit ihnen zu spielen und zu schwimmen. Ich hatte mich vorher informiert, dass es nicht nur um Touristenbespaßung geht und die Delfine in der Gefangenschaft so optimal wie möglich gehalten werden. Zum Glück für die Tiere war es auch genau so.

Mahlzeit! wünscht Ihnen

Sandra Ott

 

15.07.2015

Unsere heutige Gesellschaft verlangt uns alles ab: Flexibilität, Multitasking, Schnelllebigkeit.

Dementsprechend hat der Mensch gerade in der interaktiven Kommunikation entsprechende Abkürzungen entwickelt, um sich multimedial und zeitsparend zu verständigen (MfG, HDL, LoL, etc.). Nur sind solche Kürzel in der handschriftlichen oder verbalen Kommunikation „unter vier Augen“ (ein Glück, es gibt sie noch) meist nicht alltagstauglich. Da aber auch hier schnelles Handeln unseren Alltagsrhythmus bestimmt, benötigt der Mensch Mittel und Wege, die wesentlich zu formulierenden Dinge abzukürzen, ohne den Kern der Botschaft zu verfremden, sozusagen eine „Sprechschreibreform“. Darin würde sich für die jeweilig anzuwendende Kommunikationsform für den schnellen Weg zur Post, zum Friseur oder in den Supermarkt schon das Weglassen unnötiger Silben und schnellsprachhemmender Konsonantenendungen zeitlich positiv auswirken.bane

Beispiel gefällig?

Ein Einkaufzettel für den schnellen Einkauf würde wie folgt aussehen: 1x „Bane“, 1x „Anas“, 400 g „Mettwurs“, 1x „Halbfett-Marine“, 3x „Haflocken“, 1 kg „Koffeln“, 2x „Jogu“, 2 Tafeln „Lade“. Bei Letzterem kann man darüber streiten, ob Marmelade neuerdings auch in Tafelform erhältlich ist. Menschliche Logik und der Kontext verhelfen in der Regel zur Eindeutigkeit.

Entsprechend gestaltet sich der Smalltalk beim Frisör über den letzten Urlaub so: Stadtfahrt durch „Shai“, Kultur in „Ku-Lumpur“, „Skien“ in „Ischl“, Tauchen auf den „Schellen“.

Da das Baden auf „Malle“ oder in „Rio“ schon jeder kennt, wird das einfach gleich komplett weggelassen. Für Diejenigen, die sich beim schnellen Haarschnitt kulturell eher fernöstlich präsentieren möchten, haben einige Staaten zwecks nachhaltiger und zeitsparender Urlaubsberichterstattung schon von sich aus nachgeholfen und die Reiseziele entsprechend umbenannt: Aus Myanmar wurde Burma, aus Ho-Chi-Min-Stadt wurde Saigon. Bitte aufpassen, dass bei all der Abkürzerei die „Blondung“ und die Haare nicht zu kurz kommen.

Das Ergebnis jedenfalls kann sich, ungeachtet der Frisur, sehen lassen: Die Zunge verzeichnet geringere Abriebspuren, die Gesichtsgestik ereilt im Schnitt um 0,0024 Jahre verzögert die ungeliebte Faltenbildung und es bleibt endlich mehr Zeit, sich den wirklich wichtigen Dingen zu widmen, wie der „Milie“, dem nächsten Einkauf, dem nächsten (und nach dem letzten Mal dringend notwendigen) Frisörbesuch oder dem Schreiben von Mahlzeit-Kolumnen.

Dank dieser im Vorfeld praktizierten Verbal-Amortisation wünscht statt „Mahlzeit“ ein ausgedehntes „Guten Appetit“

Ihr Mirco Röttger (Gastautor)

 

8.7.2015

„Die sollen mal die Hütte im Dorf lassen!“
„Die Hütte? Wieso die Hütte?“
„Dann eben die Katze.“
„Die sollen die Katze im Dorf lassen?“ Welche Katze? Wovon redest Du?“
Na, wie heißt das Sprichwort denn nun richtig?
„Die Kirche im Dorf lassen“

Ja klar, die Kirche. Wäre ich gebürtige Kölnerin, hätte ich vermutlich keine Probleme gehabt, das Sprichwort richtig zu erinnern. Die Kölner beschwören ja sogar singend, dass sie ihre Kirche – pardon, den Dom –  im Dorf, also in Kölle, lassen wollen. Für mich als Fischbrötchen also verzeihlich, dass ich nicht direkt das richtige Foto gefunden habe. Dafür fühle ich mich bei anderen Themen wie ein Hund im Wasser und kann im Kopfumdrehen eins und zwei zusammenzählen. Mich kehrt so schnell keiner über den Tisch. Bei uns im Norden wird ja normal nicht so viel gesprochen, deswegen hat das, was wir sagen, auch mehr Gesicht. Wir plappern nicht einfach so drauflos, sondern lassen uns die Gedanken erstmal lange in den Kopf gehen. Deshalb reden wir auch nicht über Dinge, von denen wir nichts gesehen haben und folgen dem eisigen Grundsatz „Schuster bleib auf deiner Leiter“.

Okay, ich gebe zu, dass ich nicht immer ganz kondolent gehandelt habe. Manchmal konnte ich einfach nicht die Klappe halten und hab mich damit fast um Topf und Laden geredet. Wahrscheinlich lebe ich schon zu lange im Rheinland, wo den Leuten ja ein loses Handwerk nachgesagt wird. Andererseits rutscht den Leuten meiner Beobachtung nach hier auch nicht öfter die Zunge aus als anderswo. Die Menschen hier können ihre Zunge meiner Meinung nach genauso gut im Zaun halten wie die bei uns im Norden. Apropos Zaun: In meiner Heimat werden die Dinge insgesamt schon gründlicher mit der Hupe genommen und nicht so schnell in den Zaun gebrochen. Auch wenn mir das nordische Stilschweigen manchmal fehlt, muss ich sagen, dass ich mich hier sehr wohlfühle: Die entspannte Art, auch mal alle Fründe gerade stehen zu lassen, gefällt mir. Und auch das südländische Lebensgefühl nach dem Motto „kommst Du heut nicht, gehst du morgen“ finde ich sehr sympathisch. Immer schön lässig bleiben, denn die Würfel werden immer neu gemischt. So jetzt will ich Ihnen aber nicht länger in den Haaren liegen, denn ich weiß: Reden ist Schweigen und Silber ist Gold. Mein Ohr in Gottes Hand!

Eine sprichwörtlich gute Mahlzeit wünscht Ihnen

Petra Janßen

Und lassen Sie sich beim Essen nicht in die Suppe gucken!

1.7.2015

Vor ungefähr einem Jahr hat ein Handyspiel für Furore gesorgt, dessen Erfolg sich niemand erklären konnte: „A Dark Room“ ist ein sehr minimalistisches Spiel, an dessen Anfang der Spieler in einem dunklen Raum ein Feuer entfacht. Von diesem Raum aus baut er Werkzeuge und Fallen, gründet bald ein Dorf und erkundet letztendlich die Geheimnisse einer fremden Welt.

DarkRoom 580

Die Besonderheit des Spiels liegt in seiner extrem schlichten Präsentation: Im Grunde besteht es ausschließlich aus Text. Alles was geschieht, wird in kurzen Sätzen vermittelt. „A Dark Room“ funktioniert also wie die Text Adventures der 1980er-Jahre – und hat es im Jahr 2014 trotzdem an die Spitze der App Stores geschafft.

Der Grund, warum mir das Spiel in Erinnerung geblieben ist, ist aber ein anderer: In einem Kommentar zum Spiel erzählen die Entwickler Michael Townsend und Amir Rajan, dass sie eines Tages eine E-Mail von einem blinden Spieler erhielten, der – wie viele andere – großen Spaß am Spiel hatte, aber an einer bestimmten Stelle nicht weiterkam, weil ihm die Orientierung schwerfiel. Was sie – genauso wenig wie ich – nicht wussten: Viele blinde Spieler nutzen die Text-to-Speech-Funktion ihrer Smartphones und Tablets, um sich Spiele dieser Art vorlesen zu lassen. Jeglichen Input steuern sie über die Spracherkennung. Ich habe diese Funktionen immer für überflüssig gehalten: Blinden Computerspieler haben sie aber ganz neue Möglichkeiten eröffnet!

Townsend und Rajan haben die Stelle, an der der Spieler nicht weiterkam, überarbeitet und auch das restliche Spiel für blinde Spieler zugänglicher gemacht. Es waren nur unscheinbare Details, die aber einen großen Unterschied gemacht haben: Ein kurze Beschreibung mehr hier, ein kleiner sprachlicher Hinweis dort. Weil „A Dark Room“ so ausschließlich über Sprache funktioniert, könnte man damit auch sagen: Townsend und Rajan haben nur die Kommunikation zwischen Spieler und Spiel verbessert – indem sie sich in ein Spielerklientel versetzt haben, das sie zuvor nie als solches wahrgenommen haben.

Ich finde diese Geschichte bemerkenswert: Es gibt Sätze, die manchen nur wie schmückendes Beiwerk erscheinen – aber anderen eröffnen sie manchmal eine ganze Welt.

Wer „A Dark Room“ in seiner Mittagspause selbst einmal ausprobieren möchte, kann es hier kostenlos im Browser spielen: http://adarkroom.doublespeakgames.com

Viel Vergnügen wünscht Ihnen

Alex Kurzke