18.11.2015

In einer meiner letzten Kolumnen erwähnte ich den Beistrich, die in Österreich geläufige Bezeichnung für das Komma. Der Begriff „Komma“ stammt aus dem Griechischen, er wurde also vor geraumer Zeit bei den Hellenen entlehnt und war in Nullkommanix Bestandteil der deutschen Sprache. Bis ein Mann namens Ritterhold von Blauen im 17. Jahrhundert auf der weltlichen und sprachlichen Bildfläche erschien. Oder Philipp von Zeven, wie der Herr eigentlich richtig hieß. Pseudonyme, also fingierte Namen, waren wohl damals auch schon schwer in Mode. TillWestermayer2

Dem ritterholden Philipp gefielen zahlreiche aus dem Lateinischen und Griechischen entlehnte Wörter des damaligen Deutschen recht wenig und kurzerhand machte er sich daran, neue Ausdrücke zu erfinden. Ihm verdanken wir – neben vielen weiteren – die für uns heute völlig alltäglichen Begriffe „Abstand“ (für „Distanz“), „Mundart“ (für „Dialekt“), „Verfasser“ (für „Autor“) und sogar „Rechtschreibung“ (für „Orthografie“). Sowie auch eingangs bereits erwähnten „Beistrich“ als Ersatz für „Komma“. Manch eine seiner Kreationen hat die Jahrhunderte jedoch nicht überlebt und mutet heute reichlich ulkig an, etwa „Tageleuchter“ (für „Fenster“), „Blitzfeuererregung“ (für „Elektrizität“), „Dörrleiche“ (für „Mumie“) oder „Krautbeschreiber“ (für Botaniker). Ich für meinen Teil hätte mich definitiv für den „Krautbeschreiber“ entschieden, aber als heute Lebender war mein Einfluss zu damaligen Zeiten recht gering.

Was aber nicht heißt, dass im Hier und Jetzt keine Wortneuschöpfungen mehr möglich sind, ganz im Gegenteil: Vor einigen Jahren rief der Verein Deutsche Sprache die „Aktion lebendiges Deutsch“ ins Leben. Es galt, für in der deutschen Sprache angekommene Anglizismen Wort-Neuschöpfungen zu finden. So entstanden beispielsweise das „Prallkissen“ (für den „Airbag“), der „Klapprechner“ (für den „Laptop“), der „Hingeher“ (für das „Event“) oder die „Schnellkost“ (für „Fast Food“). Im Topf für den Fast-Food-Ersatz waren auch die äußerst gelungenen Vorschläge „Issfix“, „Hastmahl“, „Eilmampf“ und „Raschnasch“ – allesamt sprachlich äußerst appetitlich, wie ich finde.

Apropos appetitlich: Als Vorschlag für das allgegenwärtige „All-you-can-eat“ destillierte die „Aktion lebendiges Deutsch“ die Kreation „Essen nach Ermessen“. Was zwar inhaltlich nicht wirklich dasselbe ist, bei amtlichem Kohldampf wohl aber auch eher als nebensächlich betrachtet werden dürfte.

Mahlzeit ohne Eilmampf wünscht
Ihr Marcel Pannes

11.11.2015

Der Schreck war groß! Heute früh in der Bahn stand ein Zebra. Daneben ein Tiger. Was ist hier los, frage ich mich. Dann dämmert es: der 11. November! Karneval in Köln beginnt! Oh weh!
Ja gut, Sie mögen die sogenannte 5. Jahreszeit vielleicht, ich nicht. Noch nie, außer vielleicht mit 15, als ich mein erstes Bier … aber das ist eine andere Geschichte. Für mich bedeuteten diese Tage eine hohe Ausschüttung von Stresshormonen, Gruselfaktor 10 und den Wunsch, mich zu Hause gemütlich einzusperren. Also, wie mich mein werter Kollege Marcel letztens kategorisierte: Ich bin ein Vollverweigerer!
DanieleCivelloVerstehen Sie mich nicht falsch, ich gehe gerne auf Feiern und stehe auch nie sauertöpfisch in der Gegend rum. Ich singe gerne (wenn auch schlecht) und begrüße gute Freunde auch mal mit Küsschen. Und da fängt es schon an: GUTE Freunde. An Karneval ist es jedoch häufig so, dass Menschen, die man Jahre nicht sieht und mit denen man im Höchstfall ein freundliches, aber distanziertes „Hallo“ austauscht, einen so überschwänglich begrüßen, umarmen oder gar unangenehm feucht küssen wollen, als wäre man eigentlich ganz dicke. Das ist so gar nicht meins. Wenn ich jemanden unsympathisch finde, möchte ich nicht mit ihm tanzen, nicht mit ihm feiern und ihn schon gar nicht „bützen“, nur weil diese FeierTage es mir quasi vorgeben wollen.

Ich verkleide mich zwar auch mal gerne, jedoch ist mein Jahreshighlight in dieser Richtung Halloween – mit seinen Vampiren, Geistern und Hexen. Außerdem sind auch Motto-Partys und ein Krimi-Dinner ein lustiger Vorwand, sich in jemand anderen zu verwandeln – und dann feiert und tanzt man auch garantiert mit Menschen, die man wirklich mag.

Sie fragen sich jetzt sicherlich, was mich an Karneval gruselt, wenn ich mich nicht vor Vampiren ängstige? Mal abgesehen von Männern in Häschen Kostümen finde ich Clowns einfach grausig. Schon immer.

Eine fröhliche Mahlzeit wünscht

Ihre Sandra Ott

28.10.2015

Denken Sie auch manchmal, früher wäre alles später gewesen? Die Pubertät, die grauen Haare, der Blätterfall – und die Zeitumstellung? Ich meine, früher war alles später. Erst später dunkel z. B. oder länger hell. Früher, als wir noch keine Zeitumstellung und keine Sommerzeit hatten. Als der Sommer einfach Sommer war und keine eigene Zeit hatte. Sondern nur eine eigene Zeit war. Als es auch später dunkel wurde, nur früher. Denn früher oder später wird es ja immer dunkel. Das war früher allerdings nicht besser. Wie vieles, das früher nicht besser war, sondern nur früher. Denn wenn es früher früher dunkel wurde, war es auch dunkler. Heute können wir, wenn es früher dunkel wird, einfach länger das Licht anlassen und dann selber entscheiden, wie früh oder wie spät wir schlafen gehen. Wer spät schlafen geht, kann sich glücklich schätzen, wenn er oder sie auch später aufstehen kann, denn früher oder später müssen wir ja doch aufstehen.

Andere wiederum hält am Morgen, kaum dass er graut, nichts mehr in den Federn, denn sie sind überzeugt, der frühe Vogel weiß, wo der Hase begraben liegt. Gehören Sie auch zu den Frühzündern oder sind Sie eher spätgeboren? Diese sind wiederum nicht zu verwechseln mit Spätgebärenden, von denen es, anders als von Spätzündern, früher allerdings nicht so viele gab. Überhaupt gab es früher vieles noch nicht, was uns heute das Leben leichter macht oder uns später altern lässt. Eines verstehe ich dabei nicht so ganz: Wenn wir doch immer länger leben, wieso sollen wir dann immer früher erzogen werden. Wir haben doch viel mehr Zeit, etwas zu lernen. Und der früher immer behauptete Satz: „Was Hänschen heute nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“, ist von der Wissenschaft ja längst widerlegt. So kann ich das Heute ganz entspannt genießen – und mich zugleich auf das Später freuen. Denn das kommt garantiert später – und nicht früher.

Ob früher oder später, eine leckere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

21.10.2015

„Marty, du musst mit mir zurückkommen!“ – „Wohin?“ – „Zurück in die Zukunft!“
Nimmt man die filmische Realität für bare Münze, spielt sich dieser kurze, aber prägnante Dialog zwischen Marty McFly und „Doc“ Emmett Brown just in diesen Momenten ab und die beiden kommen heute Nachmittag, am 21. Oktober 2015, um exakt 16.29 Uhr im kalifornischen Hill Valley an – einmal quer durch die Zeit aus dem Jahre 1985 in ihrem zur Zeitmaschine umgebauten DeLorean mit Flügeltüren und Flux-Kompensator. So geschehen im zweiten Teil der Trilogie „Zurück in die Zukunft“, die Mitte bis Ende der 1980er-Jahre sowohl die Kinokassen klingeln als auch mein jugendliches Herz höher schlagen ließ. Aus gutem Grund: Im fiktiv-filmischen 2015 gab es (optisch zwar fragwürdige) Jacken, die aber flugs und ohne Zutun ihre Passform änderten und sich sogar in Nullkommanix nach einem Regenschauer selbst trockneten (das fand sogar meine Oma prima). Die Meteorologen machten sekundengenaue Wettervorhersagen (Doc Brown: „Warte Marty, in vier Sekunden hört es auf zu regnen.“) und Martys erfrischend asphaltgraue Sneakers schnürten sich ebenfalls wie von Geisterhand selbst – auf die ich heute übrigens noch immer warte. Ganz zu schweigen von einer wenigstens halbwegs zielgenauen Prognose des morgigen Wetters. zurueckindiezukunft2

Allerdings waren die Macher des Kult-Streifens in manchen Dingen auch erstaunlich hellsichtig: So sieht man im filmischen Jahr 2015 reihenweise Flachbildschirme, kommuniziert wird per Video-Telefonie und Türen werden per Fingerabdruck geöffnet. Okay, Autos können immer noch nicht fliegen, eine Cola kostet keine 50 Dollar und eine Kündigung trudelt auch nicht per Fax ein. Apropos Fax: Im Film sieht man am Straßenrand Briefkästen mit Faxfunktion, Internet und Mobiltelefone kommen hingegen rein gar nicht vor. Stattdessen kommunizieren die Protagonisten herrlich old fashioned mit Hilfe von Walkie Talkies. Dafür saust Marty McFly jedoch mit einem schwebenden Skateboard ohne Räder, dem Hoverboard, durch die kleinstädtische Botanik – damals wie heute eine geniale Szene. Leider gibt es das Hoverboard in der realen Welt immer noch nicht serienmäßig. Die Requisite des Films hingegen kann in einem Museum in Seattle besichtigt werden – und ist damit wohl eines der wenigen Dinge, das, obwohl niemals produziert, bereits Museumsstatus erreicht hat. Chapeau!

Zur Feier des Tages empfehle ich eine grellbunte Baseballmütze und nach außen gekrempelte Hosentaschen (Doc Brown: „Marty, das trägt man 2015 so!“). Und einen Blick auf die aktuellen Ergebnisse der amerikanischen Major League Baseball. Dort stehen nämlich die seit 109 Jahren meisterschaftslosen Chicago Cubs im Halbfinale – im Film werden sie als Meister 2015 gepriesen.

Ein futuristisches „Mahlzeit!“ wünscht
Ihr Marcel Pannes

P.S.: „Zurück in die Zukunft II“ läuft heute Abend um 20.15 Uhr auf RTL II.

14.10.2015

Vom Butterblumenweg rechts in den Gänseblümchenweg abbiegen und dann gleich links in die Zitronenfaltergasse: Und schon befinden Sie sich mitten im neuen Neubauparadies. Hier, wo die Wege schmal, die Häuser groß, die Grundstücke klein und die Zäune hoch sind, entsteht ein weiterer suburbaner Lebensmittelpunkt für Zahnär.., quatsch, für zahlungswillige Kleinfamilien und stadtrandaffine Singlepaare. Letztere bevorzugen die städtischer wirkenden LoftLoungeMaisonetten, die das Gelände querriegelgleich, wenig charmant, aber wirkungsvoll, unterteilen. Das auf der grünen Wiese wachsende neue Wohnparadies wird zukünftig also statt der Wiese dort stehen. Neben reihenweisen Reihenhäusern gibt es viel Platz für eigenwillige Eigenheime, deren Freistilarchitektur keinen Regeln zu folgen scheint. Von der mit historisierenden Säulen gestützten großvolumigen Villa bis zum babyaugenblauen Bullerbü-Haus ist alles dabei, was die von ihrer plötzlichen Gestaltungsfreiheit scheinbar überraschten Bauherren und -damen auf das vormals von Feldhase und -hamster bewohnte Terrain gebaut haben. Und das Tolle ist, Hase und Hamster werden dort weiterleben. Also nicht wirklich real leben, aber ihrer wird gedacht, und zwar in der Namensgebung, der die neue Siedlung unterteilenden Wege und Straßen. Ebenso wie der Pflanzen, die dort vormals wuchsen. hase Die Straßenschilder werden damit gleichsam zu Gedenktafeln: Vor sich hinsummend den Ackerhummelweg entlangschlendernd, wird der gemütlichen Wildbiene angemessen Respekt gezollt. Die Angebetete im Sinn dem Tausendschönweg folgend oder die nützliche, aber überaus reizende Brennnessel meidend, den Goldnesselweg eingeschlagen, wird das Durchqueren des neuen Stadtteils zum sinnlichen Erleben, werden Blütenträume wahr. Noch sind nicht alle Straßen angelegt und damit bleibt noch Platz für weitere wunderbare Namen: Links und rechts der neuen Feldallee könnten sich demnächst zur ständigen Stimmungsaufhellung noch Sonnenhutweg, Sonnenröschengasse oder Sonnenbrautstraße einfinden. Vermeiden sollte man dagegen alles, was unangenehme Assoziationen weckt wie beispielsweise eine Stinkende-Nieswurzgasse. Lieber herrlich kindlich verspielt bleiben und noch Maiglöckchen, Vergissmeinnicht und Mädchenauge als Namensgeberinnen heranziehen. Das dachten sicher auch die Verantwortlichen als sie sich für Butterblumen- statt Löwenzahn- oder Hahnenfußweg entschieden. Etwas kindliche Spielfreude sollte auch in einem durchgezirkelten und abgegrenzten Neubaugebiet Platz haben. Nach getanem Spiel kann man sich dann in seinem gemütlichen Heim zur Ruhe betten. Seinem Heim in der Feldhamsterstraße – dort, wo sich früher einmal Fuchs und Hase gute Nacht gesagt haben – und von Glühwürmchen träumen oder Sternwolkenastern.

Eine Mahlzeit, die ihrem Namen alle Ehre macht

wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

07.10.2015

Fiamma heißt die Schöne, die mich in meinem diesjährigen Bildungsurlaub an meine Grenzen gebracht hat. Mit stattlichem 1,70 m Widerrist, rund 450 kg Lebendgewicht, tiefdunkelbraunem Fell und langem Schweif ist sie eine Erscheinung inmitten der 25-köpfigen Pferdeherde. Und sehr eigen. Letztes Jahr hatte ich auf der Pferdefarm in der Toskana ja gelernt, dass Unaufmerksamkeit, Ungeduld oder Härte in der Kommunikation mit Pferden überhaupt nichts bringt. Insofern freute ich mich auf die nächste Stufe in diesem Jahr, das Reiten, denn ich wusste ja nun, worauf es ankommt. Und begegnete am ersten Tag voller Freude dem mir zugewiesenen Pferd Fiamma. Diese Begeisterung teilte sie so gar nicht. Null. Schmusen: Nein Danke! Drehte sich weg, wenn ich kam, schob mir ihr Hinterteil vors Gesicht, wenn ich sie halftern wollte, und beim Satteln biss und schlug sie. Einatmen, ausatmen, noch mal von vorn: Erst mal in Ruhe die Bremsen verscheuchen, bürsten, mit Citronella einsprühen und langsam eine Beziehung zum Tier aufbauen, heißt zu fühlen, wie das Pferd fühlt, und so in – wortlose – Kommunikation mit ihm zu treten. Dann die erste Übungseinheit, rückwärtsgehen, drehen, im Kreis laufen, alles wunderbar – beim nächsten Durchgang ignorierte sie meine Anweisungen wieder komplett. Und alles fing von vorne an. Rufus, immer schön ruhig und geduldig bleiben, eindeutig in den Anweisungen, kraftvoll und bestimmend, murmelte ich wie ein Mantra ein ums andere Mal. facebook reiten web

Irgendwann dann saß der Sattel und ich saß auch. Obendrauf auf diesem Pferd, jetzt wirklich aufgeregt, denn es war mein erstes Mal auf einem solchen Pferderücken, und dazu nur mit Halfter und Seil. Und so anstrengend es vorher bei der Bodenarbeit mit diesem Pferd gewesen war, so einfach und leicht war es „von oben“. Als würden wir zu einer Einheit verschmelzen ging Fiamma genau dahin, wohin ich wollte, wir trabten, liefen im Kreis, in Achten, stiegen über Balken und Tonnen und sonstiges Spielgerät. Und sie hatte richtig Spaß daran, genau wie ich. Schlagartig vorbei war es mit dem Spaß, als eine Stute auskeilte und Fiamma kräftig dagegenhielt, sich aufbäumte, wieder keilte, die Ohren flach zurückgelegt. Aber diese Einheit zwischen uns, die blieb bestehen. Ich kann mich an diesen Vorfall nicht wirklich erinnern, nur dass ich keine Angst hatte und mit dem Pferd „sprach“, ohne Worte, mit jeder Bewegung mitging, bis der Spuk vorüber war. Und wir wieder im Kreis liefen, als wäre nichts gewesen. Und so ist es ja auch bei Pferden: Sie haben keine Zeitvorstellung, vergessen sofort, was gewesen ist, widmen sich jeden Augenblick nur dem, was gerade ist. Sie kennen die Dimension „nachtragend sein“ nicht. Und diese „Lehre“ meiner wundervollen Stute nehme ich mit in meinen Alltag: Jeden Moment genießen!

Jetzt ist der Moment, Ihre Mahlzeit zu genießen,

Ihr Rufus Barke

30.09.2015

Vier Uhr in der Früh ist eigentlich überhaupt nicht meine Zeit. Unter der Woche bleiben mir dann noch 1 Stunde und 45 Minuten, bis der Wecker klingelt, und da möchte ich mich gerne auch noch im Tiefschlaf wähnen. Ich schlafe einfach gerne. Aber es gibt Momente, da meine auch ich, dass Schlaf völlig überbewertet ist. Z.B. in der Nacht von Sonntag auf Montag mit dem sogenannten Blutmond. Die Mondfinsternis, die erst im Jahre 2033 wieder zu sehen sein soll, wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Mein Wecker ging um 4 Uhr und ich sprang sofort aus dem Bett, um nicht vom hinterlistigen Murmeltier überfallen und wieder zurück in den Tiefschlaf versetzt zu werden. Und ich hatte Unterstützung durch eine Freundin aus den USA, die sich das Schauspiel ebenfalls nicht entgehen lassen wollte. Also schnell die warmen Jacken, Schal und Mütze an, eine warme Wolldecke umgeschlungen, so saßen wir erwartungsvoll, leise murmelnd, staunend und zufrieden in den Gartenstühlen und schauten auf die Veränderungen des Mondes. Zwei Sternschnuppen bejubelten wir und auch die ISS, die irgendwann knapp am Mond vorbei flog. Ein Käuzchen im Nachbargarten untermalte die leicht mystische Stimmung. Es war ein unglaublicher Sternenhimmel, so klar und strahlend habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. facebook mond Obwohl ich, wie gesagt, gerne schlafe, habe ich keine Probleme damit, auch nachts um 4 Uhr ein gut gelaunter Mensch zu sein. Zum Glück geht es meiner Freundin ähnlich, denn ich kenne wenige Situationen, die so unangenehm sein können wie Gespräche zwischen Morgenmuffel und Early Bird. Der eine zwitschert fröhlich drauf los, während der andere außer einem gelegentlich gemurmeltem „Grumpf!“ nichts von sich gibt und irgendwann beide genervt sind und sich unverstanden fühlen. Wie meine Tochter, die kurz nach vier leicht fassungslos im Garten stand, da sie von unserem Gekicher wach geworden war. Als ich ihr freudig erklären wollte, was nun dort oben vor sich geht, muffelte sie mit halb geschlossenen Augen ein „Toll! Nacht!“ und stapfte wieder die Treppe Richtung Kinderzimmer hinauf. Wir jedoch philosophierten noch eine Weile weiter, bis meine Freundin zur Arbeit musste und ich in der Hoffnung auf doch noch ein paar Minuten Schlaf zurück ins Schlafzimmer schlich. Mit einem (wieder) müden Lächeln schloss ich die Augen, zeitgleich mit dem startenden Wecker. Toll!

Eine muntere Mahlzeit! wünscht
Ihre Sandra Ott

23.09.201

Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und das nächste Spiel ist immer das schwerste. Dachte sich wohl auch Lucien Favre in Mönchengladbach und schmiss das Handtuch. „Pfui!“, werden nun die einen denken und „Mir egal!“ die anderen. Ich hingegen als ein mit dem Verein vom Niederrhein mehr als nur Sympathisierender murmelte mir die vorhandene Enttäuschung mit dem Satz „Das ist eben Fußball.“ von der Seele – um mich sogleich beim Fußballfloskelisieren zu ertappen. Zugegeben, der Satz passt immer. Sei es die vergebene Großchance, das späte Gegentor, die Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder die Unebenheit des Geläufs: Das ist eben Fußball, da kann man nix machen. fussball floskeln

Wer allerdings zur Riege der Profi-Floskelisierer gehören möchte, der muss schon tiefer in die sprachliche Trickkiste greifen. Der umfangreiche Fundus umfasst dabei Sprachbilder aus allen Lebensbereichen: Trainer werden spontan zu Feuerwehrmännern, Spieler rühren eigenfüßlich Beton an und der Manager verspürt das dringende Bedürfnis, mal auszumisten. Sehr zu empfehlen sind außerdem haushaltsnahe Bonmots: Wenn der Staubsauger vor der Abwehr die Fehler seiner Kameraden ausbügelt, der Kasten vom Torwart saubergehalten wird und der Stürmer eifrig abstaubt, setzt bei sämtlichen Reinigungsfachkräften spontan Schnappatmung ein. Auch die hohe Kunst des Nähens darf nicht fehlen: Schließlich sind Löcher zu stopfen und Nadelstiche zu setzen. Und wenn alles nichts mehr hilft, wird im Strafraum eingefädelt. Falls einem nicht zuvor das Schienbein poliert wurde.

Beim Stichwort Schienbein fällt mir der von der Lichtgestalt des deutschen Fußballs geprägte Typus des Rumpelfußballers ein, der dank mäßig ausgeprägter Feingliedrigkeit eher holzklotzartig über den Platz pflügt und dabei auch gerne Gras frisst. Im Gegensatz dazu umkurvt der filigrane Fummler seine Gegenspieler in graziler Ingemar Stenmark-Manier. Der Fummler ist meistens klein, hat ausgeprägte O-Beine und hieß früher immer Littbarski. Beiden gemein ist das Wissen, dass das Runde ins Eckige muss. Dabei ist ein Schuss häufig fulminant, ein Fehler kapital und die Härte international. Denn: Wat zählt, is‘ auf’m Platz, obwohl die meisten Spiele ja im Kopf entschieden werden. Wer das beherzigt, hat vom Feeling her sicher ein gutes Gefühl.

„Nach der Mahlzeit ist vor der Mahlzeit!“
meint
Ihr Marcel Pannes

P.S.: Ein ulkiges Video zum Thema „Fußballfloskeln wörtlich genommen“ gibt es hier.

16.09.2015

Küsschen links, Küsschen rechts und dann die Frage „Comment allez-vous?“, also „Wie geht es Ihnen?“ Alles ganz normal eigentlich bei der Begegnung in einem französischen Café, dessen Zeugin ich bei meinem letzten Urlaub wurde. Aber dann blieb ich an der Formulierung hängen, denn wörtlich übersetzt bedeutet die Frage ja „Wie gehen Sie?“. Wollen die Franzosen also wissen, wie das Gegenüber sich fortbewegt? Seltsam, dachte ich. Andererseits, ob wir uns jetzt fragen, wie wir gehen oder wie es uns geht, macht ja keinen so großen Unterschied. Interessant finde ich, dass wir uns nicht fragen, wie wir uns fühlen oder in welcher Verfassung wir sind, sondern wie wir uns fortbewegen. Oder wie es uns fortbewegt. Wir erkundigen uns nach dem Wohlergehen. Bei Projekten dagegen fragen wir nach dem Stand der Dinge. Obwohl, Glück hat auch, wessen Projekte gut laufen oder wer erfolgreich ist, weil er oder sie gerade einen Lauf hat. Wenn‘s nicht so gut läuft, geht’s uns auch nicht so gut, weshalb wir auf die Frage, wie es geht mit einem matten „geht so“ antworten, auch wenn wir das Gefühl haben, dass gerade gar nichts geht. „Wie geht’s, Alter?“ fragen sich schon die Jüngsten und in Köln bekommt man auf die Frage „Un, wie isset?“ oder förmlicher „Wie jeiht et üch?“ gerne die lakonische Antwort „läuft“. gehtsnoch

Ob Deutsche und Franzosen sich bei Fragen nach der Befindlichkeit aber immer richtig verstehen, ist nicht gesagt. Denn gehen ist nicht immer gleich gehen. Da könnte die Reaktion auf die Frage eines Franzosen in Deutschland „Wie gehen Sie?“ schon mal etwas pampig ausfallen: „Wie ich gehe? Das geht Sie gar nichts an!“. Also, so geht’s nicht, denkt sich dann vielleicht der sich missverstanden fühlende Franzose und tritt beleidigt den Rückzug an: „Dann geh‘ ich jetzt.“ Woraufhin sich der Deutsche fragen mag, was wohl in seinem Gegenüber vorgeht. Und das alles schon bei der Begrüßung. Noch bevor es zu einem wirklichen Gespräch kommen kann. Was wieder einmal unterstreicht, wie wichtig der erste Kontakt bzw. der Einstieg in ein Gespräch ist und wo kaum beachtete Fallstricke warten.

Die Engländer und Italiener kommen bei der Begrüßung übrigens gleich auf den Punkt, und stellen die existenzielle Frage wie wir sind. „How are you?“ und „Come stai?“ heißt beides „Wie bist Du?“ Das geht mir dann doch zu weit. Auch wenn es meistens eher als Floskel verwendet wird, die keine Antwort erfordert, möchte ich beim Erstkontakt noch nicht mit so tiefgreifenden Fragen konfrontiert werden. Dann lieber die kölsche Variante: Wie isset? Et jeht. Un bei Dir? Läuft. So geht Begrüßung.

Eine weitgehend leckere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

09.09.2015

Vor etwa zwei Jahren hat meine Nachbarin die Baumscheibe auf dem Mittelstreifen vor unserem Haus in Obhut genommen. Zuerst wurde das etwa vier mal eineinhalb Meter breite Geviert durch bepflanzte Blumenkästen rundum vor unbefugtem Zutritt geschützt. Dann bemühte sich Graziella, das öde Stück um die Linde mit Rasen, Bäumchen und Blumen aufzuforsten. Schon nach kurzer Zeit trieb das einsame Vorhaben die tollsten Blüten: Grünbegeisterte von nah und fern schleppten Blumenerde an, verbuddelten Lieblingsblumenzwiebeln, setzten abgehalfterte Palmen vor unserem Haus aus und entsorgten bei der Gelegenheit auch allerlei Zierrat, darunter ein lächelndes Keramikschwein, einen tönernen Schnauzer, einen Zwerg und ein Blech-Haus. Als der Frühling auf sich warten ließ, fanden sogar grelle Kunstblumen ihren Weg in die Blumenkästen.

Nicht, dass meiner Nachbarin mit dem grünen Daumen ihr Projekt über den Kopf gewachsen wäre! Zufrieden lächelnd erntet sie, was sie gesät hat: ein buntes Treiben, das es so vor unserem Haus nie gegeben hat: Aus dem zweiten Stock sehe ich Kinder wie angewurzelt stehen bleiben und gestenreich kommentieren, was da ins Kraut schießt. Mancher Sprössling versucht gar trotz schwerer Windelhose die Begrenzung zu übersteigen, um seiner aufkeimenden Liebe zu Schwein, Zwerg oder Hund Ausdruck zu verleihen. Alte Leute nutzen die Ablenkung am Wegesrand, um auf ihrem Gang in den nahe gelegenen Park eine Verschnaufpause einzulegen. Eltern kommen ins Gespräch. Teenager halten in ihrem SMS-Marathon inne, um die krasse Botanik abzulichten. Neulich verbrachte sogar ein junger Mann seine Mittagspause in dem winzigen Gärtchen. Seinen Rücken gegen die Linde gelehnt, schrieb er etwas auf einen großen Block. In meiner blühenden Phantasie sah ein Knab ein Röslein stehen, fiel schon manches zarte Werben hier auf fruchtbaren Boden, haben am Gartenzaun Frucht bringende Gedanken und Dialoge ihren Ausgang genommen. Zucchini connikl

Ich selbst habe nur gelegentlich ein träges Lächeln und den ein oder anderen Kirschkern auf den Mittelstreifen heruntergeworfen und müßig überlegt, ob das, was da geschieht, eine neue Form von guerilla gardening ist, bei der Spießbürger und Revoluzzer fröhlich vereint an einer Ranke ziehen. Bis ich vor ein paar Tagen meiner Beobachterrolle entwachsen bin. Das kam so: Heimlich, in echter Guerilla-Manier, ist vom rückwärtigen Balkon meiner Nachbarin eine Zucchinipflanze auf meinen Balkon geklettert. Von weißen Blüten und zwei reifenden Früchten umgarnt, bin ich nun richtig aufgeblüht. Ich habe den Boden meines vernachlässigten Schattenbalkons gefegt, die leeren Flaschen entsorgt - und überlege allen Ernstes, mit welcher Beigabe für das Mittelweg-Beet ich mich revanchieren kann. Ehrensache außerdem, dass ich meine Nachbarin zu einem Zucchini-Imbiss einladen werde, sobald die Früchte reif sind.

Mahlzeit! wünscht
Ihre Cornelia Schäfer
Journalistin und Gastautorin