14.10.2015

Vom Butterblumenweg rechts in den Gänseblümchenweg abbiegen und dann gleich links in die Zitronenfaltergasse: Und schon befinden Sie sich mitten im neuen Neubauparadies. Hier, wo die Wege schmal, die Häuser groß, die Grundstücke klein und die Zäune hoch sind, entsteht ein weiterer suburbaner Lebensmittelpunkt für Zahnär.., quatsch, für zahlungswillige Kleinfamilien und stadtrandaffine Singlepaare. Letztere bevorzugen die städtischer wirkenden LoftLoungeMaisonetten, die das Gelände querriegelgleich, wenig charmant, aber wirkungsvoll, unterteilen. Das auf der grünen Wiese wachsende neue Wohnparadies wird zukünftig also statt der Wiese dort stehen. Neben reihenweisen Reihenhäusern gibt es viel Platz für eigenwillige Eigenheime, deren Freistilarchitektur keinen Regeln zu folgen scheint. Von der mit historisierenden Säulen gestützten großvolumigen Villa bis zum babyaugenblauen Bullerbü-Haus ist alles dabei, was die von ihrer plötzlichen Gestaltungsfreiheit scheinbar überraschten Bauherren und -damen auf das vormals von Feldhase und -hamster bewohnte Terrain gebaut haben. Und das Tolle ist, Hase und Hamster werden dort weiterleben. Also nicht wirklich real leben, aber ihrer wird gedacht, und zwar in der Namensgebung, der die neue Siedlung unterteilenden Wege und Straßen. Ebenso wie der Pflanzen, die dort vormals wuchsen. hase Die Straßenschilder werden damit gleichsam zu Gedenktafeln: Vor sich hinsummend den Ackerhummelweg entlangschlendernd, wird der gemütlichen Wildbiene angemessen Respekt gezollt. Die Angebetete im Sinn dem Tausendschönweg folgend oder die nützliche, aber überaus reizende Brennnessel meidend, den Goldnesselweg eingeschlagen, wird das Durchqueren des neuen Stadtteils zum sinnlichen Erleben, werden Blütenträume wahr. Noch sind nicht alle Straßen angelegt und damit bleibt noch Platz für weitere wunderbare Namen: Links und rechts der neuen Feldallee könnten sich demnächst zur ständigen Stimmungsaufhellung noch Sonnenhutweg, Sonnenröschengasse oder Sonnenbrautstraße einfinden. Vermeiden sollte man dagegen alles, was unangenehme Assoziationen weckt wie beispielsweise eine Stinkende-Nieswurzgasse. Lieber herrlich kindlich verspielt bleiben und noch Maiglöckchen, Vergissmeinnicht und Mädchenauge als Namensgeberinnen heranziehen. Das dachten sicher auch die Verantwortlichen als sie sich für Butterblumen- statt Löwenzahn- oder Hahnenfußweg entschieden. Etwas kindliche Spielfreude sollte auch in einem durchgezirkelten und abgegrenzten Neubaugebiet Platz haben. Nach getanem Spiel kann man sich dann in seinem gemütlichen Heim zur Ruhe betten. Seinem Heim in der Feldhamsterstraße – dort, wo sich früher einmal Fuchs und Hase gute Nacht gesagt haben – und von Glühwürmchen träumen oder Sternwolkenastern.

Eine Mahlzeit, die ihrem Namen alle Ehre macht

wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

07.10.2015

Fiamma heißt die Schöne, die mich in meinem diesjährigen Bildungsurlaub an meine Grenzen gebracht hat. Mit stattlichem 1,70 m Widerrist, rund 450 kg Lebendgewicht, tiefdunkelbraunem Fell und langem Schweif ist sie eine Erscheinung inmitten der 25-köpfigen Pferdeherde. Und sehr eigen. Letztes Jahr hatte ich auf der Pferdefarm in der Toskana ja gelernt, dass Unaufmerksamkeit, Ungeduld oder Härte in der Kommunikation mit Pferden überhaupt nichts bringt. Insofern freute ich mich auf die nächste Stufe in diesem Jahr, das Reiten, denn ich wusste ja nun, worauf es ankommt. Und begegnete am ersten Tag voller Freude dem mir zugewiesenen Pferd Fiamma. Diese Begeisterung teilte sie so gar nicht. Null. Schmusen: Nein Danke! Drehte sich weg, wenn ich kam, schob mir ihr Hinterteil vors Gesicht, wenn ich sie halftern wollte, und beim Satteln biss und schlug sie. Einatmen, ausatmen, noch mal von vorn: Erst mal in Ruhe die Bremsen verscheuchen, bürsten, mit Citronella einsprühen und langsam eine Beziehung zum Tier aufbauen, heißt zu fühlen, wie das Pferd fühlt, und so in – wortlose – Kommunikation mit ihm zu treten. Dann die erste Übungseinheit, rückwärtsgehen, drehen, im Kreis laufen, alles wunderbar – beim nächsten Durchgang ignorierte sie meine Anweisungen wieder komplett. Und alles fing von vorne an. Rufus, immer schön ruhig und geduldig bleiben, eindeutig in den Anweisungen, kraftvoll und bestimmend, murmelte ich wie ein Mantra ein ums andere Mal. facebook reiten web

Irgendwann dann saß der Sattel und ich saß auch. Obendrauf auf diesem Pferd, jetzt wirklich aufgeregt, denn es war mein erstes Mal auf einem solchen Pferderücken, und dazu nur mit Halfter und Seil. Und so anstrengend es vorher bei der Bodenarbeit mit diesem Pferd gewesen war, so einfach und leicht war es „von oben“. Als würden wir zu einer Einheit verschmelzen ging Fiamma genau dahin, wohin ich wollte, wir trabten, liefen im Kreis, in Achten, stiegen über Balken und Tonnen und sonstiges Spielgerät. Und sie hatte richtig Spaß daran, genau wie ich. Schlagartig vorbei war es mit dem Spaß, als eine Stute auskeilte und Fiamma kräftig dagegenhielt, sich aufbäumte, wieder keilte, die Ohren flach zurückgelegt. Aber diese Einheit zwischen uns, die blieb bestehen. Ich kann mich an diesen Vorfall nicht wirklich erinnern, nur dass ich keine Angst hatte und mit dem Pferd „sprach“, ohne Worte, mit jeder Bewegung mitging, bis der Spuk vorüber war. Und wir wieder im Kreis liefen, als wäre nichts gewesen. Und so ist es ja auch bei Pferden: Sie haben keine Zeitvorstellung, vergessen sofort, was gewesen ist, widmen sich jeden Augenblick nur dem, was gerade ist. Sie kennen die Dimension „nachtragend sein“ nicht. Und diese „Lehre“ meiner wundervollen Stute nehme ich mit in meinen Alltag: Jeden Moment genießen!

Jetzt ist der Moment, Ihre Mahlzeit zu genießen,

Ihr Rufus Barke

30.09.2015

Vier Uhr in der Früh ist eigentlich überhaupt nicht meine Zeit. Unter der Woche bleiben mir dann noch 1 Stunde und 45 Minuten, bis der Wecker klingelt, und da möchte ich mich gerne auch noch im Tiefschlaf wähnen. Ich schlafe einfach gerne. Aber es gibt Momente, da meine auch ich, dass Schlaf völlig überbewertet ist. Z.B. in der Nacht von Sonntag auf Montag mit dem sogenannten Blutmond. Die Mondfinsternis, die erst im Jahre 2033 wieder zu sehen sein soll, wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Mein Wecker ging um 4 Uhr und ich sprang sofort aus dem Bett, um nicht vom hinterlistigen Murmeltier überfallen und wieder zurück in den Tiefschlaf versetzt zu werden. Und ich hatte Unterstützung durch eine Freundin aus den USA, die sich das Schauspiel ebenfalls nicht entgehen lassen wollte. Also schnell die warmen Jacken, Schal und Mütze an, eine warme Wolldecke umgeschlungen, so saßen wir erwartungsvoll, leise murmelnd, staunend und zufrieden in den Gartenstühlen und schauten auf die Veränderungen des Mondes. Zwei Sternschnuppen bejubelten wir und auch die ISS, die irgendwann knapp am Mond vorbei flog. Ein Käuzchen im Nachbargarten untermalte die leicht mystische Stimmung. Es war ein unglaublicher Sternenhimmel, so klar und strahlend habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. facebook mond Obwohl ich, wie gesagt, gerne schlafe, habe ich keine Probleme damit, auch nachts um 4 Uhr ein gut gelaunter Mensch zu sein. Zum Glück geht es meiner Freundin ähnlich, denn ich kenne wenige Situationen, die so unangenehm sein können wie Gespräche zwischen Morgenmuffel und Early Bird. Der eine zwitschert fröhlich drauf los, während der andere außer einem gelegentlich gemurmeltem „Grumpf!“ nichts von sich gibt und irgendwann beide genervt sind und sich unverstanden fühlen. Wie meine Tochter, die kurz nach vier leicht fassungslos im Garten stand, da sie von unserem Gekicher wach geworden war. Als ich ihr freudig erklären wollte, was nun dort oben vor sich geht, muffelte sie mit halb geschlossenen Augen ein „Toll! Nacht!“ und stapfte wieder die Treppe Richtung Kinderzimmer hinauf. Wir jedoch philosophierten noch eine Weile weiter, bis meine Freundin zur Arbeit musste und ich in der Hoffnung auf doch noch ein paar Minuten Schlaf zurück ins Schlafzimmer schlich. Mit einem (wieder) müden Lächeln schloss ich die Augen, zeitgleich mit dem startenden Wecker. Toll!

Eine muntere Mahlzeit! wünscht
Ihre Sandra Ott

23.09.201

Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und das nächste Spiel ist immer das schwerste. Dachte sich wohl auch Lucien Favre in Mönchengladbach und schmiss das Handtuch. „Pfui!“, werden nun die einen denken und „Mir egal!“ die anderen. Ich hingegen als ein mit dem Verein vom Niederrhein mehr als nur Sympathisierender murmelte mir die vorhandene Enttäuschung mit dem Satz „Das ist eben Fußball.“ von der Seele – um mich sogleich beim Fußballfloskelisieren zu ertappen. Zugegeben, der Satz passt immer. Sei es die vergebene Großchance, das späte Gegentor, die Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder die Unebenheit des Geläufs: Das ist eben Fußball, da kann man nix machen. fussball floskeln

Wer allerdings zur Riege der Profi-Floskelisierer gehören möchte, der muss schon tiefer in die sprachliche Trickkiste greifen. Der umfangreiche Fundus umfasst dabei Sprachbilder aus allen Lebensbereichen: Trainer werden spontan zu Feuerwehrmännern, Spieler rühren eigenfüßlich Beton an und der Manager verspürt das dringende Bedürfnis, mal auszumisten. Sehr zu empfehlen sind außerdem haushaltsnahe Bonmots: Wenn der Staubsauger vor der Abwehr die Fehler seiner Kameraden ausbügelt, der Kasten vom Torwart saubergehalten wird und der Stürmer eifrig abstaubt, setzt bei sämtlichen Reinigungsfachkräften spontan Schnappatmung ein. Auch die hohe Kunst des Nähens darf nicht fehlen: Schließlich sind Löcher zu stopfen und Nadelstiche zu setzen. Und wenn alles nichts mehr hilft, wird im Strafraum eingefädelt. Falls einem nicht zuvor das Schienbein poliert wurde.

Beim Stichwort Schienbein fällt mir der von der Lichtgestalt des deutschen Fußballs geprägte Typus des Rumpelfußballers ein, der dank mäßig ausgeprägter Feingliedrigkeit eher holzklotzartig über den Platz pflügt und dabei auch gerne Gras frisst. Im Gegensatz dazu umkurvt der filigrane Fummler seine Gegenspieler in graziler Ingemar Stenmark-Manier. Der Fummler ist meistens klein, hat ausgeprägte O-Beine und hieß früher immer Littbarski. Beiden gemein ist das Wissen, dass das Runde ins Eckige muss. Dabei ist ein Schuss häufig fulminant, ein Fehler kapital und die Härte international. Denn: Wat zählt, is‘ auf’m Platz, obwohl die meisten Spiele ja im Kopf entschieden werden. Wer das beherzigt, hat vom Feeling her sicher ein gutes Gefühl.

„Nach der Mahlzeit ist vor der Mahlzeit!“
meint
Ihr Marcel Pannes

P.S.: Ein ulkiges Video zum Thema „Fußballfloskeln wörtlich genommen“ gibt es hier.

16.09.2015

Küsschen links, Küsschen rechts und dann die Frage „Comment allez-vous?“, also „Wie geht es Ihnen?“ Alles ganz normal eigentlich bei der Begegnung in einem französischen Café, dessen Zeugin ich bei meinem letzten Urlaub wurde. Aber dann blieb ich an der Formulierung hängen, denn wörtlich übersetzt bedeutet die Frage ja „Wie gehen Sie?“. Wollen die Franzosen also wissen, wie das Gegenüber sich fortbewegt? Seltsam, dachte ich. Andererseits, ob wir uns jetzt fragen, wie wir gehen oder wie es uns geht, macht ja keinen so großen Unterschied. Interessant finde ich, dass wir uns nicht fragen, wie wir uns fühlen oder in welcher Verfassung wir sind, sondern wie wir uns fortbewegen. Oder wie es uns fortbewegt. Wir erkundigen uns nach dem Wohlergehen. Bei Projekten dagegen fragen wir nach dem Stand der Dinge. Obwohl, Glück hat auch, wessen Projekte gut laufen oder wer erfolgreich ist, weil er oder sie gerade einen Lauf hat. Wenn‘s nicht so gut läuft, geht’s uns auch nicht so gut, weshalb wir auf die Frage, wie es geht mit einem matten „geht so“ antworten, auch wenn wir das Gefühl haben, dass gerade gar nichts geht. „Wie geht’s, Alter?“ fragen sich schon die Jüngsten und in Köln bekommt man auf die Frage „Un, wie isset?“ oder förmlicher „Wie jeiht et üch?“ gerne die lakonische Antwort „läuft“. gehtsnoch

Ob Deutsche und Franzosen sich bei Fragen nach der Befindlichkeit aber immer richtig verstehen, ist nicht gesagt. Denn gehen ist nicht immer gleich gehen. Da könnte die Reaktion auf die Frage eines Franzosen in Deutschland „Wie gehen Sie?“ schon mal etwas pampig ausfallen: „Wie ich gehe? Das geht Sie gar nichts an!“. Also, so geht’s nicht, denkt sich dann vielleicht der sich missverstanden fühlende Franzose und tritt beleidigt den Rückzug an: „Dann geh‘ ich jetzt.“ Woraufhin sich der Deutsche fragen mag, was wohl in seinem Gegenüber vorgeht. Und das alles schon bei der Begrüßung. Noch bevor es zu einem wirklichen Gespräch kommen kann. Was wieder einmal unterstreicht, wie wichtig der erste Kontakt bzw. der Einstieg in ein Gespräch ist und wo kaum beachtete Fallstricke warten.

Die Engländer und Italiener kommen bei der Begrüßung übrigens gleich auf den Punkt, und stellen die existenzielle Frage wie wir sind. „How are you?“ und „Come stai?“ heißt beides „Wie bist Du?“ Das geht mir dann doch zu weit. Auch wenn es meistens eher als Floskel verwendet wird, die keine Antwort erfordert, möchte ich beim Erstkontakt noch nicht mit so tiefgreifenden Fragen konfrontiert werden. Dann lieber die kölsche Variante: Wie isset? Et jeht. Un bei Dir? Läuft. So geht Begrüßung.

Eine weitgehend leckere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

09.09.2015

Vor etwa zwei Jahren hat meine Nachbarin die Baumscheibe auf dem Mittelstreifen vor unserem Haus in Obhut genommen. Zuerst wurde das etwa vier mal eineinhalb Meter breite Geviert durch bepflanzte Blumenkästen rundum vor unbefugtem Zutritt geschützt. Dann bemühte sich Graziella, das öde Stück um die Linde mit Rasen, Bäumchen und Blumen aufzuforsten. Schon nach kurzer Zeit trieb das einsame Vorhaben die tollsten Blüten: Grünbegeisterte von nah und fern schleppten Blumenerde an, verbuddelten Lieblingsblumenzwiebeln, setzten abgehalfterte Palmen vor unserem Haus aus und entsorgten bei der Gelegenheit auch allerlei Zierrat, darunter ein lächelndes Keramikschwein, einen tönernen Schnauzer, einen Zwerg und ein Blech-Haus. Als der Frühling auf sich warten ließ, fanden sogar grelle Kunstblumen ihren Weg in die Blumenkästen.

Nicht, dass meiner Nachbarin mit dem grünen Daumen ihr Projekt über den Kopf gewachsen wäre! Zufrieden lächelnd erntet sie, was sie gesät hat: ein buntes Treiben, das es so vor unserem Haus nie gegeben hat: Aus dem zweiten Stock sehe ich Kinder wie angewurzelt stehen bleiben und gestenreich kommentieren, was da ins Kraut schießt. Mancher Sprössling versucht gar trotz schwerer Windelhose die Begrenzung zu übersteigen, um seiner aufkeimenden Liebe zu Schwein, Zwerg oder Hund Ausdruck zu verleihen. Alte Leute nutzen die Ablenkung am Wegesrand, um auf ihrem Gang in den nahe gelegenen Park eine Verschnaufpause einzulegen. Eltern kommen ins Gespräch. Teenager halten in ihrem SMS-Marathon inne, um die krasse Botanik abzulichten. Neulich verbrachte sogar ein junger Mann seine Mittagspause in dem winzigen Gärtchen. Seinen Rücken gegen die Linde gelehnt, schrieb er etwas auf einen großen Block. In meiner blühenden Phantasie sah ein Knab ein Röslein stehen, fiel schon manches zarte Werben hier auf fruchtbaren Boden, haben am Gartenzaun Frucht bringende Gedanken und Dialoge ihren Ausgang genommen. Zucchini connikl

Ich selbst habe nur gelegentlich ein träges Lächeln und den ein oder anderen Kirschkern auf den Mittelstreifen heruntergeworfen und müßig überlegt, ob das, was da geschieht, eine neue Form von guerilla gardening ist, bei der Spießbürger und Revoluzzer fröhlich vereint an einer Ranke ziehen. Bis ich vor ein paar Tagen meiner Beobachterrolle entwachsen bin. Das kam so: Heimlich, in echter Guerilla-Manier, ist vom rückwärtigen Balkon meiner Nachbarin eine Zucchinipflanze auf meinen Balkon geklettert. Von weißen Blüten und zwei reifenden Früchten umgarnt, bin ich nun richtig aufgeblüht. Ich habe den Boden meines vernachlässigten Schattenbalkons gefegt, die leeren Flaschen entsorgt - und überlege allen Ernstes, mit welcher Beigabe für das Mittelweg-Beet ich mich revanchieren kann. Ehrensache außerdem, dass ich meine Nachbarin zu einem Zucchini-Imbiss einladen werde, sobald die Früchte reif sind.

Mahlzeit! wünscht
Ihre Cornelia Schäfer
Journalistin und Gastautorin

02.09.2015

Ein neuer Fotoapparat (welch herrlich altmodisches Wort für die heutigen digitalen Wunderdinger) muss her und was liegt näher als eine Recherche im Netz, was es denn so alles gibt auf dem Markt. Gefühlte Millionen von Kameras werden von unzähligen Anbietern gepriesen, in Blogs bewertet und gerankt, auf den Websites einschlägiger Fachzeitschriften seziert … und nach drei Tagen schwirrt mir der Kopf und der Puls rast. Warum nicht old fashioned sein und in ein Fotofachgeschäft gehen, dachte ich mir, und so spazierten meine Frau und ich Freitag vergangener Woche eine Stunde vor Geschäftsschluss in genau jenen Laden, in dem ich vor über 20 Jahren meine erste semiprofessionelle Spiegelreflexkamera gekauft hatte. Sensationell, dass es diesen Laden überhaupt noch gibt. Noch sensationeller, dass er noch immer inhabergeführt ist und mit derselben Leidenschaft wie kurz nach Geschäftseröffnung betrieben wird. Das zeigte sich schnell in meinem Gespräch mit der Inhaberin und ihrem Kollegen, das gemeinhin als Verkaufsgespräch bezeichnet wird, jedoch eine echte Begegnung war. Anders als bei den digitalen Anbietern im Netz wurde ich erst einmal mit Fragen gelöchert: Mit welchen Kameras habe ich bislang fotografiert, bei welchen Anlässen möchte ich die Kamera nutzen, wie groß sind meine Hände (ja, richtig gelesen), wie gut sehe ich mit Brille und viele viele Fragen mehr. Nach zehn Minuten Fragen und Antworten hielt ich genau zwei Kameras desselben Herstellers in den Händen mit den Worten „ich würde Ihnen diese Marke empfehlen, probieren Sie die beiden Modelle mal aus“. Peter Miller flickr Das tat ich – mit Unterstützung und vielen Erklärungen und guten Tipps der beiden engagierten Foto“freaks“. Und dabei kamen wir ins Gespräch über das Fotografieren an sich, die Leidenschaft Hochzeitfotografie des einen Kollegen, es wurden Fotoalben gezeigt, wir fachsimpelten über Vor- und Nachteile diverser Objektive („wer mit Objektiven mit fester Brennweite fotografiert, bewegt sich mehr und wird nicht dick!“), redeten auf einmal über das Heiraten an sich und dann über Gott und die Welt. Der Laden war längst geschlossen, als ich mich nach zwei Stunden mit hundertprozentiger Sicherheit für den Kauf einer der beiden gezeigten Kameras entschieden hatte. Und ich wollte sie sofort mitnehmen und zu Hause ausprobieren, so begeistert war ich von dem Teil! Dann das Malheur: Das Kartenlesegerät funktionierte nicht! Trotz mehrerer Versuche – nichts zu machen. „Wissen Sie was, Sie sind ja Stammkunde: Ich gebe Ihnen die Rechnung mit, dann überweisen Sie mir den Betrag, wenn Sie zu Hause sind.“ Stammkundenvertrauen – gibt’s so was im Netz? Ich glaube nicht. Dort heißt es eher: Vorkasse. Und sprechen kann das Netz auch nicht – zumindest noch nicht. Und so lange freue ich mich über ein solch wunderbares Gespräch, wie ich es genießen durfte.

In diesem Sinne, genießen auch Sie nette Gespräche während Ihrer Mahlzeit!

Ihr Rufus Barke

 

26.08.2015

Ist es Ihnen aufgefallen? Der August neigt sich dem Ende zu und unsere Mahlzeit gibt es nun genau ein Jahr! Das finden wir sensationell – und zwar in gleich doppelter Hinsicht, denn: Wer hätte gedacht, dass wir so konsequent eine wöchentliche Kolumne verfassen, deren Ursprung einer fixen Idee beim Mittagstisch entstammt? Also wir nicht. Na gut, vielleicht ein bisschen. So manche(r) hier im Team wurde zeitweise von erhöhtem Puls und schubweise auftretender Transpiration geplagt ob des nur wenige Stunden entfernten Veröffentlichungstermins. Zu Papier gebracht haben wir aber immer etwas. Und genau dies bringt uns beschwingt zu Sensation Nummer zwei, nämlich zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser! Schön, dass Sie auch weiterhin Interesse zeigen an unseren akribischen Absätzen aus dem Alltag, dem gewitzten Geplauder, dem vergnüglichen Verriss und so manchem wunderbaren Wort. Herzlichen Dank! geburtstag mahlzeit

Apropos Wort: Der in verstaubten Behördenkantinen zwischen 10 Uhr morgens und 15 Uhr abends oftmals burschikos-brüsk ertönende Gruß „MAHLZEIT!“ hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als man sich in christlicher Tradition gerne eine „gesegnete Mahlzeit“ oder auch „Prosit die Mahlzeit“ wünschte. Mit der Zeit blieb dann nur „Mahlzeit!“ übrig, was verständlich erscheint, wenn der Magen leer, der Hunger groß und der Tisch voll ist. Am Tisch, genauer am Mittagstisch, kam uns auch die Idee zu unserer wöchentlichen Kolumne. Dazu muss man wissen, dass bei uns die stillschweigende Übereinkunft herrscht, während des Essens nicht über Berufliches zu sprechen (ja, das schaffen wir tatsächlich). So plaudern wir über Radtouren durchs Rheinland, exzessive Gartenarbeit, nicht enden wollende Baumarktbesuche und handtellergroße Spinnen hinter Sofas. Und auch häufig über Dinge, die mit Sprache und Kommunikation zu tun haben. Oft werfen wir uns dabei die Sprachbälle zu, verwerten wortakrobatische Vorlagen und versenken das ein oder andere Wortspielchen mal zielgenau im Winkel oder ungenau im Boden der Versenkung. Wir zücken sogar den Duden (ja, wir haben noch gedruckte Bücher) oder das Lexikon (ja, auch gedruckt), lachen uns kaputt und wundern uns, dass die Mahlzeit auf den Tellern kalt wird.

Möglicherweise hat auch die eine oder andere Köstlichkeit auf Ihrem Teller beim Lesen unserer Texte ein wenig an Temperatur eingebüßt. Darüber würden wir uns freuen. Heiße Ware für den kleinen Lesehunger zwischendurch werden wir Ihnen daher weiterhin servieren. Häufig kurzfristig komponiert, aber immer mittwochs. Und gerne noch ein weiteres Jahr.

Zum ersten Geburtstag „Mahlzeit“ wünschen

Rufus Barke
Petra Janssen
Alex Kurzke
Sandra Ott
Marcel Pannes

P.S.: Nachdem bereits ein Gastautor einen hervorragenden Text veröffentlicht hat, freuen wir uns über weitere (Gastautoren und Texte)!

 

19.08.2015

Unsere letzte Stunde an der portugiesischen Algarve verbrachten wir im Shuttlebus zum Flughafen. Der kleine Transporter war schon voll besetzt, als er uns am Hotel auflas, so dass ich vorne, direkt neben dem Fahrer auf dem schmalen Mittelplatz saß. Er, José, sprach drei Wörter deutsch, drei Wörter englisch und sonst nur portugiesisch. Ich spreche ca. sechs Wörter portugiesisch, darunter „Hallo“ und „Danke“ und ein paar, um Essen und Getränke zu bestellen. Was uns jedoch nicht davon abhielt, uns während der Fahrt angeregt zu unterhalten. José war nämlich sehr redselig und mit Händen und Füßen und besagten Brocken in allen möglichen Sprachen erzählte er mir, wie er einmal in 24 Stunden von Lissabon nach Düsseldorf gefahren sei, mit viel Kaffee und lauter Musik, sich am nächsten Tag in Mönchengladbach (nahe dem Fußballstadion) eine Uhr kaufte, und in jungen Jahren Soldat der portugiesischen Air Force war und dort Hubschrauber flog. faro koeln bild Diese Geschichte konnte ich ziemlich gut verstehen, hatte er doch auf der Ablage des Armaturenbrettes ein großes Kuvert mit alten, vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos dabei, die ihn als jungen Mann vor und im Hubschrauber zeigten. Ich musste lächeln und fragte mich, ob es wohl reiner Zufall war, dass die Fotos ausgerechnet heute auf seiner Tour nach Faro im Auto lagen. Mit leuchtenden Augen und vielen Handgebärden erzählte er, dass er früher bei der Feuerwehr war und Waldbrände in den Hügeln um Monchique gelöscht hat. José freute sich riesig, dass ich das portugiesische Wort für Feuerwehrmann – bombeiro – kannte. Er versicherte mir „You sspreche português perfeito“. Si, ungefähr so perfekt, wie ein Emu fliegen kann … aber danke!

Ich finde es einfach toll, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, egal in welcher Sprache, ob mit Händen und Füßen oder Geräuschen (er hat so wunderbar die Feuerwehrsirene simuliert und das Geräusch des Hubschrauberrotors). Ich habe mich während der Fahrt mit diesem charmanten und sehr humorvollen Herrn mit den vielen Lachfältchen um die Augen ganz wunderbar unterhalten. Von mir aus hätte er mich auch gerne in 24 Stunden von Faro nach Köln fahren können, um noch ein wenig weiter zu schwatzen. Ob multi-lingual, phonetisch oder mit Gesten, Hauptsache erzählen!

Refeição!

Ihre Sandra Ott

 

12.08.2015

Denk! Grübel! Ächz! Da fällt mir doch partout kein Thema für die nächste Mahlzeit ein. Stöhn! Worüber soll ich nur schreiben? Keine Ahnung. Und das bei dem Wetter. Schwitz! Wär‘ jetzt lieber draußen in der Sonne. Freu! Oder Baden. Schwimm! Paddel! Plansch! Kühle Berghöhen wären auch cool. Wander! Lauf! Erhol! Durch dunkle Wälder streifen. Such! Stolper! Heul! Über wilde Wiesen laufen Riech! Schnupper! Nies! Nein, nein, nein. Jetzt mal mehr Konzentration. Kopf zerbrech! Themen liegen doch wie Sand am Meer herum. Ach, das Meer. Tauch! Spritz! Prust! Zurück an den Schreibtisch. Sortier! Recherchier! Elixier! Gluckgluckgluck! Hicks! Abschweif! Worüber könnte ich denn mal schreiben? Das gibt es doch gar nicht, dass mir nichts einfällt. Ärger! Irgendeine Idee habe ich doch sonst immer. Leucht! Sprüh! Funkel! Ich sollte vielleicht mal rausgehen, was anderes sehen. Guck! Blick! Starr! Mit anderen Leuten reden. Schwad! Laber! Driss verzäll! Nein, ernsthaft. Langweil! Okay, dann über etwas Lustiges. Lach! Kringel! Bieg! Schon besser. Wenigstens meine Stimmung steigt, wenn schon nicht mein Einfallsreichtum. Brüll! Kreisch! Tob! Ich halt es nicht mehr aus. Gleich platz‘ ich. Knall! Woosch! Schepper!.....

Japs! Schnauf! Hechel! So wird es also auch nichts. Wird Zeit, dass ich langsam mal die Kurve kriege. Wroom! Schlitter! Boing! Donald

Okay, das wird heute nichts mehr. Ich gebe auf. All meine Versuche, mich mit dem Erikativ in Schreibstimmung zu bringen, haben nichts genutzt. Der Erikativ? Was ist das denn, fragen Sie sich jetzt vermutlich. Bei dem Erikativ handelt es sich um einen 1998 geprägten Begriff für die comictypische Verkürzung von Verben auf ihren Stamm (Inflektiv), den Erika Fuchs populär gemacht hatte. Dr. Erika Fuchs war von 1951 bis in die 1980er-Jahre Chefredakteurin des Micky Maus Magazins. Mit ihrem unglaublichen Sprachwitz hat sie vor allem das Werk von Carl Barks kongenial ergänzt und ihm eine weitere Dimension hinzugefügt. Ihre Idee, für Lautmalereien Verben auf den Wortstamm zu reduzieren, hat die deutsche Sprache auf das Nachhaltigste bereichert. In Schwarzenbach an der Saale, wo sie lange lebte, ist jetzt ihr zu Ehren ein Museum eröffnet worden. Das Erika-Fuchs-Haus, im Untertitel Museum für Comic und Sprachkunst, würdigt Leben und Werk der kreativen Sprachschöpferin und lässt Comicgeschichte lebendig werden. Also auf zu Donald, Dagobert, Tick, Trick und Track und allen anderen, denen Erika Fuchs eine unverwechselbare Stimme gegeben hat. Besuch! Freu! Schätz!

Eine Schmatz! Schling! Löffel! Mahlzeit ohne Klecker! wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen