31.08.2016

Unlängst bat mich eine Schweizer Bekannte, mit auf den Estrich zu kommen. Verwundert folgte ich ihr auf den Dachboden. „Da, pack mal bitte mit an, wir tragen den Karton nach unten.“ „Und was ist jetzt mit dem Estrich?“ „Ja, wieso, genau da stehen wir doch.“ Nach anfänglicher Verwirrung folgte die Aufklärung: Im Schweizer Hochdeutsch bedeutet Estrich Dachboden. Und auch beim Kochen gab es Irritationen, ist doch die Schweizer Peperoni unsere Paprika, Peperoncini bedeutet hingegen Peperoni und im vorweg gereichten Nüsslisalat suchte ich im Feldsalat vergebens nach Nüssen. Das Plätzli, das es zum Hauptgang gab, war weder süß noch rund, sondern ein fulminantes Schnitzel. Dazu wurden Gschwellti (Pellkartoffeln) und Rande (Rote Bete) gereicht. Und nachdem wir gespiesen hatten, bat meine Bekannte mich um einen Unterbruch, also eine Unterbrechung, um in einem der Pärke frische Luft zu schnappen – von wo wir dann doch im Handkehrum wiederkehrten, weil ein Gewitter aufzog. Auf einem Trottoir stritten zwei Velofahrer – sicherlich wegen des defekten Pneus an einem Velo. Zu Hause rasch in die Finken geschlüpft – es dauerte, bis ich diese als Hausschuhe erkannt hatte – und die Jacken in den Kasten gehängt, aber zum Glück nicht gezwängt, denn der Kasten entpuppte sich als geräumiger Schrank – gesellten wir uns, rechtzeitig zum Nachtisch, einem Glacé, wieder zum Rest der Runde. Die Themen kreisten um das neue Haus, in das sie erst vor wenigen Wochen gezügelt waren, die Nachbarn, ein nettes Konkubinats- also unverheiratetes Paar – und den neuen Abrieb (Putz) an den Wänden. Farbs01 superscheeli2

So hätte ein netter Abend in der Schweiz werden können. Aber ich kenne kaum Schweizer – mich interessieren einfach nur die Unterschiede beider Sprachen. Insofern ist der Ausflug auf den Estrich eine ausgedachte Geschichte. Wohl kenne ich die ausgesuchte Höflichkeit der Schweizer, hier vor allem beim Beginn eines Gesprächs. Was wir vielleicht manchmal als umständlich beschreiben, ist einfach nur höflich und zuvorkommend gemeint. Es braucht ein wenig mehr Zeit, bis man während des Gesprächs zum eigentlichen Anliegen kommt. Und auch am Schluss braucht es zwei, drei Schleifen vor dem eigentlichen Abschied. Da ist der Schweizer dem Niederrheiner sehr ähnlich. Dieser beginnt nach der Verabschiedung überhaupt erst den wesentlichen Teil der Unterhaltung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ob mit Paprika, Peperoncini oder Plätzli: Genießen Sie Ihre Mahlzeit.

Rufus Barke

10.08.2016

Ja, ich bekenne mich. Zum intensiven und exzessiven Konsum der Olympia-Übertragungen. Ich starre auf den Bildschirm, wenn usbekische Gewichtheber zig Kilogramm in die Höhe wuchten. Wenn der malaysische Judoka seinen Gegner aus dem Iran mit einem Ashi-Uchi-Mata auf die Matte zimmert. Und wenn der ein oder andere Schwimmer trotz seiner schick anzusehenden Durchtrainiertheit mehr oder weniger bleientig durchs Becken pflügt. Ich entspanne, wenn der Bogenschütze seine Sehne spannt und die Spannung beim Degenfechten auf der Plange mit Händen zu greifen ist. Und ich frage mich auch zeitweise, ob so mancher Sportler ob des Drucks und des möglichen Versagens im entscheidenden Moment auch mal Muffensausen hat, weil er mit einer Gardinenpredigt des Trainers rechnen muss.

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Moment mal … Muffensausen? Gardinenpredigt? In der Pause des Wasserspringens dachte ich über den Ursprung dieser Redensarten nach und welche Muffe wohin saust, während vor oder hinter einem transparent-dekorativen Stöffchen eine Rede gehalten wird. Hilfe fand ich bei Sprichwortexperten. Die Muffe, um die es geht, findet sich demnach nicht im gut aufgeräumten Materiallager eines Installateurs, sondern vielmehr in jedem von uns Menschen. Zielgenau formuliert nämlich im Darm. An dessen Ende sich der Schließmuskel befindet, dessen Aufgabe der einer Muffe gleicht. Und der aber nur dann zur Zufriedenheit arbeitet, wenn ihn Angst oder großes Unbehagen nicht erschlaffen lassen. Soweit klar. Die Gardinenpredigt hingegen stammt aus der Zeit, als es üblich war, zum Schutz vor Blicken und Kälte Vorhänge um das Bett herum aufzuhängen. Wenn die Dame des Hauses schon im Bett lag, während ihr Gatte noch nächtliche Ausflüge unternahm, wurde die Gardine zugezogen. Kehrte der Herr in den Augen seiner Frau zu spät zurück, durfte er sich vor der zugezogenen Gardine sicher einiges anhören. Mit oder ohne Muffensausen vorher.

Zurück zu den sportlichen Darbietungen in Rio. Die auch mal reichlich schiefgehen können. So geschehen etwa beim Turnen oder während des Radrennens auf abschüssigen brasilianischen Straßen, als mir aufgrund der teilweise sehr unschön anzusehenden Stürze und Verletzungen ein spontanes „Mein lieber Scholli!“ entfleuchte. Der Ursprung dieses Ausrufs geht nicht etwa auf Mehmet Scholl zurück (Obwohl er während der Fußball-EM im Hinblick auf so manche Äußerung Scholls auch durchaus angebracht gewesen wäre), sondern auf den Franzosen Ferdinand Joly. Dieser pfiff im 18. Jahrhundert auf sämtliche Etikette und Gepflogenheiten des Adels und führte ein reichlich unstetes Vagabundenleben – was beim einfachen Volk recht gut ankam.

Unstet wird übrigens irgendwann auch mein Auf-den-Bildschirm-Starren. Spätestens gegen Mitternacht liege ich im Bett und widme mich der Nachtruhe. Allerdings ohne Gardinen. Und ohne Predigt.

Eine angenehme Mahlzeit wünscht
Ihr Marcel Pannes

20.07.2016

Seit kurzer Zeit arbeite ich ja in zwei völlig verschiedenen Jobs. Meine Stelle neben barke + partner hat mit PR nichts zu tun, sondern ist im therapeutischen Bereich zu Hause. Dort komme ich nun täglich mit Kindern zusammen, die gesundheitliche Probleme haben, körperlich wie auch psychisch. Wenn man Kinder mit Handicaps trifft, ist man meistens eher betroffen und ein wenig befangen, doch was ich in der kurzen Zeit schon von ihnen lernen durfte, macht mich zutiefst dankbar und sehr demütig. Die meisten von ihnen haben eine solche Fröhlichkeit und eine „toughness“ an sich, die hauen mich einfach um. So auch dieser kleine Held, der mich heute zum Schreiben inspiriert:
Es klingelt, unsere Praxistür geht auf und schon kommt unser kleiner Patient mit einem lauten Lachen hinein. Es ist sofort Leben in der Bude, sein Lächeln ist ansteckend und wenn wir Glück haben, singt er auch manchmal für uns. Er redet nicht viel und wenn, dann eher unverständlich, aber er sagt so viel mit seiner ganzen Art und seinen Bewegungen, dem lauten Lachen. Seine Diagnose auf dem Stück Papier vom Arzt treibt mir die Tränen in die Augen, wenn der Junge jedoch hier ist, herrscht nur unbeschwerte Freude und ich kann nur staunen, wie er, und auch die vielen anderen Kinder hier, mit sich im Reinen ist. Unbeschwertheit ist bei den Kids so ganz natürlich vorhanden, ob gesund oder weniger gesund . klara.christina

Wir Erwachsenen sind schneller dabei, zu jammern – was natürlich auch mal völlig legitim ist. Es ist ja nicht immer ein „guter Tag“ wenn man Schmerzen hat oder einfach mal schlecht drauf ist. Bei den Kindern ist das aber seltener der Fall. Was ich aus dem Praxisalltag mitnehme, ist mich selbst nicht immer so bierernst zu nehmen, dankbar zu sein für meine Gesundheit und vor allem auch die Gesundheit meiner Tochter. Dass ein Lachen von Herzen in Sekunden glücklich machen kann und dass Fröhlichkeit und manchmal auch Albernheit auf so positive Weise ansteckend ist und einen ganzen Tag zum Highlight werden lässt. Also: mehr Mut zur Albernheit, mehr Mut zum (An)Lächeln! Auch mal die fremden Sitznachbarn in Bus und Bahn, oder im Auto an der Ampel. Im besten Fall bekommt man ein Lächeln zurück

Eine fröhliche Mahlzeit wünscht Ihnen
Ihre Sandra Ott

 

29.06.2016

Tja, für die „Three Lions“ ist die EM zu Ende, da hat auch der zwölfte Mann den elf Freunden nicht helfen können. Island, die Mannschaft, in deren Heimat es Hunderte von Geysiren, aber nur hundert Fußballprofis gibt und eine Einwohnerzahl wahlweise entsprechend Leicester oder Bielefeld, hat England im Achtelfinale aus dem Turnier katapultiert. Das war schon eine veritable Überraschung, zumal die nordischen Inselkicker die Kicker von den „nochbritischen Inseln“ ja nicht durch ihr Überzahlspiel an den Rand der Verzweiflung bzw. des Sechzehners spielten, sondern durch starken Willen und die Einheit der Mannschaft. Keine der Zahlenspielereien im Vorfeld hatte das Ergebnis vorhergesehen und kaum einer damit gerechnet, dass ausgerechnet für die Isländer Zählbares bei dem Spiel herauskommen würde. Was sich rechnet, kann eben nicht immer berechnet werden. Ob sich die isländische Taktik auch im Viertelfinale gegen die Equipe Tricolore auszahlt, wird sich zeigen. Aber wer zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, dass ein Sieg für Island durchaus möglich ist und keine Milchmädchenrechnung sein muss. Es ist schließlich nicht davon auszugehen, dass die Isländer im sicheren Gefühl des Sieges bereits vorab vor Begeisterung ihr Pulver verschießen, so wie das besagte Milchmädchen seine Milch verschüttete, weil es vor lauter Vorfreude auf das viele Geld vom Verkauf der Milch mit der Kanne in der Hand zu hüpfen begann. Dre13ehn

Aber zurück aufs Spielfeld: zu den glücklichen Isländern, die im Spiel gegen die Dreifarbigen eine nächste Sensation anstreben – und sei es erst im Elfmeterschießen. Zu den nicht so glücklichen Mannschaften zählen hingegen die anderen „Tricolori“ aus Rumänien, die die Vorrunde nicht überstanden, ebenso wenig wie die „Tre Kronor“ aus Schweden. Wer die Krone schließlich holt und ob neben drei Löwen und drei Kronen auch drei Farben zu wenig sein werden, werden wir erst nach dem Viertelfinale wissen. Was wir dagegen wissen ist, dass auch elf zu wenig sein können. Das mussten ja die Niederländer im Vorfeld erfahren, die „Elftal“, die Elf an der Zahl, die ihr Aus in der Qualifikation unter anderem den Isländern zu „verdanken“ haben. Die hingegen verlassen sich nicht auf Zahlenspielereien und nennen ihre Mannschaft einfach „Strákarnir okkar“, unsere Jungs. Und bis jetzt hat sich die Taktik der Isländer auf jeden Fall ausgezahlt.

Eine Mahlzeit, die sich für Sie rechnet,

wünscht

Ihre Petra Janßen

15.06.2016

„Wir treffen uns wieder, wenn die Kirchenglocken das nächste Mal bellen“, sagte Kursleiterin Bettina in meiner letzten Weiterbildung vor einer Pause und war sichtlich irritiert, als alle deutschen Teilnehmer laut lachten. Bettina ist Deutsche, lebt in Berlin und Amsterdam und spricht zuhause ausschließlich englisch. Und das Wort bellen gibt es sowohl im Deutschen (Hunde bellen) als auch im Holländischen (Telefone bellen = klingeln), und die Glocke, the bell im Englischen, ist auch irgendwie damit verwandt. Kein Wunder also, dass dann bei jemandem, der innerhalb von Sekunden zwischen drei Sprachen wechseln kann, auch mal die Kirchenglocken bellen. Wörter, die sich in zwei oder mehr Sprachen ähneln, aber unterschiedliche Bedeutungen haben, nennt man übrigens falsche Freunde. Von ihnen gibt es etliche: So ist das englische Gift mitnichten zu meiden, sondern kann erfreut als Geschenk in Empfang genommen werden. Im deutschen Wort Mitgift steckt das Geschenk in dieser Bedeutung noch drin. Wenn ein Holländer kurz nach einem Rockkonzert sagt, er sei doof, dann bezieht er dies nicht auf seinen Geisteszustand oder sein Verhalten, sondern er sagt schlichtweg, er sei taub. Der deutsche Konzertbesucher hat Kopfschmerzen und bittet den französischen um eine Tablette. Völlig entgeistert wird dieser fragen, wie um Himmels willen er denn mit einem Brett die Schmerzen loswerden wolle. Darauf sagt der Rumäne nur ein Wort: Prost. Und meint damit, der Deutsche sei nun wirklich „doof“.

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 Falsche Freunde sind in ihrem Ursprung verwandt und haben sich unterschiedlich entwickelt oder gleichen sich durch Zufall. Je verwandter die Sprachen sind, wie zum Beispiel Deutsch, Englisch, Holländisch, desto eher findet man sie. Für Simultanübersetzer besonders „tricky“ sind ähnlich erscheinende Wörter mit unterschiedlicher, ja zum Teil gegensätzlicher Bedeutung. Das englische „overhear“ ist so ein Beispiel: Im Deutschen wird es gerne mit überhören übersetzt, bedeutet aber zufällig hören/mitbekommen.

Echte Freunde wie Schnitzel mit Pommes rot-weiß finden Sie heute hoffentlich auf Ihrem Teller.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine ganz und gar richtige Mahlzeit

Rufus Barke

01.06.2016

Wenn Sie regelmäßige(r) LeserIn meiner Kolumnen sind, werden Sie bemerkt haben, dass ich mich gerne mit zwei Themen beschäftige: Sprache und Fußball. Und sogar auch mal mit Fußballsprache. Ehe Sie sich aber nun fragen, was wohl heute zur Sprache kommt, rücke ich mit eben jener heraus und verkünde: Heute geht es um Erika. Jedoch nicht um die Gattung der Heidekräuter, obwohl ich plane, diesen Text recht blümerant zu formulieren, und ebenfalls nicht um den gleichnamigen Ortsteil der Stadt Haren im Emsland oder die ebenso bezeichnete Sorte Süßkirschen. Nein. Sondern um die Erika. Weil: Erika feuert nur untreue Fakire. Und falls sich vor Ihren Augen nun ein einigermaßen imposantes inhaltliches Fragezeichen bildet, setze ich noch einen drauf und stelle Erika Renate zur Seite. Denn: Renate bittet Tibetaner. Aha, mögen Sie nun murmeln, aber da fehlt doch noch was … Korrekt. Ein Mann wäre sicher gut. Nehmen wir den Pepe. Obwohl: Pepe in Tahiti hat nie Pep. Was schade ist, nicht nur für Erika und Renate.Universalmuseum Joanneum flickr kl

Ehe Sie nun aufgeben, löse ich auf: Lesen Sie die drei Sätze über Erika, Renate und den peplosen Pepe einmal rückwärts – und Sie werden inhaltlich keinen Unterschied feststellen. Es handelt sich in allen drei Fällen um Satzpalindrome, also eine Zeichenkette, die von vorn und von hinten gelesen dasselbe ergibt. Geläufige Wort-Beispiele sind etwa „Otto“, „Rentner“, „Reittier“ oder „Rotor“. Etwas anspruchsvoller kommt schon der „Reliefpfeiler“ daher; will man aber ganze Palindrom-Sätze bilden, gerät das Hirn relativ zügig ins Schwimmen (meines jedenfalls). Recht hilfreich ist es, sich an Sätzen zu versuchen, die mit „Ein“ beginnen und auf „nie“ enden. Als Anfänger erfreut man sich dann schon an Bonmots wie „Ein Esel lese nie“ oder „Eine Madame? Nie!“ Im nächsten Level kommen Sie eventuell auf reichlich nett anzusehende und auch zu sprechende Sätze wie „Leo hortet Rohoel“ oder „Pur ist Saft fast Sirup“. Äußerst hilfreich ist es auch, sich der bayrischen Mundart zu bedienen; heraus kommen dann etwa Stilblüten à la „Reit amal a Lamatier“ oder „Sakra, Made im Edamar Kas!“ Find‘ ich gut!

Apropos Finnisch: Ich komme nun zum Ende und möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass laut einschlägiger Quellen das längste Wortpalindrom der Alltagssprache aus dem Finnischen kommt: Es lautet „Saippuakivikauppias“ und bezeichnet einen Seifensteinverkäufer – in Finnland möglicherweise eine durchaus gängige Berufsgruppe. Übrigens: Falls Ihnen dieses Thema heute so gar nicht gemundet hat und Ihnen dabei recht mulmig geworden sein sollte, dann leiden Sie eventuell an Eibohphobie – der Angst vor Palindromen.

Eine phobiefreie „Mahlzeit“ wünscht
Ihr Marcel Pannes

18.05.2016

Quadratisch, praktisch, gut? Geschwungen, schön, nutzlos? Die Rede soll hier nicht von kakaobasierten Genusstafeln sein, sondern von Vorgärten. Ich weiß nicht, wie es in Ihrer Umgebung aussieht, aber in unserem Stadtteil, obwohl – oder vielleicht weil – im Grünen gelegen, wird zunehmend gezirkelt, gestapelt, gekiest und geschottert. Schotter ohne Ende, quasi. Wo vorher wuchernde Wiesen waren, wird Stein auf Steinchen gehäuft, wird Split verkippt oder werden Gabionen mit Stahlgittern errichtet. Wo der Blick noch frei schweifen kann, fällt er auf graue, asphaltfarbene oder weiße Kiesel. Zumeist flächig, großflächig verteilt. Wenn der Blick noch schweifen kann, denn vielerorts wird scheinbar auf Kontakt zur Außenwelt und zur Nachbarschaft wenig Wert gelegt. Dezent dunkelgraue Betonmauern in Kopfhöhe, besagte steingefüllte Gabionen oder, auch sehr beliebt, stählerne Doppelstabmattenzäune schirmen Grund und Grundstück gründlich ab. Die Botschaft scheint klar: „Bleib mir vom Leib, komm mir ja nicht zu nah“. Und es funktioniert, beim Anblick dieser kompakten Wohnbollwerke fühle ich mich ausgeschlossen, ignoriert, ja geradezu zurückgestoßen. Und mehr als das, diese Gebäude sprechen zu mir. Ich jedenfalls vermeine, wenn ich diese Schachtelbauten passiere, leise, bedrohlich geflüsterte Botschaften zu vernehmen, aber vielleicht täusche ich mich auch.Grant Guarino kl

Warnschilder, wie sie sonst an Einfamilienhäusern zu finden sind, gibt es hier selbstverständlich nicht. Kein schnödes „Vorsicht bissiger Hund“ oder altmodisch formuliertes "Warnung vor dem Hunde“ ist nötig, um mich auf Abstand zu halten. Fehlanzeige auch bei den lustigen oder vermeintlich lustigen Sprüchen wie „Vorsicht vor dem bisschen Hund“, „Wir machen keine Gefangenen! Viel Glück!“ oder, auch sehr beliebt und besonders abschreckend auf Ältere oder Bewegungseingeschränkte wirkend „Ich schaffe es zum Zaun in 3 Sekunden. Und du?“ Auch kein niedliches Häschen oder Kätzchen will mich davon überzeugen, dass es hier alles unter Kontrolle hat. Für Niedlichkeit oder Dekoration ist schlicht kein Platz. Auch Blumen versuchen vergebens, sich an den glatten Außenwänden hochzuziehen. Keine Chance für Grün. Und so stehen da immer mehr Wohnsolitäre in exquisitem Steingrau, erfrischendem Staubgrau oder erlesenem Aschgrau und führen Selbstgespräche. Da scheint kein Dialog möglich. Und weil es kein Grün gibt, hört man noch nicht mal das Gras wachsen.

Eine kommunikative Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre

Petra Janßen

11.05.2016

Erste Sonne, Wärme, Feiertag, Brückentag! Mir hat das verlängerte Wochenende über Himmelfahrt alles gebracht, was man von einem Frühlingswochenende erwarten kann. Meine Tochter hatte Geburtstag und wir haben gemütlich und fröhlich mit der ganzen Familie in den Tag gebruncht. Kind glücklich, Familie zufrieden und ich ziemlich entspannt. Abends habe ich mich vom großartigen indischen Restaurant bekochen lassen und bin pappsatt einfach mal früh ins Bett gegangen. Haengematte kl
Am Freitag habe ich mir eines der Geschenke an meine Tochter erst einmal zu Eigen gemacht: Das Hängemattengestell mit der gemütlichsten Hängematte, die man sich vorstellen kann. In die Sonne gerückt ohne Umwege in den Mittagsschlaf geschaukelt. Wunderbar! Wenn man dem Kind zum Geburtstag Dinge schenkt, die man selber gerne schon lange haben möchte: eine reine Win-Win Situation!

Für jemanden wie mich, die jeden Tag den lauten ÖPNV nutzt, im Büro einige Telefonate führt und sich 3-4 x die Woche abends von einem sehr energischen Trainer anbrüllen lässt und auch selbst viel und gerne „quatscht“, sind solche Ruhepausen einfach Balsam. Wie die drei Affen, nichts hören, nichts reden und – im Mittagsschlaf-Modus – auch nichts sehen. Kommunikativer Kurzurlaub!

Kurz und knapp deshalb auch heute meine Mahlzeit, genießen sie einfach die Ihre etwas länger!

Herzliche Grüße
Ihre Sandra Ott

04.05.2016

Wenn man wie ich in den letzten Wochen täglich gefühlt hundert Telefonate mit Ämtern, Versicherungen, Pflegediensten, Krankenhäusern etc. führt, landet man unweigerlich häufig in Warteschleifen. Die Bandbreite von Textansagen, mit denen einem Wartezeit angedroht wird, und die Auswahl der Musik ist beachtlich. Vor allem beachtlich schlecht. Die minimalistischste Variante ist „Bitte warten“. OK, da weiß ich zumindest, woran ich bin. Allerdings – nach drei Minuten ununterbrochenem „Bitte warten“-Gesäusel bin ich so was von auf 180, dass ich die „Bitte warten“-Stimme zu beschimpfen beginne. Minimalismus ist auch „Ihre Verbindung wird gehalten“ – ohne Musik, nichts, nur immer wieder dieser Satz. Ich frage mich natürlich, wer hält die da, die Verbindung? Und wie macht das der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin? Irgendwann beginne ich dann auch mit dieser Stimme zu sprechen – nicht gerade freundlich, das gebe ich zu. Aber, so meine Entschuldigung vor mir selbst: Das ist ja auch kein Mensch, sondern ein Computer. fiverlocker flickr kl

Die musikalische Minimalismusvariante ist „Für Elise“ oder auch „Eine kleine Nachtmusik“ – Totgesagte leben länger. Geradezu liebenswert sind ungewollte Sprachschnitzer wie „Bitte haben Sie ein wenig Geduld, Sie werden mit dem nächstbesten Mitarbeiter verbunden.“ Mir reicht da schon der nächste Mitarbeiter, hoffe ich doch, dass alle gleichermaßen kompetent sind. Warteschleifen sind akustische Visitenkarten des Unternehmens – sind sie gut gemacht, habe ich doch gleich gute Laune und bin gerne bereit, zu warten. Allerdings nicht länger als drei Minuten, so haben Studien gezeigt, dann werden die Wartenden ungeduldig, ärgerlich. Und wenn dann am Schluss noch kommt „Es sind immer noch alle Leitungen belegt, versuchen Sie es später noch einmal“, ist mich dieses Unternehmen als Kunde los, sofern ich die Wahl habe. Fantasie und Mut beweist ein rheinischer Pflegedienst mit seiner Ansage des Anrufbeantworters. „Mer sin op Jück bei de Ahl un han ze dun. Würde Sie ja och wolle, wenn Se ahl sin. Mer rufe ewer zurück.“ Und die Warteschleifenmusik: Na klar, die Kölschrocker Brings mit „Man müsste noch mal Zwanzig sein.“ Air Berlin hat es mit seinem Warteschleifen-Schlager übrigens vor ein paar Jahren bis in die Hörercharts eines Radiosenders geschafft. Also es geht doch!

Ihnen wünsche ich eine Mahlzeit ohne Wartezeit

Ihr Rufus Barke

20.04.2016

Waren Sie schon mal in Dingenskirchen? Dachte ich mir. Und sicherlich haben Sie auch bereits diverse Male ein Dings gesucht. Oder versucht, Herrn oder Frau Dingens anzurufen. Gut, ich ebenfalls. Denn: Vor der immer mal wieder und unvorhergesehen unmittelbar auftretenden Wortfindungsstörung ist niemand gefeit. Auch Monarchen nicht – wie etwa König Alfons, der Viertelvorzwölfte, Oberhaupt von Lummerland und Herrscher über ziemlich genau zwei Untertanen. König Alfons sitzt, gülden bekrönt, samtig beschlafrockt und flauschig behausschuht auf seinem Thron und kommt seinen Amtsgeschäften nach – das heißt: Er telefoniert mit anderen Königen. Und weil dies schon mal in Stress ausarten kann, meldet sich Alfons bei einem ankommenden Anruf gerne mit: „Hallo! Hier spricht der Dings … äh … also der Dings … der König!“ Was König Alfons in meinen Augen zu einem reichlich sympathischen Monarchen macht – auch, weil er seinen beiden Untertanen, Frau Waaas und Herrn Ärmel, an hohen Feiertagen ein Eis kauft. Alfons hr kl

Apropos Eis. Von dort stammt bekanntlich das Urmel. Für dessen Freunde, die Schüler in Professor Habakuk Tibatongs Tiersprech-Schule auf der Insel Titiwu, sind Alfons‘sche Wortfindungsstörungen weniger problematisch; sie alle werden vielmehr durch konsequente Lautverwechsler charakterisiert. So wird die schöne geschäumte Muschel, in die sich Ping Pinguin so gerne zurückzieht, zur „pfönen gepfäumten Mupfel“, was den Waran Wawa, eigentlicher Hausherr der Mupfel, „schiemlich schornig“ macht. Und den Schuhschnabel Schusch dazu veranlasst, Folgendes zu konstatieren: „Wär sänd än zämlächen Schwärägkeiten.“

Kenner des puppenkistigen Repertoires aus Augschburg werden wissen, dass auch der kleine Roboter Schlupp vom Planeten Baldasiebenstrichdrei nach seiner unvermittelten Ankunft auf der Erde in Schwärägkeiten steckt. Seine Erfinder, die Fabrikationsgelehrten Ritschwumm und Ratakräsch, beide ausstaffiert mit einem Wolfgang Petry-artigen Haarteil, das sich bei Erregung in Windeseile gen Himmel hebt, wollen dem Schlupp ans Blech und kommentieren dies auf Baldaisch mit „OrrrrrrrrRrrrrrrrediRrrrrrrrrraks!“ Den Schlupp hingegen kümmert das wenig, er singt weiter schwungvoll sein Baldaisches Nonsens-Liedchen, dessen erste Zeile in etwa so lautet (meine Baldaisch-Kenntnisse sind leider nur rrrrrudimentär ausgeprägt): „Quatsch lie rums botschamschieletzloff, lupps dat schwimms katschrummadatsch.“ (Das gesamte Lied gibt es hier)

Wenn Sie also mal wieder auf der Suche nach dem Dings, dem Dingens oder Dingenskirchen sind, nehmen Sie sich ein Beispiel am Schlupp und variieren Sie: Auch ein „Bongens“, „Möllens“ oder „Samsidei“ kann ja ganz schön sein.

Mahlscheit! wünscht
Ihr Marcel Pannes