15.06.2016

„Wir treffen uns wieder, wenn die Kirchenglocken das nächste Mal bellen“, sagte Kursleiterin Bettina in meiner letzten Weiterbildung vor einer Pause und war sichtlich irritiert, als alle deutschen Teilnehmer laut lachten. Bettina ist Deutsche, lebt in Berlin und Amsterdam und spricht zuhause ausschließlich englisch. Und das Wort bellen gibt es sowohl im Deutschen (Hunde bellen) als auch im Holländischen (Telefone bellen = klingeln), und die Glocke, the bell im Englischen, ist auch irgendwie damit verwandt. Kein Wunder also, dass dann bei jemandem, der innerhalb von Sekunden zwischen drei Sprachen wechseln kann, auch mal die Kirchenglocken bellen. Wörter, die sich in zwei oder mehr Sprachen ähneln, aber unterschiedliche Bedeutungen haben, nennt man übrigens falsche Freunde. Von ihnen gibt es etliche: So ist das englische Gift mitnichten zu meiden, sondern kann erfreut als Geschenk in Empfang genommen werden. Im deutschen Wort Mitgift steckt das Geschenk in dieser Bedeutung noch drin. Wenn ein Holländer kurz nach einem Rockkonzert sagt, er sei doof, dann bezieht er dies nicht auf seinen Geisteszustand oder sein Verhalten, sondern er sagt schlichtweg, er sei taub. Der deutsche Konzertbesucher hat Kopfschmerzen und bittet den französischen um eine Tablette. Völlig entgeistert wird dieser fragen, wie um Himmels willen er denn mit einem Brett die Schmerzen loswerden wolle. Darauf sagt der Rumäne nur ein Wort: Prost. Und meint damit, der Deutsche sei nun wirklich „doof“.

Byte Rider flickr2

 Falsche Freunde sind in ihrem Ursprung verwandt und haben sich unterschiedlich entwickelt oder gleichen sich durch Zufall. Je verwandter die Sprachen sind, wie zum Beispiel Deutsch, Englisch, Holländisch, desto eher findet man sie. Für Simultanübersetzer besonders „tricky“ sind ähnlich erscheinende Wörter mit unterschiedlicher, ja zum Teil gegensätzlicher Bedeutung. Das englische „overhear“ ist so ein Beispiel: Im Deutschen wird es gerne mit überhören übersetzt, bedeutet aber zufällig hören/mitbekommen.

Echte Freunde wie Schnitzel mit Pommes rot-weiß finden Sie heute hoffentlich auf Ihrem Teller.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine ganz und gar richtige Mahlzeit

Rufus Barke

01.06.2016

Wenn Sie regelmäßige(r) LeserIn meiner Kolumnen sind, werden Sie bemerkt haben, dass ich mich gerne mit zwei Themen beschäftige: Sprache und Fußball. Und sogar auch mal mit Fußballsprache. Ehe Sie sich aber nun fragen, was wohl heute zur Sprache kommt, rücke ich mit eben jener heraus und verkünde: Heute geht es um Erika. Jedoch nicht um die Gattung der Heidekräuter, obwohl ich plane, diesen Text recht blümerant zu formulieren, und ebenfalls nicht um den gleichnamigen Ortsteil der Stadt Haren im Emsland oder die ebenso bezeichnete Sorte Süßkirschen. Nein. Sondern um die Erika. Weil: Erika feuert nur untreue Fakire. Und falls sich vor Ihren Augen nun ein einigermaßen imposantes inhaltliches Fragezeichen bildet, setze ich noch einen drauf und stelle Erika Renate zur Seite. Denn: Renate bittet Tibetaner. Aha, mögen Sie nun murmeln, aber da fehlt doch noch was … Korrekt. Ein Mann wäre sicher gut. Nehmen wir den Pepe. Obwohl: Pepe in Tahiti hat nie Pep. Was schade ist, nicht nur für Erika und Renate.Universalmuseum Joanneum flickr kl

Ehe Sie nun aufgeben, löse ich auf: Lesen Sie die drei Sätze über Erika, Renate und den peplosen Pepe einmal rückwärts – und Sie werden inhaltlich keinen Unterschied feststellen. Es handelt sich in allen drei Fällen um Satzpalindrome, also eine Zeichenkette, die von vorn und von hinten gelesen dasselbe ergibt. Geläufige Wort-Beispiele sind etwa „Otto“, „Rentner“, „Reittier“ oder „Rotor“. Etwas anspruchsvoller kommt schon der „Reliefpfeiler“ daher; will man aber ganze Palindrom-Sätze bilden, gerät das Hirn relativ zügig ins Schwimmen (meines jedenfalls). Recht hilfreich ist es, sich an Sätzen zu versuchen, die mit „Ein“ beginnen und auf „nie“ enden. Als Anfänger erfreut man sich dann schon an Bonmots wie „Ein Esel lese nie“ oder „Eine Madame? Nie!“ Im nächsten Level kommen Sie eventuell auf reichlich nett anzusehende und auch zu sprechende Sätze wie „Leo hortet Rohoel“ oder „Pur ist Saft fast Sirup“. Äußerst hilfreich ist es auch, sich der bayrischen Mundart zu bedienen; heraus kommen dann etwa Stilblüten à la „Reit amal a Lamatier“ oder „Sakra, Made im Edamar Kas!“ Find‘ ich gut!

Apropos Finnisch: Ich komme nun zum Ende und möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass laut einschlägiger Quellen das längste Wortpalindrom der Alltagssprache aus dem Finnischen kommt: Es lautet „Saippuakivikauppias“ und bezeichnet einen Seifensteinverkäufer – in Finnland möglicherweise eine durchaus gängige Berufsgruppe. Übrigens: Falls Ihnen dieses Thema heute so gar nicht gemundet hat und Ihnen dabei recht mulmig geworden sein sollte, dann leiden Sie eventuell an Eibohphobie – der Angst vor Palindromen.

Eine phobiefreie „Mahlzeit“ wünscht
Ihr Marcel Pannes

18.05.2016

Quadratisch, praktisch, gut? Geschwungen, schön, nutzlos? Die Rede soll hier nicht von kakaobasierten Genusstafeln sein, sondern von Vorgärten. Ich weiß nicht, wie es in Ihrer Umgebung aussieht, aber in unserem Stadtteil, obwohl – oder vielleicht weil – im Grünen gelegen, wird zunehmend gezirkelt, gestapelt, gekiest und geschottert. Schotter ohne Ende, quasi. Wo vorher wuchernde Wiesen waren, wird Stein auf Steinchen gehäuft, wird Split verkippt oder werden Gabionen mit Stahlgittern errichtet. Wo der Blick noch frei schweifen kann, fällt er auf graue, asphaltfarbene oder weiße Kiesel. Zumeist flächig, großflächig verteilt. Wenn der Blick noch schweifen kann, denn vielerorts wird scheinbar auf Kontakt zur Außenwelt und zur Nachbarschaft wenig Wert gelegt. Dezent dunkelgraue Betonmauern in Kopfhöhe, besagte steingefüllte Gabionen oder, auch sehr beliebt, stählerne Doppelstabmattenzäune schirmen Grund und Grundstück gründlich ab. Die Botschaft scheint klar: „Bleib mir vom Leib, komm mir ja nicht zu nah“. Und es funktioniert, beim Anblick dieser kompakten Wohnbollwerke fühle ich mich ausgeschlossen, ignoriert, ja geradezu zurückgestoßen. Und mehr als das, diese Gebäude sprechen zu mir. Ich jedenfalls vermeine, wenn ich diese Schachtelbauten passiere, leise, bedrohlich geflüsterte Botschaften zu vernehmen, aber vielleicht täusche ich mich auch.Grant Guarino kl

Warnschilder, wie sie sonst an Einfamilienhäusern zu finden sind, gibt es hier selbstverständlich nicht. Kein schnödes „Vorsicht bissiger Hund“ oder altmodisch formuliertes "Warnung vor dem Hunde“ ist nötig, um mich auf Abstand zu halten. Fehlanzeige auch bei den lustigen oder vermeintlich lustigen Sprüchen wie „Vorsicht vor dem bisschen Hund“, „Wir machen keine Gefangenen! Viel Glück!“ oder, auch sehr beliebt und besonders abschreckend auf Ältere oder Bewegungseingeschränkte wirkend „Ich schaffe es zum Zaun in 3 Sekunden. Und du?“ Auch kein niedliches Häschen oder Kätzchen will mich davon überzeugen, dass es hier alles unter Kontrolle hat. Für Niedlichkeit oder Dekoration ist schlicht kein Platz. Auch Blumen versuchen vergebens, sich an den glatten Außenwänden hochzuziehen. Keine Chance für Grün. Und so stehen da immer mehr Wohnsolitäre in exquisitem Steingrau, erfrischendem Staubgrau oder erlesenem Aschgrau und führen Selbstgespräche. Da scheint kein Dialog möglich. Und weil es kein Grün gibt, hört man noch nicht mal das Gras wachsen.

Eine kommunikative Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

11.05.2016

Erste Sonne, Wärme, Feiertag, Brückentag! Mir hat das verlängerte Wochenende über Himmelfahrt alles gebracht, was man von einem Frühlingswochenende erwarten kann. Meine Tochter hatte Geburtstag und wir haben gemütlich und fröhlich mit der ganzen Familie in den Tag gebruncht. Kind glücklich, Familie zufrieden und ich ziemlich entspannt. Abends habe ich mich vom großartigen indischen Restaurant bekochen lassen und bin pappsatt einfach mal früh ins Bett gegangen. Haengematte kl
Am Freitag habe ich mir eines der Geschenke an meine Tochter erst einmal zu Eigen gemacht: Das Hängemattengestell mit der gemütlichsten Hängematte, die man sich vorstellen kann. In die Sonne gerückt ohne Umwege in den Mittagsschlaf geschaukelt. Wunderbar! Wenn man dem Kind zum Geburtstag Dinge schenkt, die man selber gerne schon lange haben möchte: eine reine Win-Win Situation!

Für jemanden wie mich, die jeden Tag den lauten ÖPNV nutzt, im Büro einige Telefonate führt und sich 3-4 x die Woche abends von einem sehr energischen Trainer anbrüllen lässt und auch selbst viel und gerne „quatscht“, sind solche Ruhepausen einfach Balsam. Wie die drei Affen, nichts hören, nichts reden und – im Mittagsschlaf-Modus – auch nichts sehen. Kommunikativer Kurzurlaub!

Kurz und knapp deshalb auch heute meine Mahlzeit, genießen sie einfach die Ihre etwas länger!

Herzliche Grüße
Ihre Sandra Ott

04.05.2016

Wenn man wie ich in den letzten Wochen täglich gefühlt hundert Telefonate mit Ämtern, Versicherungen, Pflegediensten, Krankenhäusern etc. führt, landet man unweigerlich häufig in Warteschleifen. Die Bandbreite von Textansagen, mit denen einem Wartezeit angedroht wird, und die Auswahl der Musik ist beachtlich. Vor allem beachtlich schlecht. Die minimalistischste Variante ist „Bitte warten“. OK, da weiß ich zumindest, woran ich bin. Allerdings – nach drei Minuten ununterbrochenem „Bitte warten“-Gesäusel bin ich so was von auf 180, dass ich die „Bitte warten“-Stimme zu beschimpfen beginne. Minimalismus ist auch „Ihre Verbindung wird gehalten“ – ohne Musik, nichts, nur immer wieder dieser Satz. Ich frage mich natürlich, wer hält die da, die Verbindung? Und wie macht das der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin? Irgendwann beginne ich dann auch mit dieser Stimme zu sprechen – nicht gerade freundlich, das gebe ich zu. Aber, so meine Entschuldigung vor mir selbst: Das ist ja auch kein Mensch, sondern ein Computer. fiverlocker flickr kl

Die musikalische Minimalismusvariante ist „Für Elise“ oder auch „Eine kleine Nachtmusik“ – Totgesagte leben länger. Geradezu liebenswert sind ungewollte Sprachschnitzer wie „Bitte haben Sie ein wenig Geduld, Sie werden mit dem nächstbesten Mitarbeiter verbunden.“ Mir reicht da schon der nächste Mitarbeiter, hoffe ich doch, dass alle gleichermaßen kompetent sind. Warteschleifen sind akustische Visitenkarten des Unternehmens – sind sie gut gemacht, habe ich doch gleich gute Laune und bin gerne bereit, zu warten. Allerdings nicht länger als drei Minuten, so haben Studien gezeigt, dann werden die Wartenden ungeduldig, ärgerlich. Und wenn dann am Schluss noch kommt „Es sind immer noch alle Leitungen belegt, versuchen Sie es später noch einmal“, ist mich dieses Unternehmen als Kunde los, sofern ich die Wahl habe. Fantasie und Mut beweist ein rheinischer Pflegedienst mit seiner Ansage des Anrufbeantworters. „Mer sin op Jück bei de Ahl un han ze dun. Würde Sie ja och wolle, wenn Se ahl sin. Mer rufe ewer zurück.“ Und die Warteschleifenmusik: Na klar, die Kölschrocker Brings mit „Man müsste noch mal Zwanzig sein.“ Air Berlin hat es mit seinem Warteschleifen-Schlager übrigens vor ein paar Jahren bis in die Hörercharts eines Radiosenders geschafft. Also es geht doch!

Ihnen wünsche ich eine Mahlzeit ohne Wartezeit

Ihr Rufus Barke

20.04.2016

Waren Sie schon mal in Dingenskirchen? Dachte ich mir. Und sicherlich haben Sie auch bereits diverse Male ein Dings gesucht. Oder versucht, Herrn oder Frau Dingens anzurufen. Gut, ich ebenfalls. Denn: Vor der immer mal wieder und unvorhergesehen unmittelbar auftretenden Wortfindungsstörung ist niemand gefeit. Auch Monarchen nicht – wie etwa König Alfons, der Viertelvorzwölfte, Oberhaupt von Lummerland und Herrscher über ziemlich genau zwei Untertanen. König Alfons sitzt, gülden bekrönt, samtig beschlafrockt und flauschig behausschuht auf seinem Thron und kommt seinen Amtsgeschäften nach – das heißt: Er telefoniert mit anderen Königen. Und weil dies schon mal in Stress ausarten kann, meldet sich Alfons bei einem ankommenden Anruf gerne mit: „Hallo! Hier spricht der Dings … äh … also der Dings … der König!“ Was König Alfons in meinen Augen zu einem reichlich sympathischen Monarchen macht – auch, weil er seinen beiden Untertanen, Frau Waaas und Herrn Ärmel, an hohen Feiertagen ein Eis kauft. Alfons hr kl

Apropos Eis. Von dort stammt bekanntlich das Urmel. Für dessen Freunde, die Schüler in Professor Habakuk Tibatongs Tiersprech-Schule auf der Insel Titiwu, sind Alfons‘sche Wortfindungsstörungen weniger problematisch; sie alle werden vielmehr durch konsequente Lautverwechsler charakterisiert. So wird die schöne geschäumte Muschel, in die sich Ping Pinguin so gerne zurückzieht, zur „pfönen gepfäumten Mupfel“, was den Waran Wawa, eigentlicher Hausherr der Mupfel, „schiemlich schornig“ macht. Und den Schuhschnabel Schusch dazu veranlasst, Folgendes zu konstatieren: „Wär sänd än zämlächen Schwärägkeiten.“

Kenner des puppenkistigen Repertoires aus Augschburg werden wissen, dass auch der kleine Roboter Schlupp vom Planeten Baldasiebenstrichdrei nach seiner unvermittelten Ankunft auf der Erde in Schwärägkeiten steckt. Seine Erfinder, die Fabrikationsgelehrten Ritschwumm und Ratakräsch, beide ausstaffiert mit einem Wolfgang Petry-artigen Haarteil, das sich bei Erregung in Windeseile gen Himmel hebt, wollen dem Schlupp ans Blech und kommentieren dies auf Baldaisch mit „OrrrrrrrrRrrrrrrrediRrrrrrrrrraks!“ Den Schlupp hingegen kümmert das wenig, er singt weiter schwungvoll sein Baldaisches Nonsens-Liedchen, dessen erste Zeile in etwa so lautet (meine Baldaisch-Kenntnisse sind leider nur rrrrrudimentär ausgeprägt): „Quatsch lie rums botschamschieletzloff, lupps dat schwimms katschrummadatsch.“ (Das gesamte Lied gibt es hier)

Wenn Sie also mal wieder auf der Suche nach dem Dings, dem Dingens oder Dingenskirchen sind, nehmen Sie sich ein Beispiel am Schlupp und variieren Sie: Auch ein „Bongens“, „Möllens“ oder „Samsidei“ kann ja ganz schön sein.

Mahlscheit! wünscht
Ihr Marcel Pannes

06.04.2016

„Och nö“, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen: „Nicht schon wieder das Thema Friseur“. Aber ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich kann wirklich nichts dafür. Und es geht dieses Mal nicht um Namen, versprochen. Als ich heute Morgen, wie schon häufiger, Heikes Haarsalon (Name geändert!) passierte, war da dieses Angebot, das ich bisher anscheinend immer übersehen hatte. Ich dachte erst, ich seh‘ nicht richtig und musste deshalb ein zweites Mal hingucken. Und dieser zweite Blick zeigte, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Nicht nur, dass Cuttogoschnitte und Extensions angepriesen wurden, nein, auch eine Zweitfrisur war im Angebot. Während ich mich noch fragte, wie das denn ganz praktisch in die Tat umzusetzen sei, erkannte ich die Genialität dieser Verkaufsstrategie, Stichwort Zusatznutzen. Sich einfach frisieren zu lassen, reicht heute nicht mehr. Heute braucht alles einen Mehrwert, eine weitere Funktion, einen Two-in-one-Faktor, der mehr Spaß, mehr Anwendungen, mehr Umdrehungen, eben mehr Nutzen verspricht. Und wie naheliegend das ist! Hat nicht auch jede Medaille zwei Seiten? Ist der Zweitwagen nicht längst Standard? Und ist das Zweinutzungshuhn nicht die zweite Chance für das vom Schreddern bedrohte Eintagsküken?
helst1 flickr web Aber nicht nur marketingtechnisch ist das „plusEins-Prinzp“ erfolgversprechend. Wo Einseitigkeit zu Polarisierung und Vielseitigkeit zu Ver(w)irrung führen können, ist die Zweiseitigkeit ein eleganter Mittelweg, ist sie ein verbindendes „sowohl als auch“ statt eines separierenden „entweder oder“. Und führt direkt zu ihrer charmanten Verwandten, der Zweideutigkeit, die der Hauch des Geheimnisvollen umgibt, die mehr verspricht als sie auf den ersten Blick preisgibt, die die Neugierde weckt und die Fantasie. Doch, zugegeben, nicht jede Zweisamkeit muss ein Quell der Freude sein. Beispielsweise bei Paaren, die sich bei jedem zweiten Satz in die Haare kriegen. Dann wird aus dem trauten Zweierlei schnell wieder ein tristes Einerlei. Auch anderswo können Zweiteilungen zu schmerzhaften Einschnitten führen, die Länder, Menschen oder Haare für immer (ab-)trennen. Aber da kommt mir die Idee für eine Zweitverwertung. Aus abgeschnittenem Haar beispielsweise ließe sich doch eine Perücke fertigen und diese könnte dann als Zweitfrisur eine neue Karriere machen. Warum soll beim Haupthaar nicht funktionieren, was beim ZDF erfolgreich ist: Mit der zweiten sieht man besser (aus). Zweifellos.

Ob Erst- oder Zweitmahlzeit, guten Appetit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

30.03.2016

Mal flugs über Ostern an die Nordsee gefahren, Seele baumeln lassen im eisigen Wind. Ein Besuch am Strand muss drin sein, trotz Nieselregens. Als mir der starke Wind einen kleinen Kassenbon aus der Tasche fegt und ich ihm einige Meter hinterher spurte, komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch! „War das ein wichtiger Zettel?“ fragt sie. „Nein, ganz und gar nicht, jedoch muss ja nicht auch noch mein Müll hier am Strand herumwirbeln“, erwiderte ich, mache einen großen Satz und erwische den blöden Bon doch tatsächlich noch. Klasse findet die Dame es, dass ich nicht Schulter zuckend weiter gegangen bin. „Naja“, sag ich, während ihr kleiner Hund um meine Beine hüpft, „nicht, dass die Kleene hier meinen Müll futtert und Bauchweh bekommt.“ Lilli heißt die schwarze Schnauzer-Hündin, erfahre ich. Und da ich so nett bin, traut sich Frauchen auch mit einer Bitte an mich: „Würden Sie eine Weile mit meiner Lilli spielen? Ihr den Ball werfen? Ich kann nicht mehr. Die macht mich wahnsinnig!“ Lilly Ich lache, denn Lilli steht schon vor mir, ihren Tennisball im Maul und wedelt heftig mit dem Schwanz. Sie legt mir den angesabberten, sandigen Ball in die Hand und flitzt los, bevor ich überhaupt werfe. Da ich mich dann auch noch mit meinen Haaren in dem Knopf meines Ärmels verheddere, landet der erste Wurfversuch weit hinter der schnellen Lilli. Sie findet ihn doch, den Ball, und kommt fröhlich zurückgeeilt. Über ihrem Kopf kann ich die riesige Sprechblase ihrer Gedanken fast sehen: „Schmeiß jetzt bloß mal ordentlich, du Mensch!“ Ich gebe mir Mühe. Oft. Sehr, sehr oft. Unermüdlich rast die kleine Hündin gefühlte hundert-, mindestens aber vierzigmal am Stand auf und ab. Ihre Augen blitzen, der Ball immer wieder brav in meine Hand gelegt, düst sie sofort wieder los, der gelben Filzkugel hinterher. Selten habe ich einen Hund erlebt, der so ausgelassen und unermüdlich Bällen hinterher jagt. Ihr Frauchen ist jedenfalls heilfroh und bedankt sich überschwänglich. „Sie ist der liebste Hund der Welt, aber ich komm da einfach nicht mehr mit!“ Kann ich verstehen. Wahrscheinlich hält das auch nur ein geübter Baseball-Profi durch. Da bekäme der Home Run noch mal eine ganz neue Bedeutung.

Eine schöne Mahlzeit ohne Sand zwischen den Zähnen wünscht

Ihre Sandra Ott

16.03.2016

„Gib mir mal Dein Handy, ich will ein Date bestätigen. Gehen wir dann chillen?“ Unsere Alltagssprache wimmelt von Wörtern, die anderen Sprachen entlehnt sind. Manche wie Smartphone oder Laptop sind jüngeren Datums, andere wie Trottoir oder Rendezvous schon seit Jahrhunderten im Deutschen verankert – aber wer sagt heute noch Rendezvous, wo es doch Date, Meeting usw. gibt. Aber wie ist es eigentlich in anderen Sprachen, haben diese Wörter deutschen Ursprungs? Kindergarden, Blitzkrieg oder Rucksack– diese kennt man noch so ungefähr. Aber tatsächlich gibt es unzählige Wörter deutschen Ursprungs in zahlreichen Sprachen. Wenn Sie auf Ihrem cyferblat die Zeit ablesen, sind Sie gerade in Polen. Auf der türkischen otobahn kann es ein sinnvolles leytmotif sein, nicht mit einem aysberg zu kollidieren, sonst landet man im hinterlant. Wenn der Brite extra starkes Bier trinkt, also das Gegenteil von wishy washy, kann das Resultat schon mal ein fulminanter katzenjammer sein. Versteht der Luxemburger nicht, wenn Sie ihn ansprechen, mag das an seinem kapphörer liegen. Den Holländer überkommt vielleicht dann die wanderlust, wenn er heilgymnastiek gemacht hat, und dann schnappt er sich zwei Pappenheimer, um sich ungesehen abzuseilen. Wenn der Däne nach dem polterabend besoffen ist und im weltschmerz vergeht, trifft er seinen finnischen Kollegen, der ein lied anstimmt über die finnische besserwisseri und grandiosen kitsch. Und der französische Lehrer, der von le doppelgänger le schnaps aus le rucksac klaut, erhält ruckzuck le berufsverbot. Und wer jetzt Hunger bekommt, dem empfehle ich griechisches schnitsel oder auch italienische semel mit cren, dazu einen vermut, bevor es mit dem alpenstock wieder nach Hause geht. Wo hoffentlich kein poltergaist haust. Den gibt es nämlich in allen möglichen Sprachen mit deutschem Ursprung. Kai Heinlahti/flickrVor exakt zehn Jahren gab es übrigens eine internationale Ausschreibung zur Wörterwanderung, um so deutsche Wörter in einem fremden Sprachraum zu finden – in ursprünglicher oder auch veränderter Bedeutung. So entdeckte man das polnische Fremdwort Wihajster (Wie heißt er), das mit Dingsbums übersetzt wird. Oder das französische Kippfenster vasistdas, das von Was ist das stammt. Und wenn der Zug auf einem türkischen Bahnhof bereit zur Abfahrt ist, dann heißt es schlicht fertik. Was wir noch gar nicht behandelt haben, sind die falschen Freunde – also Wörter, die einem deutschen Wort gleichen oder identisch sind, aber eine völlig andere Wortbedeutung haben, wie das spanische firma (Unterschrift) oder das englisch gift (Geschenk). Aber das ist eine andere Mahlzeit Wert.

Und nun erfreuen Sie sich an so typisch brasilianischen Gerichten wie strudel, quark, malzbier oder anderen delicatessen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine internationale Mahlzeit

Rufus Barke

09.03.2016

So, jetzt aber mal zügig. Nicht zögern, einfach machen und das Ding in einem Zug durchziehen. In einem Zug oder in einem Zug? Oder gar in Zug? Mal sehen, erstmal in die Gänge kommen. In die Zugänge kommen, nein in die Zuggänge. Irgendwie geht gerade gar nichts mehr. Ist der Zug vielleicht schon abgefahren? Es ruckelt jedenfalls mächtig. Und es zieht. Ganz schön zugig hier. Aber immer noch nicht zügig. Eher ganz, ganz langsam, Zug für Zug. Geht es jetzt voran oder eher zurück? Geht irgendjemand voran? Das entzieht sich leider meiner Kenntnis. Es wird immer ungemütlicher, jetzt auch noch Zugluft. Da, eine Durchsage, aber irrelevant. Ich stelle lieber auf Durchzug, bevor meine Gesichtszüge entgleisen. Zur Beruhigung vielleicht ein geistiges Getränk. Ah, in einem Zug geleert, lecker. Während Zug um Zug vorbeizieht – ist denn schon wieder Karneval? – verziehen sich meine düsteren Gedanken. Ein schöner Umzug. Ich ziehe in Betracht, mich ihm anzuschließen, habe aber keine passende Tracht. Aber hinaus zieht es mich schon, hinaus ins Grüne, die Zugbahnen der Zugvögel beobachten z. B. Oder auf einer Bank im Park mit Zugereisten ins Gespräch kommen, vermutlich einfacher als sich mit Zugreisenden zu unterhalten. Vielleicht bin ich auch nur auf den falschen Zug aufgesprungen. Mahlzeit Zug JerryHuddleston

Zeit also, einen tiefen Atemzug zu tun und rauszugehen, bevor der Zug abgefahren ist. Draußen ziehen Wolken schnell über den Himmel und ich versuche, dem Zug hinausströmender Menschen auszuweichen. Ich werde unsanft von eiligen Passanten zur Seite gestoßen: Kein schöner Zug, aber weiter nichts passiert und weiter geht‘s. Entlang des Zugwegs, auf den Spuren des Umzugs, gelange ich in eine Grünanlage. Auf einer Wasserfläche ziehen Enten gemächlich ihre Bahnen, die Sonne kämpft gegen die Kälte, die mir in die Knochen gezogen war, und ich bin froh, dass ich dem Draußen den Vorzug gegeben habe. Der Einzugsbereich des Parks scheint groß zu sein, denn es hat bereits viele hierhingezogen. Für Nachzügler wie mich ist kaum noch ein Plätzchen zu finden. Also ziehe ich meine Kreise ums Wasser und erfreue mich an den milden Temperaturen. Langsam zieht der Frühling ein. Ich genieße den leichten Luftzug, ziehe eine letzte Bahn und trete dann den Rückzug an. Mal sehen, wenn ich Glück habe, ist der Zug noch nicht abgefahren.

Ob in einem Zug oder woanders
eine leckere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre
Petra Janßen