06.04.2016

„Och nö“, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen: „Nicht schon wieder das Thema Friseur“. Aber ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich kann wirklich nichts dafür. Und es geht dieses Mal nicht um Namen, versprochen. Als ich heute Morgen, wie schon häufiger, Heikes Haarsalon (Name geändert!) passierte, war da dieses Angebot, das ich bisher anscheinend immer übersehen hatte. Ich dachte erst, ich seh‘ nicht richtig und musste deshalb ein zweites Mal hingucken. Und dieser zweite Blick zeigte, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Nicht nur, dass Cuttogoschnitte und Extensions angepriesen wurden, nein, auch eine Zweitfrisur war im Angebot. Während ich mich noch fragte, wie das denn ganz praktisch in die Tat umzusetzen sei, erkannte ich die Genialität dieser Verkaufsstrategie, Stichwort Zusatznutzen. Sich einfach frisieren zu lassen, reicht heute nicht mehr. Heute braucht alles einen Mehrwert, eine weitere Funktion, einen Two-in-one-Faktor, der mehr Spaß, mehr Anwendungen, mehr Umdrehungen, eben mehr Nutzen verspricht. Und wie naheliegend das ist! Hat nicht auch jede Medaille zwei Seiten? Ist der Zweitwagen nicht längst Standard? Und ist das Zweinutzungshuhn nicht die zweite Chance für das vom Schreddern bedrohte Eintagsküken?
helst1 flickr web Aber nicht nur marketingtechnisch ist das „plusEins-Prinzp“ erfolgversprechend. Wo Einseitigkeit zu Polarisierung und Vielseitigkeit zu Ver(w)irrung führen können, ist die Zweiseitigkeit ein eleganter Mittelweg, ist sie ein verbindendes „sowohl als auch“ statt eines separierenden „entweder oder“. Und führt direkt zu ihrer charmanten Verwandten, der Zweideutigkeit, die der Hauch des Geheimnisvollen umgibt, die mehr verspricht als sie auf den ersten Blick preisgibt, die die Neugierde weckt und die Fantasie. Doch, zugegeben, nicht jede Zweisamkeit muss ein Quell der Freude sein. Beispielsweise bei Paaren, die sich bei jedem zweiten Satz in die Haare kriegen. Dann wird aus dem trauten Zweierlei schnell wieder ein tristes Einerlei. Auch anderswo können Zweiteilungen zu schmerzhaften Einschnitten führen, die Länder, Menschen oder Haare für immer (ab-)trennen. Aber da kommt mir die Idee für eine Zweitverwertung. Aus abgeschnittenem Haar beispielsweise ließe sich doch eine Perücke fertigen und diese könnte dann als Zweitfrisur eine neue Karriere machen. Warum soll beim Haupthaar nicht funktionieren, was beim ZDF erfolgreich ist: Mit der zweiten sieht man besser (aus). Zweifellos.

Ob Erst- oder Zweitmahlzeit, guten Appetit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

30.03.2016

Mal flugs über Ostern an die Nordsee gefahren, Seele baumeln lassen im eisigen Wind. Ein Besuch am Strand muss drin sein, trotz Nieselregens. Als mir der starke Wind einen kleinen Kassenbon aus der Tasche fegt und ich ihm einige Meter hinterher spurte, komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch! „War das ein wichtiger Zettel?“ fragt sie. „Nein, ganz und gar nicht, jedoch muss ja nicht auch noch mein Müll hier am Strand herumwirbeln“, erwiderte ich, mache einen großen Satz und erwische den blöden Bon doch tatsächlich noch. Klasse findet die Dame es, dass ich nicht Schulter zuckend weiter gegangen bin. „Naja“, sag ich, während ihr kleiner Hund um meine Beine hüpft, „nicht, dass die Kleene hier meinen Müll futtert und Bauchweh bekommt.“ Lilli heißt die schwarze Schnauzer-Hündin, erfahre ich. Und da ich so nett bin, traut sich Frauchen auch mit einer Bitte an mich: „Würden Sie eine Weile mit meiner Lilli spielen? Ihr den Ball werfen? Ich kann nicht mehr. Die macht mich wahnsinnig!“ Lilly Ich lache, denn Lilli steht schon vor mir, ihren Tennisball im Maul und wedelt heftig mit dem Schwanz. Sie legt mir den angesabberten, sandigen Ball in die Hand und flitzt los, bevor ich überhaupt werfe. Da ich mich dann auch noch mit meinen Haaren in dem Knopf meines Ärmels verheddere, landet der erste Wurfversuch weit hinter der schnellen Lilli. Sie findet ihn doch, den Ball, und kommt fröhlich zurückgeeilt. Über ihrem Kopf kann ich die riesige Sprechblase ihrer Gedanken fast sehen: „Schmeiß jetzt bloß mal ordentlich, du Mensch!“ Ich gebe mir Mühe. Oft. Sehr, sehr oft. Unermüdlich rast die kleine Hündin gefühlte hundert-, mindestens aber vierzigmal am Stand auf und ab. Ihre Augen blitzen, der Ball immer wieder brav in meine Hand gelegt, düst sie sofort wieder los, der gelben Filzkugel hinterher. Selten habe ich einen Hund erlebt, der so ausgelassen und unermüdlich Bällen hinterher jagt. Ihr Frauchen ist jedenfalls heilfroh und bedankt sich überschwänglich. „Sie ist der liebste Hund der Welt, aber ich komm da einfach nicht mehr mit!“ Kann ich verstehen. Wahrscheinlich hält das auch nur ein geübter Baseball-Profi durch. Da bekäme der Home Run noch mal eine ganz neue Bedeutung.

Eine schöne Mahlzeit ohne Sand zwischen den Zähnen wünscht

Ihre Sandra Ott

16.03.2016

„Gib mir mal Dein Handy, ich will ein Date bestätigen. Gehen wir dann chillen?“ Unsere Alltagssprache wimmelt von Wörtern, die anderen Sprachen entlehnt sind. Manche wie Smartphone oder Laptop sind jüngeren Datums, andere wie Trottoir oder Rendezvous schon seit Jahrhunderten im Deutschen verankert – aber wer sagt heute noch Rendezvous, wo es doch Date, Meeting usw. gibt. Aber wie ist es eigentlich in anderen Sprachen, haben diese Wörter deutschen Ursprungs? Kindergarden, Blitzkrieg oder Rucksack– diese kennt man noch so ungefähr. Aber tatsächlich gibt es unzählige Wörter deutschen Ursprungs in zahlreichen Sprachen. Wenn Sie auf Ihrem cyferblat die Zeit ablesen, sind Sie gerade in Polen. Auf der türkischen otobahn kann es ein sinnvolles leytmotif sein, nicht mit einem aysberg zu kollidieren, sonst landet man im hinterlant. Wenn der Brite extra starkes Bier trinkt, also das Gegenteil von wishy washy, kann das Resultat schon mal ein fulminanter katzenjammer sein. Versteht der Luxemburger nicht, wenn Sie ihn ansprechen, mag das an seinem kapphörer liegen. Den Holländer überkommt vielleicht dann die wanderlust, wenn er heilgymnastiek gemacht hat, und dann schnappt er sich zwei Pappenheimer, um sich ungesehen abzuseilen. Wenn der Däne nach dem polterabend besoffen ist und im weltschmerz vergeht, trifft er seinen finnischen Kollegen, der ein lied anstimmt über die finnische besserwisseri und grandiosen kitsch. Und der französische Lehrer, der von le doppelgänger le schnaps aus le rucksac klaut, erhält ruckzuck le berufsverbot. Und wer jetzt Hunger bekommt, dem empfehle ich griechisches schnitsel oder auch italienische semel mit cren, dazu einen vermut, bevor es mit dem alpenstock wieder nach Hause geht. Wo hoffentlich kein poltergaist haust. Den gibt es nämlich in allen möglichen Sprachen mit deutschem Ursprung. Kai Heinlahti/flickrVor exakt zehn Jahren gab es übrigens eine internationale Ausschreibung zur Wörterwanderung, um so deutsche Wörter in einem fremden Sprachraum zu finden – in ursprünglicher oder auch veränderter Bedeutung. So entdeckte man das polnische Fremdwort Wihajster (Wie heißt er), das mit Dingsbums übersetzt wird. Oder das französische Kippfenster vasistdas, das von Was ist das stammt. Und wenn der Zug auf einem türkischen Bahnhof bereit zur Abfahrt ist, dann heißt es schlicht fertik. Was wir noch gar nicht behandelt haben, sind die falschen Freunde – also Wörter, die einem deutschen Wort gleichen oder identisch sind, aber eine völlig andere Wortbedeutung haben, wie das spanische firma (Unterschrift) oder das englisch gift (Geschenk). Aber das ist eine andere Mahlzeit Wert.

Und nun erfreuen Sie sich an so typisch brasilianischen Gerichten wie strudel, quark, malzbier oder anderen delicatessen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine internationale Mahlzeit

Rufus Barke

09.03.2016

So, jetzt aber mal zügig. Nicht zögern, einfach machen und das Ding in einem Zug durchziehen. In einem Zug oder in einem Zug? Oder gar in Zug? Mal sehen, erstmal in die Gänge kommen. In die Zugänge kommen, nein in die Zuggänge. Irgendwie geht gerade gar nichts mehr. Ist der Zug vielleicht schon abgefahren? Es ruckelt jedenfalls mächtig. Und es zieht. Ganz schön zugig hier. Aber immer noch nicht zügig. Eher ganz, ganz langsam, Zug für Zug. Geht es jetzt voran oder eher zurück? Geht irgendjemand voran? Das entzieht sich leider meiner Kenntnis. Es wird immer ungemütlicher, jetzt auch noch Zugluft. Da, eine Durchsage, aber irrelevant. Ich stelle lieber auf Durchzug, bevor meine Gesichtszüge entgleisen. Zur Beruhigung vielleicht ein geistiges Getränk. Ah, in einem Zug geleert, lecker. Während Zug um Zug vorbeizieht – ist denn schon wieder Karneval? – verziehen sich meine düsteren Gedanken. Ein schöner Umzug. Ich ziehe in Betracht, mich ihm anzuschließen, habe aber keine passende Tracht. Aber hinaus zieht es mich schon, hinaus ins Grüne, die Zugbahnen der Zugvögel beobachten z. B. Oder auf einer Bank im Park mit Zugereisten ins Gespräch kommen, vermutlich einfacher als sich mit Zugreisenden zu unterhalten. Vielleicht bin ich auch nur auf den falschen Zug aufgesprungen. Mahlzeit Zug JerryHuddleston

Zeit also, einen tiefen Atemzug zu tun und rauszugehen, bevor der Zug abgefahren ist. Draußen ziehen Wolken schnell über den Himmel und ich versuche, dem Zug hinausströmender Menschen auszuweichen. Ich werde unsanft von eiligen Passanten zur Seite gestoßen: Kein schöner Zug, aber weiter nichts passiert und weiter geht‘s. Entlang des Zugwegs, auf den Spuren des Umzugs, gelange ich in eine Grünanlage. Auf einer Wasserfläche ziehen Enten gemächlich ihre Bahnen, die Sonne kämpft gegen die Kälte, die mir in die Knochen gezogen war, und ich bin froh, dass ich dem Draußen den Vorzug gegeben habe. Der Einzugsbereich des Parks scheint groß zu sein, denn es hat bereits viele hierhingezogen. Für Nachzügler wie mich ist kaum noch ein Plätzchen zu finden. Also ziehe ich meine Kreise ums Wasser und erfreue mich an den milden Temperaturen. Langsam zieht der Frühling ein. Ich genieße den leichten Luftzug, ziehe eine letzte Bahn und trete dann den Rückzug an. Mal sehen, wenn ich Glück habe, ist der Zug noch nicht abgefahren.

Ob in einem Zug oder woanders
eine leckere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre
Petra Janßen

02.03.2016

Sie sollten mich sehen, liebe Leserinnen und Leser. Ich sitze ein wenig arg zerzaust vor meinem Bildschirm und verfasse diesen Text. Was nicht selbstverständlich ist, da mir um ein Haar kein Thema eingefallen wäre und ich mir in kürzer werdenden Zeitabständen intensivst die Haare raufte. Und wie ich so raufte, dachte ich daran, dass ich dem von meiner geschätzten Kollegin Petra Janssen bereits schon in einer ihrer Kolumnen behandelten Phänomen der kreativen Namensfindung von Geschäftstreibenden nochmals einen neuen Schnitt verpasse. Ohne Haarspalterei, jedoch mit fönetischem Esprit und haarscharf recherchiert. Denn: Als ich noch Schüler war, ging ich zum Frisör meines Vertrauens, dessen Geschäft den wohlklingend schnurgerade formulierten Namen „Salon XY“ trug (Ich weiß den Namen tatsächlich nicht mehr). Wer damals etwas auf sich hielt und sich eine exklusive Färbung geben wollte, firmierte als Coiffeur (Übrigens gefällt mir die türkische Schreibweise „Kuaför“ deutlich besser). So weit, so praktisch. Stadtkatze2

Heute lassen sich Leute mit Köpfchen und Wildwuchs auf Selbigem zum Beispiel im Salon „Vier Haareszeiten“ verwöhnen. Wie durch Zauberei die Matte frisiert wird einem möglicherweise im „Haarbacadabra“ – wo der Meister statt des Lockenstabs den Hairy Potter-Gedächtnis-Zauberstab schwingt. Den unter Zeitdruck Stehenden sei die Frisierstube „Chaarisma“ empfohlen, in der sich die Haare wahrscheinlich ob der bloßen Anwesenheit des Inhabers wie von selbst eine neue Form geben. Ein Mangel an Laufkundschaft dürfte im Salon „Haireinspaziert“ selten zu beklagen sein, während man hoffen darf, dass den Kunden die Haare in „Thilos Hairberge“ nicht pausenlos zu Berge stehen.

Da lobe ich mir die ausgefuchste Namenskreation des Ladens „Vorhair/Nachhair“, dessen Besuch ich in jedem Fall dem der „Haarnarchie“ vorziehen würde. Sollten Sie vor dem Flug in den Urlaub hingegen erschrocken feststellen, dass der Sonnenhut ob des mal längst wieder fälligen Fassonschnitts doch nicht passt, empfehle ich einen Zwischenstopp im Salon „Hairport“. Der Preis für den ultimativsten Aufforderungscharakter geht an den Schöpfer der Kreation „Komm hair“, dicht gefolgt von den nicht minder kre“haar“tiven Firmierungen „Kamm in“ und „Kamm 2 cut“. Sonderpreise vergebe ich außerdem noch an den „Liebhaarber“, das „Hairlich“ und den türkischen Kuaför in „Paschas Haarem“.

Apropos türkischer Kuaför. Meine Rübe in Fasson bringen lasse ich bei Mehmet. Wie sein Salon heißt, will mir nur gerade nicht einfallen. Dort schmeckt nicht nur der Kaffee vorzüglich, auch mein Haarschnitt ist vorzeigbar. Mehmet kann also nicht nur Barista, sondern auch Haarista.

Eine hairvorragende Mahlzeit wünscht

Ihr Marcel Pannes

24.02.2016

Ich gehe gerne ins Kino. Ich mag die Stimmung, die bequemen Sessel und auch mal Popcorn. Doch ganz ehrlich, in den großen Kinos ist mir ein Freitag- oder Samstagabend mit einem aktuellen Film einfach zu teuer. Wenn ich dann noch meine Tochter mitnehme, bin ich am Ende des Abends pleite.
Bei uns im Stadtteil gibt es jedoch ein kleines Kino, nur zwei Säle, 1970er-Jahre-Teppich im Eingangsbereich, eine Popcornmaschine, wie sie mancher bei sich in der Küche stehen hat, und Kinosessel, die schon fast als Zweisitzersofa durchgehen. Es laufen dort zwar nicht (immer) die aktuellsten Blockbuster, doch habe ich dort schon Filme gesehen, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Dienstags kostet die Vorstellung 4,50 €, ein Glas(!) Wein dazu und eine kleine Türe Popcorn und ich bin immer noch unter 10 €. Wunderbar! Camilo Rueda Lopez flickr Die Zuschauer sind überschaubar und so kommt man häufig auch schnell ins Gespräch, bleibt noch eine Weile an dem kleinen Stehtisch stehen oder, gemütlicher, sitzt in der kleinen Bistroecke. Manche sieht man öfter, da es auch für sie ein regelmäßiges Vergnügen geworden ist, unser lokales Kino zu unterstützen. Ich nutze diesen „Kinotag“ zwei- bis dreimal im Monat mit meiner Mutter. Die Dame an der Kasse kennt uns und auch hier wird noch ein bisschen geschnackt, bevor der Film anfängt. Wir haben in den letzten Monaten wunderbare Film-Kostbarkeiten gesehen, die uns berührt, begeistert, gefreut haben. Es laufen dort manchmal Filme in der Originalfassung mit Untertiteln oder Reportagen, es gibt Themenwochen zu Filmfestivals und manchmal, da kann man sogar einen Film anfragen. Wenn genug Personen zusammenkommen, wird dieser exklusiv gespielt. Der Inhaber startet jeden Film noch per Hand und je nach Thema oder Besonderheit stellt er sich schon mal kurz vor die Leinwand und erzählt, was das Besondere ist oder wo dieser in Teilen sogar „bei uns“ (in Leverkusen) gedreht wurde. Und manchmal ist der Regisseur auch gleich selbst vor Ort und erzählt all dies persönlich.

In diesem Lichtspielhaus, das es schon seit den 1930er-Jahren gibt, habe ich 1984 meine ersten Kinofilme gesehen und ich hoffe, dass ich noch lange das Vergnügen haben werde, dienstags oder an Wochenenden gemütlich und gesellig dieses wunderbare Kino zu besuchen.

Mahlzeit!

Ihre Sandra Ott

17.02.2016

„Keine Zeit, ich bin im Stress, muss noch meine Mails, WhatsApp und so abchecken.“ Dann treffen wir uns morgen, nach der Mittagspause. „Ne, Du, ich muss erst meinem Kunden die ganzen Vorteile aufzeigen, die sich durch das neue Produkt ergeben.“ Solche oder ähnliche Gespräche höre ich oft. Und frage mich, wenn die Leute alle keine Zeit mehr haben, warum sparen sie nicht gleich beim Sprechen oder Schreiben Zeit? Sie merken schon, mein Thema heute ist die Vorsilbe vor Verben, auch Präfix genannt. Die deutsche Sprache hat davon eine Menge. So kann man aus dem Kern-Verb „treten“ mit allerlei Vorsilben Neues bilden: Wir können in Unappetitliches reintreten, aus der Reihe vortreten, als Bundespräsident zurücktreten, in einen Verein eintreten – und dies wütend auch auf einen Gegenstand; irgendwo gegentreten und im Theater auftreten und dort ganz energisch auch mit dem Fuß. Jedes Verb hat seine spezielle Bedeutung. Eine sinnvolle, sofern sie sinnvoll eingesetzt wird. Zeitintensiv wird’s allerdings, wenn der Sprecher oder Schreiber eine Vorsilbe davorklatscht, die völlig überflüssig ist. Ich checke meine Mails, da braucht’s kein „ab“ davor. vorsilben

Aufzeigen kann ich in einem Workshop, wenn ich reden möchte, ansonsten zeige ich jemandem, wo es langgeht – außer ich zeige ihn an, dann muss ich zur Polizei. Viel Zeit scheinen auch Menschen zu haben, die Dinge abändern, abkopieren, nachkontrollieren, überprüfen, zurückerstatten oder übersenden. Und wenn ich vom Tisch falle, schmerzt dies sicherlich genauso als wenn ich vom Tisch herunterfalle. Natürlich lassen sich auch Substantive herrlich erweitern, ohne dass ein Mehr-Sinn entsteht. Mein Lieblingswort seit Jahrzehnten: Unkosten. Und auf Englisch geht das natürlich auch. Im November letzten Jahres erhielt ich eine Save-the-date-Karte für eine Hochzeit im Oktober dieses Jahres. Das ist dann wohl die englische Version von Vorankündigung, die die Ankündigung zur Hochzeitseinladung ausspricht. Also die Vor-Vor-Ankündigung. Die jungen Leute heute scheinen wirklich so wenig Zeit zu haben, dass sie neun Monate vorher Hochzeitstermine blockieren (lassen) müssen. Das Wort Zeit bietet – neben Hochzeit – auch wunderbare Kombinationsmöglichkeiten. Aber lassen wir es für heute bei einer – Ihnen durchaus vertrauten – Kombination:

Mahlzeit
wünscht Ihnen Rufus Barke

10.02.2016

Und, wie ist das Wetter heute bei Ihnen? Ich hoffe, es hat sich wieder beruhigt. Oder war es bei Ihnen gar nicht so stürmisch? Für uns Karnevalsflüchtlinge hat sich die Eifel als stilles Örtchen erwiesen. Geschützt im Maarkrater hatten wir Ruhe vor peitschenden Winden, Orkanböen und möglichen Windhosen. Obwohl, so dramatisch ist es ja dann doch nicht geworden. Wir bekamen allenfalls den Windchill-Effekt zu spüren. Was nicht bedeutet, dass wir uns von einem sanften Luftzug ins Nirvana treiben ließen, sondern dass uns durch den starken Wind saukalt wurde. Leider hatten wir unser Anemometer nicht dabei, das uns die Windgeschwindigkeit hätte anzeigen können, geschweige denn das in der Meteorologie häufig verwendete Flügelschalen-Anemometer, dessen Messgenauigkeit uns genau hätte anzeigen können, wie stark der Wind uns um die Nase geblasen hat. Vielleicht hätten uns die Altocumulus warnen können, wenn wir in der Lage gewesen wären, sie zu deuten. Denn dann hätten wir die in langgestreckten, parallelen Walzen und linsenförmigen Bänken auftretenden Wolken natürlich als charakteristische Anordnung für die Altocumulus erkennen können. Auch die seltenen kleinfaserigen oder diffusen Büschelwolken, die wir am Himmel ausmachen konnten, hätten uns zu denken geben sollen, denn alle diese Formationen wiesen darauf hin, dass in 12 bis 24 Stunden Schlechtwetter aufkommen könne. Wir Ahnungslosen!
digitalcat flickr2Zum Glück hat die ausufernde Wetterberichterstattung der letzten Jahre unseren Wortschatz um diese wunderbaren Begriffe bereichert, auch wenn sie uns trotz allem nicht vor Wetterunbill schützen können. Aber sich eloquent über türmchenartige Quellungen bei Wolkenkomponenten, Altostratus, Cirrostratus und Nimbostratus unterhalten zu können, lässt sich einen doch direkt selber als Wetterexperten fühlen. Richtig strunzen kann man dann mit der Aussage, dass sich die Altostratus häufig als eine Altocumulus-Schicht entwickelt, wenn Eiskristallschleppen in größerem Ausmaß aus der Altocumulus fallen. Mich persönlich faszinieren ja auch die Isobaren, wobei es sich nicht etwa um ein fahrendes Volk von Thermoskannenverkäufern handelt, sondern um die Grenzlinien von Gebieten mit gleichen oder ähnlichen Luftdruckverhältnissen. Auch mit der Erkenntnis, dass es sich bei Isohypsen nicht um hysterische Schreihälse handelt, sondern um Höhenlinien, lässt sich sicherlich Eindruck schinden. Aber all das Wetterbesserwissen ändert ja nichts daran, dass wir das Wetter nicht ändern können. Wir können nur mehr darüber sagen. Und auch wenn immer mehr vorhergesagt wird, wird die Vorhersage nicht unbedingt zuverlässiger. Ich halte es daher mit dem bekannten Sprichwort: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“

In diesem Sinne, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Eine heitere Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

03.02.2016

Moin, Hoi, Grüezi, Servus, Tach! Findet sich auch Ihre Region in dieser kleinen Auswahl an Begrüßungsformen? Wenn ja, prima! Wenn nicht, leben Sie vielleicht im Saarland. Dort ist es nicht unüblich, zur Begrüßung ein kurz-prägnantes „Und?“ rauszulassen, gefolgt von einem nur unwesentlich längeren „Und selbscht?“ oder „Jo!“. Dieser Dialog ist mir nicht nur sehr sympathisch, weil er die Effizienz des Saarländers zeigt, sondern auch, weil ich Fan von Dialekten und darüber hinaus auch sehr für den Erhalt von regionalen Sprachvarietäten bin. Denn: Setzt man den zweiten Teil des Begriffs „Mundart“ mit dem englischen „art“ – also Kunst – gleich, entsteht „Mundkunst“ – und als ebensolche mag ich Dialekte auch verstanden wissen. Passenderweise kommt dazu der bevorstehende Karneval in Köln doch gerade recht. Dort feiern ja nicht nur Einheimische, sondern auch eine Menge Gäste aus Nah und Fern, die quatschen, schnacken, schwätze oder babbele. Und die bei einem Großteil des üppigen Kölner Liedgutes in der Kneipe ihrer Wahl dann nur Bahnhof verstehen. Daher möchte ich an dieser Stelle auf einige wenige Grundregeln der Kölschen Sprache und der Kölschsprecher hinweisen: ErichFerdinand flickr2

Wenn der Kölner eine brandaktuelle Neuigkeit loswerden will (und das will er oft), appelliert er sprachlich so sehr an alle Sinne des Zuhörenden, dass jenem oftmals Hören und Sehen vergeht: „Saach, hür ens, häste dat jesinn?!?“ Als angemessene Reaktion darauf sei kein pikiert dreinblickendes „Wie bitte?“ empfohlen, sondern ein überrascht-neugieriges und mit leicht dramatischem Unterton verziertes „Nää! Wat dann? Saach ens!“ Weiterhin ist zu beachten, auf die wohlmeinende Aufforderung „Saach ens Bloodwoosch!“ tunlichst mit „Flönz“ zu antworten, um sich nicht gleich als Zugereister zu erkennen zu geben. Wenn Sie sich vorstellen, nennen Sie Ihren Nachnamen kraftvoll zuerst („Ich bin dä Schmitze Jupp“) und wenn Sie unschlüssig sind, wem der Kranz Kölsch auf dem Nachbartisch gehört, verwenden Sie den eigens dafür erfundenen Wemsing-tiv („Wem singe Kranz Kölsch is‘ dat?). Oder Sie nehmen sich einfach eins und stoßen mit dem Nachbarn freundschaftlich an. Weil Kölsch ja bekanntlich auch die einzige Sprache ist, die man trinken kann.

Eines noch: Äußerst hilfreich für die Kommunikation und außerdem auch noch leicht zu lernen ist die Regel: „Im Kölschen gibt es kein G!“. Wahlweise spricht der Kölner jenes „G“ als jeschmeidijes „Jott“ wie in „Jachtentor“, als harten Ach-Laut wie in „Zoch“ (oder nochmal „Jachtentor“) oder aber als erfrischenden Zisch-Laut wie „fuffzisch“ (Übersetzungshilfe: fünfzig). Haben Sie diese Regel verinnerlicht und wollen einen Einheimischen beeindrucken, behaupten sie ihm gegenüber, dass Sie ein Wort wüssten, in dem alle drei Varianten der kölschen G-Aussprache vorkommen. Auf seine vermutlich auftretende Reaktion „Wat? Näää! Dat jiddet net!“ holen Sie den eigens dafür antrainierten lässigen Gesichtsausdruck hervor und sagen „Fluchzeuschträjer!“ Die Runde Kölsch ist Ihnen sicher! Und ein Stück Flönz noch dazu!

Eine lustisch-spochtlich-launije Mahlzeit wünscht
Ihr Marcel Pannes

27.01.2016

Wieder Mittwoch, Kolumnen-Tag. Ich bin dran. Mensch, denk ich, was ist die Woche schnell vergangen. Oder besser, der ganze Januar. Vorbei geflogen wie nichts. Und ich sitze jetzt hier, nachdem ich es mir in den ersten drei Wochen themenmäßig etwas zu bequem gemacht habe, und überlege: Was schreib ich? Fußball (Bundesliga-Start) – hatten wir schon. Karneval steht vor der Tür – hatten wir schon. Ich plane grade meinen Trip an die Nordsee – hatten wir schon. Hm, was bleibt? Dschungelcamp? Nein, ist nicht so unsers. Politisch wollen wir nicht werden, zumindest nicht in einer Mittagskolumne. Das nächste Justin-Bieber-Konzert? Ich verschone Sie, das mach ich mit mir selber aus (Hauptsache, das Kind ist glücklich!). Stattdessen könnte ich Ihnen ein Video mit „Katze erschreckt sich vor Gurke“ zeigen? Haben wir gemacht, meine Katze ist aber gurkenresistent. Kickboxen, nach wie vor mein Lieblingsthema: hatten wir schon und mittlerer Weile höre ich auch den Trainer besser. Bücher, Musik, Bahnverspätungen, alles schon mal da gewesen. Trotz neuer Krimis und leider verstorbenen Heros erscheint mir dieser Gedankenzug grade nicht fahrtüchtig. Was nur schreiben?
wordleMahlzeit
Ich spiele mit verschiedenen Mahlzeit-Ideen in meinem Kopf, aber die sind alle entweder schüchtern oder eingeschnappt. Die eine Idee steht in der Ecke, verschränkte Arme vor der Brust und sagt: „Nö! An mich kommst du nicht mehr ran!“ Die andere in einer weiteren Windung meines Hirns motzt: „Du könntest mir ruhig mal etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Aber nein, bei der kleinsten Ablenkung bist du woanders. Nicht mit mir! Ich bin weg!“ So ist das manchmal. Da moppern und diskutieren die eigenen Gedanken mit den Ideen, werden sich nicht einig, streiken oder blockieren sich einfach. Mal kommt ein Telefongespräch dazwischen, Gespräche mit Kollegen und natürlich die alltägliche Konzentration auf meinen Job. Da muss die Mahlzeit schon mal ein wenig hintanstehen und die kleinen Ideen und Gedanken müssen sich etwas gedulden, bis sie an der Reihe sind. Die ungeduldigen lösen sich einfach in Luft auf. Manchmal, so sagt man, hilft es, sich eine Weile mit etwas völlig anderem zu beschäftigen, um wieder gedanklich in die Spur zu finden. Das mache ich jetzt auch: Ich gehe essen!

Mahlzeit! wünscht
Ihre Sandra Ott