09.08.2017

Mitnichten möchte ich auf meine Verwandtschaft verzichten. Auch wenn ich selber keine eigenen Nichten habe, bereitet es mir doch immer wieder Vergnügen, mich mit meinen Tanten, Onkeln, Cousins, Cousinen, Großtanten, Großcousinen und Großnichten zu treffen. Um nur einige zu nennen. Denn mit den Jahren droht der Überblick etwas verloren zu gehen. Eine große, weit verzweigte Verwandtschaft bringt es mit sich, dass sich mit den Jahren einige der Verwandtschaftsverhältnisse ändern, sei es durch Heirat, Trennung, Scheidung, Tod oder Neuverheiratung. Dann wird aus einem Schwager schon mal ein Ex-Schwager, aus einer Schwippschwägerin eine Ex-Schwippschwägerin.

Neulich wollte eine Freundin mir von der Tochter ihres Bruders erzählen. Allerdings ist die nicht seine leibliche Tochter, sondern das Kind seiner neuen Frau aus einer früheren Beziehung. Ist das Mädchen jetzt die Stiefnichte meiner Freundin? Je weiter entfernt die Verwandtschaft ist, desto komplizierter wird es mit den Bezeichnungen. Mal angenommen, die Schwester des Bruders der Freundin würde heiraten, dann wäre deren Ehemann der Schwippschwager meiner Freundin. Und wenn der Ehemann dann ein Kind mit in die Ehe bringt, ist das dann die Stief-Schwippnichte oder der Stief-Schwippneffe? Und wie sieht es aus, wenn sich die Verwandtschaft noch weiter entfernt? Sind die Söhne meiner Cousine meine Großneffen oder Neffen 2. Grades und warum nicht Kleinneffen? phlubdr flickr cc by web

Die Begrifflichkeiten unterliegen ja durchaus dem Wandel der Zeiten. So wurde aus dem Oheim, das ursprüngliche deutsche Wort bezeichnete den Mutterbruder, im 18. Jahrhundert durch die (sprichwörtliche) Zusammenführung mit dem Vetter, was ursprünglich Vaterbruder bedeutete, im Französischen der oncle und dann im Deutschen der Onkel. Auch der Vetter ist aus den familiären Beziehungen nahezu verschwunden. Nur in der Wirtschaft spielt er noch eine schlecht beleumundete Rolle. Und wer erinnert sich noch an die Base? Übernommen haben dafür Cousin und Cousine. Ebenfalls in der Bedeutungslosigkeit versunken ist der Nepote, der zugleich Neffe, Enkel, Vetter und Verwandter war. Vermutlich aufgrund seiner Unentschlossenheit.

Einerseits entschlossen, den komplizierten Verhältnissen auf den Grund zu gehen, andererseits überwältigt von der Vielzahl an Bezeichnungen, beende ich jetzt meine Ausführungen. Meiner Freundin habe ich übrigens empfohlen, das neue Familienmitglied „Stichte“ zu nennen. „Stief“ hat immer so einen unangenehmen Beigeschmack und kann das Beziehungsklima möglicherweise sogar vergiften.

Eine bekömmliche Mahlzeit, ob im Familienkreis oder alleine

wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

26.07.2017

Ich steige in Glasgow aus dem Flieger, alles nicht so riesengroß, die Abfertigung geht schnell. Draußen vor dem Terminal stehen Busse, deren Fahrer äußerst hilfsbereit sind und mich sogleich in den richtigen Bus schieben, mit der Info zum passenden Anschluss. Am ersten Ziel angekommen, an dem ich mich mit allem eindecke, was ich nicht in den Flieger mitnehmen konnte (Campinggas und Trinkbares) stehe ich trotzdem kurz auf dem Schlauch: Wie komme ich nun zum Startort, der nicht direkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. So fragte ich den erstbesten  „Driver“, wie ich denn nun weiterfahren solle. Er sagte „come on“ und fuhr los…lange… laut meiner Karte und den Verkehrsschildern nach ging es in eine ganz andere Richtung. Irgendwann stoppten wir an einer Schule. Der Fahrer winkte mir zu, stieg mit mir aus und schob mich zu einer Kollegin. Murmelte etwas und verabschiedete sich lächelnd von mir. Und ich saß plötzlich mit ca. 50 Kids in Uniform in einem Schulbus und fuhr über die Dörfer zu meinem angepeilten Startpunkt. Wunderbar!

Die gesamte Zeit in Schottland war geprägt von unglaublich netten, herzlichen und lustigen Menschen und Begegnungen. Der Schaffner im Zug z.B., der mir ein Ticket verkaufte, mir noch die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg zum angepeilten Ziel verraten hat, mich acht Stunden später an einem zauberhaften kleinen Bahnhof mitten im Nirgendwo wiedererkannte und mir aus dem abfahrenden Zug ein Geburtstagsständchen sang. Dalmally Railstation Scotland
Apropos besagter kleiner Bahnhof und Geburtstag: Als ich auf der Suche nach einem Campingplatz oder kleinem B&B an diesem Bahnhof landete und der nächste Zug noch etwa zwei Stunden auf sich warten ließ, kam ich mit einer Frau, Liz, ins Gespräch. Sie bot mir einen Tee an, eine halbe Stunde später dann ein Zimmer für die Nacht. Dieser kleine Bahnhof war nämlich ein Wohnhaus mit einigen Gästezimmern, die vom Bahnsteig aus erreichbar waren. Obwohl sie ausgebucht waren, räumten sie für mich ein fast fertig renoviertes Zimmer aus und auf und ich hatte einen wunderschönen Schlafraum. Der Hausherr, Graham, lud mich wiederum auf einen Tee ein, die Nachbarin kam mit Cupcakes und Muffins und erzählte mir, dass sie für Liz seien, die heute nämlich Geburtstag habe. Während ich lachend erzählte, dass heute auch mein Geburtstag sei, kam Liz mit einer Schokoladentorte in den Händen aus der Tür, zu meinen Ehren mal eben gezaubert … So saß ich nun in meinem „dem Alleinsein“ gewidmeten Urlaub mit mir (insgesamt fünf) fremden Menschen an einem kleinen Bahnhof im Herzen Schottlands und feierte einen der lustigsten Geburtstage, die ich je hatte. Zauberhaft!

Zur Mahlzeit! einfach mal Schokotorte
wünscht Ihnen
Sandra Ott

12.07.2017

„Alle alle!“ frohlockte mein dreijähriges Patenkind neulich, als es anlässlich seines Geburtstages ein amtliches Stück Kuchen verputzt hatte. Mein Lob ob des gesunden Appetits verband ich nahezu zeitgleich mit der gedanklichen Frage an mich selbst, warum die in der Kindersprache geläufige Wendung „alle alle“ das Gegenteil bedeutet: nämlich nichts oder nichts mehr. Sie erwarten nun eine formidabel recherchierte Antwort? Hier ist sie: Sprache ist durchaus gerne auch mal unerklärlich. Was sich übrigens auch sehr schön an der feinen Vorsilbe „un“ festmachen lässt. Diese ist insofern reichlich praktisch, weil sie etwa aus einem schicken Adjektiv recht rasch das Gegenteil machen kann, zu sehen in den Wortpaaren „wahrscheinlich-unwahrscheinlich“ oder „möglich-unmöglich“. Und nun kommt der Clou: Man kann mit ihr auch steigern, indem wir aus einem schlichten „Wetter“ ein fulminantes „Unwetter“ machen. Oder aus „Kosten“ „Unkosten“. Was aber Unsinn ist, da es den zu zahlenden Betrag nicht schert, ob er „Kosten“ oder „Unkosten“ heißt. Maik Meid flickr

Ein wenig unsinnig erschien mir auch, dass ein Kunde neulich in der Apotheke ein Mittel „für Erkältung“ wünschte. Im Geiste malte ich mir aus, wie der Apotheker hätte entgegen können: „Sehr gerne, heute haben wir drei Päckchen Viren zum Preis von zweien im Angebot.“ Und wie ich so vor mich hin schmunzelte, hörte ich einen weiteren Kunden sagen: „Ich bin zuerst dran und dann erst Sie!“ Ob dem recht rauhbeinig daherkommenden Herrn bewusst war, dass er das schöne Kunststück vollbracht hatte, in einem Satz mit dem kleinen Wörtchen „erst“ sowohl einen Anfang als auch ein Ende zu meinen?

Schön ist auch das Verb „entfallen“, das sowohl etwas bezeichnet, das plötzlich nicht mehr vorhanden ist („Der Name ist mir entfallen.“) als auch etwas, das man bekommt („Auf den Gewinner entfallen 500 Euro“). Und weil wir gerade von Geld reden: Das Finanzamt kann nicht nur einen Zahlungsbescheid erlassen, sondern jemandem auch die Steuerschuld. Die dann mit einem Male „alle alle“ wäre.

Mahlzeit! mit oder ohne Kuchen wünscht
Ihr Marcel Pannes

28.06.2017

Und, haben Sie schon Hunger? Oder haben Sie Appetit? Bei ersterem verspüren Sie sicher ein brennendes Verlangen, möglichst schnell etwas Sättigendes zu essen. Das aus dem Althochdeutschen (750-1050 n.Chr.) stammende Wort Hunger bekam im 15. Jahrhundert einen vornehmen „Mitbewerber“ aus Frankreich: den Appetit. Ihn zu befriedigen bedeutet nicht, sich vor dem Verhungern zu retten, sondern genussvoll eine bestimmte Speise zu sich zu nehmen. Vielleicht haben Sie zum Beispiel heute Appetit auf Herrgottsbscheißerle, Bayerischen Leberkäs oder Strammen Max? Erstere, die beliebten schwäbischen Maultaschen, kommen ähnlich wie ihre italienische Variante Ravioli oder die Wan Tans aus China schlicht auf den Tisch und verbergen ihre wahren Schätze im Innern. Der Legende nach sollen Mönche des schwäbischen Klosters Maulbronn während des Dreißigjährigen Krieges verbotenerweise Fleisch in der Fastenzeit gegessen haben. Ob sie dies in Teigtaschen verpackten, ist unklar. Aber der Begriff Herrgottsbscheißerle bezeichnet seitdem hochwertig gefüllte schwäbische Maultaschen – während der Fastenzeit genauso wie an den übrigen Tagen im Jahr.

Chris Kurbjuhn flickr StrammerMax

Der Leberkäs hingegen verwirrt den Unwissenden, ist in dieser rechteckigen Brühwurst heutzutage meist weder Leber noch Käse, sondern klassisch bayerisch nur gepökeltes Rindfleisch, fettreiches Schweinefleisch, Speck, Wasser, Salz und Majoran. Da nicht sein darf, was nicht sein kann, muss laut Vorschrift Leberkäse außerhalb von Bayern übrigens einen bestimmten Prozentanteil Leber enthalten, um die Verbraucher nicht irrezuführen. Außer das Produkt heißt Bayerischer Leberkäse. Dann gilt … siehe oben. Käse muss diesem, einem Käselaib ähnlich geformten Wurststück allerdings nicht zugefügt werden – weder innerhalb noch außerhalb Bayerns.

Bleibt der Stramme Max, ein von mir in der Kindheit geliebtes Gericht (gleich nach Toast Hawaii), dessen Namensbezeichnung für eine Scheibe Mischbrot, eine Scheibe gekochter Schinken und ein Spiegelei obendrauf sich mir nie erschlossen hatte. Hätten meine Eltern die Herkunft gewusst, hätten sie mir diese sicher auch verschwiegen, bezeichneten doch vor hundert Jahren die Sachsen des Mannes „bestes“ Stück im Zustand höchster Erregung als Strammen Max. Der Zusammenhang ist offensichtlich … Für die Sachsen damals schon, denn im Gegensatz zu heute war eine derartig aufgepeppte Scheibe Brot stramm, üppig und nahrhaft. Den Rest überlasse ich Ihrer Fantasie.

Darf’s zum Nachtisch noch ein Apfelstrudel sein? Auch hier ist die Bezeichnung althochdeutschen Ursprungs, stredan bedeutet wallen, leidenschaftlich glühen, und tatsächlich sah die Mehlspeise im 16. Jahrhundert einem Wasserstrudel ähnlich, denn sie wurde schneckenförmig gewunden. Erst zum Ende des 16. Jahrhunderts begannen Konditoren, den Strudel mit allen möglichen süßen Köstlichkeiten zu füllen.

Ob mit großem Hunger oder leichtem Appetit, ich wünsche Ihnen eine genussvolle

Mahlzeit

Rufus Barke

14.06.2016

Da stöckelt es heran, das Tief. Langsam und vorsichtig schreitet es voran, hält inne, um seinen Inhalt über uns zu ergießen. Täuscht es, oder ist es nicht ganz ortsfest? Es scheint gegen starke Winde ankämpfen zu müssen. Aber es hält stand, Gott sei Dank. Anderntags nähert sich ein starkes Hoch mit viel heißer Luft, das ebenfalls mit starken Druck- und Zugbewegungen einhergeht. Dann etabliert sich eine gemischte Wetterlage, allerdings scheint auch diese nicht so stabil wie behauptet, denn der Wechsel zwischen Sonne und Wolken wird auch hier von erheblichen Schwankungen begleitet. Seltsam, alle diese Wetterlagen sind weiblich, und sie wirken herablassend. Trotzdem fällt es mir schwer, zu ihnen aufzusehen. Zu sehr irritiert mich das Schwanken, das Bemühen, das Gleichgewicht zu halten, und die etwas steife Haltung der Moderatorinnen. Ganz anders dagegen die männlichen Wetterfronten, die kommen mit Entschlossen- und Gelassenheit daher. Hoch, Tief, Schnee, Regen oder Sonne, alles geht seinen geordneten Gang. Okay, die männlichen Vertreter wirken etwas tiefergelegt, vielleicht sogar untergründig. Was Absätze so alles bewirken können. Dabei versprechen höhere Hacken nicht unbedingt geistige Höhenflüge und flache Absätze nicht automatisch ein tiefergelegtes Niveau. Eins muss man den Wetterfrauen jedoch lassen, sie zeigen vielfältige Farbschattierungen von sonnengelb über nieselgrün, hochdruckrot oder blitzweiß bis zu schauergrau. Sehr selten nur verirrt sich ein schleierwolkenrosa in die Mädelsvorhersagetruppe. Raymond Klaassen/flickr

Anders als in vielen anderen Bereichen, in denen immer noch oder neuerdings sogar wieder die Zuordnung Mädchen oder Frau gleich rosa gilt. Das treibt teilweise derartige Blüten, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Und nur selten vor Lachen. Wenn nicht mehr nur Kleidung, sondern auch Gurken, Salz, Ketchup, Kugelschreiber, Wecker oder sogar Klopapier „gegendert“ werden, sprich das rosafarbene Produkt im Prinzessinnendesign für Mädchen und das blaue im Sieger-, Rennfahrer- oder Bad Boy-Design für Jungs daherkommt, werden Rollenzuschreibungen einerseits festgeschrieben, andererseits auf geradezu absurde Weise konterkariert. In einer, vermutlich nicht einmal vollständigen, Aufzählung hat BuzzFeed „27 komplett überflüssig gegenderte Produkte“ zusammengetragen. Für mich persönlich besonders schwer auszuhalten ist die Tatsache, dass sich dieser Trend auch in der Sport- und Funktionsbekleidung für Frauen wiederfindet. Ich jedenfalls habe keine Lust, in Outdoor- oder Sweatjacken in Pink, Koralle, Rosa, Hibiskus, light Rose, Fuchsia oder Beere herumzulaufen und damit vermeintlich meine zarte Weiblichkeit zur Schau zu stellen. Die lebe ich lieber, egal ob in einer Hard- oder Softshelljacke, in einer der zahlreichen anderen tollen Farben aus, die es sonst noch gibt.

Eine Mahlzeit mit Gurken, Bratwürsten, Salz und Ketchup für alle wünscht Ihnen

Petra Janßen

24.05.2017

Vor ein paar Jahren dachte ich noch, ein Klassentreffen muss nicht sein. Mit einigen ganz wenigen Mitschülern hatte ich sporadisch Kontakt (natürlich über Facebook), mit den anderen hatte ich sowieso nicht so viel zu tun. Außerdem ist es ja auch schon „verdamp lang her“. Letztes Jahr erstellte ein damaliger Klassenkamerad jedoch auf Facebook eine Ehemaligen-Gruppe für die komplette Schule und über Nacht waren dort weit über 200 Mitglieder versammelt. Mit den „Besties“ von früher wurden gleich per Chat Telefonnummern ausgetauscht, eine WhatsApp-Gruppe erstellt und dort nun im kleineren Kreise geschrieben, um ein Treffen zu vereinbaren. Nachdem es in der Facebook-Gruppe auf Grund lang vergangener, jedoch anscheinend immer noch unvergessener klassenübergreifenden Rivalitäten innerhalb weniger Tage eskalierte - nicht alle Damen sind erwachsen geworden - blieb ich beim WhatsApp-Chat. Tony Alter/flickr
Wie schnell sich die Gespräche wieder vertraut anfühlten, wie Erinnerungen lebendig wurden und wie sehr ich mir dann doch ein Treffen mit meinen „alten“ Freunden wünschte, hätte ich nicht gedacht. Es bedurfte vieler Terminvorschläge, denn alle haben Kinder, Berufe und andere Verpflichtungen, aber wir haben es nun tatsächlich geschafft. Kommenden Samstag werden wir uns wiedersehen! Perfekt passend der Anlass, denn einer meiner lieben, lang vermissten Freunde ist Sänger und hat mit seiner Band einen Auftritt, bei dem wir ihm nun alle zujubeln werden. Ich weiß noch, dass ich bei der Schul-Abschlussfeier völlig überrascht war, als er sich ans Klavier setzte und ein selbstkomponiertes Lied sang. Nun ist er seit Jahren ein recht erfolgreicher Sänger und ich freue mich sehr, ihn nach all der Zeit wieder zu sehen und zu hören. Und mit allen anderen zusammenzusitzen und zu schauen, ob und wie wir uns verändert haben. Wenn es so lustig und unterhaltsam wird wie momentan in unseren WhatsApp-Chats, werde ich aus dem Lachen nicht mehr herauskommen und hoffe doch, dass aus diesem ersten Treffen noch viele folgen mögen! Vielleicht gibt’s ja dann auch hier eine Fortsetzung.

Eine gesellige Mahlzeit mit guten Freunden wünscht
Ihre Sandra Ott

10.05.2017

Neulich am Kölner Hauptbahnhof: Eine mit Einkäufen bepackte Mutter und ihr kleiner Sohn sind spät dran und sausen im Laufschritt in Richtung Gleis. Problem: Mama rennt zu Gleis fünf, Sohn zu Gleis sieben. Während Mama ruft „Füüüümpf!“ legt Sohn eine Vollbremsung ein und will wenden, hat aber die Schwerkraft nicht auf dem Schirm und touchiert hör- und spürbar die Glastür des angrenzenden Ladenlokals. Mutter: „Jetzt hab ich den Papp aber auf! Warum läufst Du gegen die zue Tür?“ Ich als Zeuge dieses Manövers und täglicher Bahnfahrer hatte einerseits Mitleid mit Sohn (aua!) und Mutter (Sohn aua!, Zug weg), war aber andererseits dankbar, dass mich diese kleine Episode wieder an aufen Papp und zue Türen erinnerte. Denn: Für mich als im Rheinland Sozialisierter ist eine zue Tür umgangssprachlich völlig akzeptabel, eine sprachlich voll okaye Aussage sozusagen. Aber eine aufe Tür eher nicht. Die Umgangssprache nimmt es in diesem Zusammenhang aber nicht so genau, daher hört man häufig, dass etwas auf sei, wenn es eigentlich offen ist. So können nicht nur Menschen aufstehen, sondern auch Türen; Geschäfte können auf sein und wenn es mir früher gut geschmeckt hatte und mein Teller leer war, fragte mich meine Oma wohlwollend: „Haste auf?“ Thomas Bertelmann flickr kl

Meistens war ich dann pappsatt, weil Omas Portionen kein Pappenstiel waren. Die Herkunft dieser Redewendung ist übrigens unklar: Sie stammt vermutlich vom Pappenblumenstiel, dem Stiel des Löwenzahns (niederdeutsch pāpenblōme, also Pfaffenblume); dessen im Wind verwehende Samenkrone vor einigen Jahrhunderten als Sinnbild für Geringfügiges galt. Den wortwörtlichen Papp, also einen laut Duden klebrigen Mehlbrei, gab es bei Oma früher recht selten, obwohl ich ein Freund der pappigen Konsistenz bin, sozusagen ein echter Pappenheimer. Jenem Grafen zu Pappenheim, der eine historische Figur während des Dreißigjährigen Krieges darstellte und dessen mutiges Regiment die Erstürmung Magdeburgs forcierte, setzte Friedrich Schiller in Wallensteins Tod ein sprachliches Denkmal, indem er Wallenstein sagen lässt: „Daran erkenn ich meine Pappenheimer.“ Schiller war eben alles andere als ein Pappkopp. Oder eine Pappnase.

Übrigens: Sollten Sie in diesen kühlen Mai-Tagen unter einer zuen Nase leiden, geht es Ihnen wie mir. Gönnen Sie sich einfach Ruhe: Bei zuen Gardinen und ausem Licht. Und einem Teller leckeren Papp.

Eine pappige Mahlzeit wünscht
Ihr Marcel Pannes

26.04.2017

Die Angst vor dem weißen Blatt überfällt mich eher selten, dennoch braucht es manchmal seine Zeit, bis mir die Wörter wie von selbst „aus der Feder“, will sagen in die Tastatur fließen und ein Text entsteht, der mich (und meine Kolleginnen und Kollegen) wirklich zufriedenstellt. Diese Art des Schreibens ist sicher bald total „old fashioned“. Denn immer mehr Medien nutzen Software, die aus Daten eigenständig Texte fertigt. Roboterjournalismus nennt sich das im Sprachgebrauch. Allerdings haut da natürlich kein Roboter wie ein Entfesselter in die Tastatur, sondern Algorithmen verarbeiten riesige Datenmengen und formulieren Texte. Es ist korrektes Deutsch … und trotzdem fehlt etwas, denn die Texte lesen sich oft nach dem Subjekt-Prädikat-Objekt-Prinzip. Crosa/flickr Zugegeben, Finanznachrichten, neben Sportnachrichten einer der am meisten genutzten Bereiche für Roboterjournalismus, sind häufig auch dann spröde zu lesen, wenn ein Mensch sie geschrieben hat. Zumindest wenn der Leser kein Finanzexperte ist. Und auch Wetternachrichten, ein weiteres Betätigungsfeld für schreibende Software, können die Algorithmen ganz gut. Doch es hapert noch bei fiktionalen Texten. Da fehlt einfach das Quäntchen Gefühl, das „echter“ Literatur innewohnt. Und so es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ein Algorithmus einen packenden Krimi mit überraschenden Wendungen schreibt. Ob nun über den Sport oder die Liebe, die Sprache oder die Welt: Wir von barke + partner garantieren Ihnen, dass unsere Texte handgemacht sind.

Eine ganz und gar individuelle und selbstverfasste Mahlzeit wünscht Ihnen

Rufus Barke

12.04.2017

Mit unbändiger Freude und unfassbarem Engagement habe ich mich an diese Mahlzeit gemacht. Ja, es schien geradezu unumgänglich, sich diesem Thema einmal zu widmen. Ungemein engagiert und ohne Angst vor unliebsamen Folgen machte ich mich ans Werk. Aber schon nach kurzer Zeit erfasste mich Unbehagen. Eine unerhörte Aufgabe, die ich mir da gestellt hatte: Sollte ich ganz unverblümt und unverfroren meine Meinung sagen oder würde ich dadurch ungehobelt wirken? Unentschlossen ob der Unabwägbarkeit meines Unterfangens überlegte ich, ob ich Unpässlichkeit vorschützen sollte, um das Schreiben des Textes zu umgehen. Das könnte allerdings als Unvermögen gewertet werden. Fragen quälten mich: Ging ich zu unbedarft an die Sache heran? War ich das Ganze zu ungestüm angegangen? Wäre das Ergebnis nicht unzulänglich? Ich hatte ein ungutes Gefühl. Zuviel Negatives schwang mit und meine Stimmung verschlechterte sich. Daniel Hufeisen flickr Auf Störungen reagierte ich unwirsch. Zeit, alles noch einmal zu durchdenken und drohendes Ungemach abzuwenden. Ich musste eine radikale Kehrtwendung vornehmen und mich dem Thema noch einmal ganz unvorbelastet nähern. Positiver, offener. Also noch einmal von vorn: Mit bändiger Freude und fassbarem Engagement mache ich mich an eine Mahlzeit zu den glaublich spannenden Aspekten von „Gegensätzen und Verneinungen“. Mit heimlichem Vergnügen suche ich aufhörlich und entwegt nach Beispielen, die das Spannungsfeld erbittlich erforschen. Aber auch das funktioniert nicht wirklich. Unwirklich funktioniert es aber auch nicht. Ich versuche, ruhig zu bleiben und wirsch zu reagieren, mich auf die liebsamen Folgen zu konzentrieren und so das Gemach anzulocken. Auweiauwei, jetzt läuft es vollends unrund. Und ich bin wieder zurück beim Negativen. Obwohl, ich mache mich schlau und stelle fest, die Vorsilbe „un“ kehrt die Bedeutung eines Wortes nicht immer ins Gegenteil um. Manchmal kann es sogar verstärkend wirken. Aber bevor ich eine weitere Unzahl an Wörtern aufwende, um scheinbar Gegensätzliches von unscheinbaren Begriffen zu unterscheiden und dabei unsäglich schlechte Laune bekomme, mache ich hier lieber Schluss. Ich werde mich an einen wirtlichen Ort begeben, um dort weder mürrisch und unfreundlich noch ärgerlich und aufgeregt, also weder unwirsch noch wirsch in dessen dudenbelegter Bedeutung, eine hoffentlich unglaublich leckere Mahlzeit zu mir zu nehmen.

Eine fassbare und essbare Mahlzeit wünscht Ihnen

Petra Janßen
(Foto: Daniel Hufeisen/flickr)

22.03.2017

Am Flughafen hier in Kopenhagen hatte ich grade meinen Koffer aufgegeben, als mich ein Mann mit einem Gepäckwagen in gebrochenem Deutsch-Englisch ansprach. Eine Frau stand etwas scheu hinter ihm. Ich hatte die beiden schon in der Schlange für den Schalter hinter mir wahrgenommen und war zunächst verwirrt, dass sie so schnell "abgefertigt" wurden und ihre Koffer noch hatten. Jedenfalls fragte der Mann mich, ob ich auch nach Köln fliege und bat mich, seiner Schwägerin zu helfen. Mir war nicht klar, wobei sie Hilfe brauchte und ich fragte "wobei denn?". Die beiden schauten sich an und sprachen eine mir unbekannte Sprache miteinander. Er konnte mir nicht erklären, worum es ging und so fing ich an, zu raten: "soll ich etwas übersetzen?", "etwas erklären?". Er deutete immer wieder auf das Ticket der Frau, sie flog ebenfalls nach Köln, konnte aber nichts Weiteres erklären. Auch am richtigen Schalter waren sie ja bereits gewesen. Nach fünf Minuten Ratespiel haben wir herausgefunden, dass sie sich quasi gerne "an mich hängen" möchte. Etwas verwirrt willigte ich ein. Wir machten uns auf zur Sicherheitskontrolle und tatsächlich wusste meine Begleiterin nicht, dass man keine Wasserflasche im Handgepäck haben durfte. Sie fragte mich, ob man auch kein Essen mitnehmen durfte. Die Frau konnte ein wenig besser Deutsch als ihr Schwager und erklärte mir, dass der Hinflug ihr erster Flug seit ihrer Flucht aus dem Irak vor sechs Jahren gewesen war und dass der Rückflug nach Köln, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wohnte, nicht weniger aufregend war. Sie und ihr Schwager wussten auch nicht, dass man für das Gepäck im Voraus bezahlen musste und sie konnte es deswegen nicht aufgeben. Am Gate angekommen zeigte sie mir Bilder von ihrer jüngsten Tochter und wir versuchten, WLAN auf ihrem Mobiltelefon einzustellen. Das scheiterte ziemlich schnell daran, dass ich nun diejenige war, die verloren war; alles war auf Arabisch. Rainer Hungershausen flickr

In diesem Moment ging mir auch auf, dass selbst ein verhältnismäßig kleiner Flughafen wie Kopenhagen überwältigend wirken kann, wenn man weder an Flughäfen und Fliegen an sich, noch an unsere Schriftzeichen gewohnt ist. Dann kann es durchaus eine Herausforderung sein, das Gate zu finden; genauso wie so etwas Banales wie das Internet auf dem Handy zu aktivieren für mich plötzlich eine Herausforderung war. Die Frau brauchte nicht Hilfe bei einem Akt oder einer Handlung. Sie wollte jemanden, der ihr den Weg zum Gate zeigt und sie einfach begleitet. Danke dem Zufall, der mich mit so einer netten Begegnung daran erinnert hat, mal meine westeuropäische Billigflieger-Brille abzunehmen und die Welt wirklich mit den Augen anderer zu betrachten. Beim nächsten Mal rate ich nicht so doof rum!

Mange hilsener

Lisa Koch

Ein Gastbeitrag unserer ehemaligen Praktikantin, die jetzt in Kopenhagen lebt.