04.01.2018

„Tunse mir mal drei Böller und fünf von den Schkaipehntern“, forderte am 29.12. letzten Jahres eine Kundin energisch von der entnervten Supermarkt-Verkäuferin, die schon hektische Flecken im Gesicht hatte ob der Vielzahl von Kundenfragen zu Silvesterartikeln. Doch trotz des Stresses gab sie jedem einzelnen Kunden mit auf den Weg: „Und Sie wissen ja, Sie dürfen erst ab morgen Mitternacht die Raketen abfeuern, das schreibt die Stadt Köln so vor.“ Dass die Silvesterknallerei gesetzlich geregelt ist, wundert nicht im reglementierten Deutschland: Raketen, Sonnenräder, kleine Feuertöpfe, Römische Lichter und Böller zählen zur Feuerwerkskörpern der Klasse 2 und dürfen nur Silvester abgefeuert werden (auch der Zeitrahmen ist, von Stadt zu Stadt unterschiedlich, vorgeschrieben). Kleinere Lärmmacher wie Knallbonbons, kleine Bodenkreisel, Knallerbsen und Tischfeuerwerke der Klasse 1 dürfen ohne zeitliche Begrenzung von Personen jeden Alters gekauft und verwendet werden. Trotz aller Vorschriften: Bei uns im Viertel knallten die ersten Böller schon am 29., das erste Feuerwerk stieg bei Tageslicht am Samstagnachmittag in den Himmel, und auch am Neujahrstag war an diversen Orten pyrotechnisch noch ordentlich Action. Kanchenjunga flickr Und was mache ich nun, wenn ich zum Beispiel zum Geburtstag meiner Liebsten (der im April ist) ein formidables Feuerwerk entzünden möchte? Kein Problem, sofern ich über 18 Jahre bin und mich von städtischen Formalia nicht abschrecken lassen. Flugs einen formlosen schriftlichen Antrag an die Stadt Köln geschickt mit Angaben zu Datum und Uhrzeit, Ort und Anlass des Feuerwerkes sowie zur Anzahl der Feuerwerkskörper und dann heißt es warten auf die Ausnahmegenehmigung. Die auch mal auf sich warten lassen kann …. und zwischen 40 und 300 Euro kostet. Apropos Kosten: 137 Millionen Euro ließen sich die Bundesbürger im Jahr 2016 die Silvesterknallerei kosten. Der Verband der Profiknaller, pardon, der Verband der Pyrotechnischen Industrie, hofft auf einen ähnlich hohen Umsatz 2017. Die Kehrseite der Knallerei: Laut Umweltbundesamt wurden 2016 rund 5.000 Tonnen Feinstaub (PM10) freigesetzt, der allergrößte Teil davon in der Silvesternacht. Dies entspreche ca. 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge. Das macht einen dann doch nachdenklich. Wir kaufen schon seit vielen Jahren keine pyrotechnischen Artikel mehr … und gucken dennoch Silvester gebannt und begeistert in den Himmel, in dem sich lautstark bunte und glitzernde, vielfältigste Formen entfalten. Ohne schlechtes Gewissen werde ich dies sicher erst tun, wenn die stummen LED-Varianten des Feuerwerks ähnlich beeindruckend sind wie die schwarzpulverhaltigen lauten Originale. Wann auch immer das sein wird …

Ihnen wünsche ich eine feinstaubfreie, ruhige und schmackhafte Mahlzeit und natürlich ein spannendes, gutes neues Jahr.

Rufus Barke

22.12.2017

Kälte über Schnee Xmasdampfender Atem
weiche Handschuhe
tropfende Nasen
klirrendes Lachen
hochgezogene Schultern
warme Begrüßungen
schmelzende Eiströpfchen
beschlagene Brillengläser
betörender Vanilleduft
verlockendes Plätschern
knuspriger Biss
mundfüllende Aromen
weitergereichte Teller
zufriedenes Schlürfen
ausgedehnte Entspannung
tiefes Ausatmen

gemeinsames Genießen

Wir wünschen Ihnen eine schöne Weihnachtszeit mit gemeinsamen Genüssen und geteilten Freuden und ein friedliches neues Jahr.

24.11.2017

Extrem eng windet sich der Fluss in die Kehre, kriegt kaum die Kurve und bildet schließlich eine Schleife, eine der berühmten Moselschleifen, die den Flussverlauf so spektakulär machen, um dann weiter zu mäandern. An den steilen Hängen ist das Wandern herausfordernd, aber der Blick von oben über den gewundenen Fluss und die disziplinierten Rebenreihen entschädigt für einige strapaziöse Anstiege. Ich bin immer wieder gerne dort, auch wenn ich mich so manches Mal keuchend die Hänge hochschleife, da bleibt keine Luft für geschliffene Konversationen. Von Zeit zu Zeit erleichtern lang gestreckte Serpentinen den Aufstieg, dann wieder zwingen Spitzkehren einen kurzfristig in die entgegengesetzte Richtung. Heikel kann es werden, wenn man in Haarnadelkurven kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann oder ein unerwarteter Knick die Orientierung erschwert. Sanft geschwungene Wege mit harmonischen Biegungen und Wendungen bieten, auf der Höhe dem sich krümmenden Fluss folgend, dagegen pures Wandervergnügen. Am Wegesrand faszinieren immer wieder splitternde Schieferplatten und von Wind und Wasser geschliffene Felsen. Beeindruckend auch zahlreiche hoch über dem Fluss an strategisch günstigen Plätzen gelegene Burganlagen. Nur wenige wie die Burg Eltz sind gut erhalten, von den meisten dagegen stehen nur noch Ruinen, weil sie bereits vor Jahrhunderten geschleift wurden. olaf muendelein flickr web

Apropos geschleift: Hoch über dem Tal, den Blick auf den engen Flussverlauf gerichtet, fragte ich mich, warum es eigentlich Flussschleifen heißt, obwohl sich die Flussarme gar nicht kreuzen. Wie sollte das auch gehen? Ich jedenfalls hielt eine Schleife immer für etwas Gebundenes, und der Duden gibt mir damit zunächst auch Recht und definiert Schleife als „Schnur, Band, das so gebunden ist, dass zwei Schlaufen entstehen“. Im Folgenden aber auch als „starke Biegung, fast bis zu einem Kreis herumführende Kurve bei einer Straße, einem Flusslauf o.Ä.“ und sogar noch als „Folge von Anweisungen oder Befehlen eines Programms, die mehrmals hintereinander durchlaufen werden kann“. Okay, eine Schleife kann also vielgestaltig sein, nur einen Kreis bildet sie nicht, mindestens ein Ende bleibt immer offen. So folge ich weiter den Schleifen des Flusses, bleibe manchmal in einer Schleife hängen, ziehe trotzdem weiter meine Kreise, ohne mich im Kreise zu drehen und versuche eine geschliffene Formulierung für das Ende dieses Textes zu finden. Auch wenn ich den Bogen noch nicht raus habe – ich werde meine Bemühungen nicht schleifen lassen. Und irgendwann werde ich die Kurve kriegen.

Eine geschmacklich abgerundete Mahlzeit wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

04.10.2017

Letztens, nach dem Training, blieb ich mit dem Auto einer Freundin liegen. Es sprang einfach nicht an. Blöd gelaufen, im wahrsten Sinne, denn ich musste dringend noch einkaufen und es war kurz vor Geschäftsschluss. Da meine Freundin zwar Mitglied bei den gelben Engeln ist, ich jedoch als „Fremdfahrer“ keine Befugnis habe, Engel zu rufen, musste sie also auch zum liegengebliebenen Auto kommen. Irgendwie. Die Story, wie ich sie letztlich dort hin bekommen habe, erspare ich Ihnen, das wäre jetzt zu chaotisch. FlorianPlag/flickr

20 Minuten nach dem Anruf der Servicenummer, viel früher als angekündigt, kam ein netter Mechaniker angerauscht und schaute uns augenzwinkernd an: „Ist denn genug Sprit drin?“ Auf die Späße kann ich ja besonders gut und lächele mein nettestes Lächeln: „Es reicht grad noch bis zur Ambulanz - wenn ich Sie hinfahren soll…?“. Er lachte laut, wir verstehen dieselbe Sorte Spaß. Mir eine große Taschenlampe reichend machte er sich am Motor zu schaffen, einige Tests und Startversuche später war klar: Es kommt kein Sprit zum Motor. Ich schaue ihn an, ernst, und sage, eine erneute Frage nach unserem Tankverhalten sei wirklich nicht notwendig, der Fehler müsse woanders liegen. Er schaute skeptisch, deutete auf die Rückbank und meinte, die müsste mal leer geräumt werden. Klasse! Drei Tüten Leergut, Trainingsklamotten und zwischengelagerte Einkäufe stehen also kurze Zeit später auf dem Gehweg und ich denke, was will er nur mit der Rückbank. Umklappen will er sie und darunter kommt ein geheimes kleines Fach zum Vorschein, in dem ein Kabel und ein Stecker zu sehen ist. Kurz daran gerüttelt und der Wagen startete wie „‘ne Eins“. „Ja Mensch, den Trick muss man wissen“, lache ich, worauf Herr Engel antwortet, „dass müssen Sie ja nicht wissen, dafür haben Sie ja mich! Sie können dafür halt etwas anderes besonders gut!“ Meine Freundin erwidert: „Stimmt, die kann gut Kickboxen!“, worauf hin er völlig verdattert sagt: „Oha, danach sehen Sie gar nicht aus! Dann war das Angebot mit der Fahrt zur Ambulanz wohl gar kein Scherz?“ „Nee“, lach ich, „aber ich vergreif mich ja nicht an Engeln!“
Fazit: Eine Panne ist zwar doof aber birgt manchmal auch richtig nette Begegnungen.

Eine pannenfreie Mahlzeit!
wünscht Ihnen
Sandra Ott

13.09.2017

Auch kleine Dinge machen große Freude. Das formschöne Wörtchen „Kinkerlitzchen“ gehört dazu. Ebenso „Mumpitz“, „Firlefanz“ und „Kokolores“. Letzteren erzähle ich Ihnen aber heute nicht; stattdessen versuche ich, die Herkunft dieser blumigen Begriffe flott und findig zu beleuchten – und zwar mit einem Ausflug in den Hessischen Odenwald. Früher nannten die Menschen dort ihre aus einem kopflosen Holzgestell und ausrangierten Kleidungsstücken bestehenden Vogelscheuchen Mummelbutz. Vermummen bedeutet bekanntlich verkleiden und der Butz ist ein Gespenst. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Mummelbutz ein Mumpitz, dem heutigen Synonym für Unfug oder Blödsinn – vermutlich, weil selbst die Krähen kaum mehr Angst vor der mehr oder weniger gelungenen menschlichen Attrappe hatten, sondern sie nur albern fanden.

Apropos albern: Als Firlefanz wird laut Herkunftswörterbuch ein albernes Gehabe bezeichnet. Was aber nicht immer so war. Aus dem Wörtlein „firl“, das ursprünglich „Tanz“ bedeutete, wurde im Laufe der Zeit die Assoziation „flink“ oder „behände“. Durch die Verbindung mit „vanz“ (Schelm, Schalk) kam es dann zu der Bedeutung „komische Person“ – während die heutige Bedeutung albernes Gehabe wiederum später durch die Kreuzung mit mundartlichen Wörtern wie „fanzen“ (Possen treiben) entstand. novofotoo flickr web

Vom Firlefanz geht’s nun zum Firlefranz – also zum Franzosen. Jenem verdanken wir nicht nur die Kinkerlitzchen, sondern auch den Kokolores – rein sprachlich betrachtet, wohlgemerkt. Die Kinkerlitzchen leiten sich von „quincaillerie“ ab – dem französischen Wort für Kurzwaren, also Knöpfe, Zwirne, Nadeln etc, die die Hugenotten im 17. Jahrhundert wohl dabei hatten, als sie nach Preußen kamen und sich vermutlich recht regelmäßig aus möglicherweise eitlen Motiven ihre Uniform richten mussten. Eitelkeit ist übrigens auch beim Kokolores im Spiel. Dessen Herkunft basiert wohl auf „coq“, dem französischen Wort für Hahn. Eben jenen als gefallsüchtig zu betrachten, hat eine lange Tradition. Der Gedanke liegt auch dem Adjektiv „kokett“ zugrunde, das im Französischen – „coquet“ – als eine Ableitung von coq daherkommt und also eigentlich „hahnenhaft“ bedeutet. Demnach ist der Kokolores nichts anderes als eine Gockelei oder ein Gegacker der blödsinnigen Art. Wenn Sie also demnächst von einem allmorgendlich krähenden Hahn geweckt werden sollten, rufen Sie sich einfach in Erinnerung, dass der Hahn nicht anders kann als einfach nur Kokolores zu betreiben.

Eine erbauliche Mahlzeit mit oder ohne Firlefanz wünscht
Ihr Marcel Pannes

23.08.2017

„Die Karibik ist ein Paradies für Urlauber, aber auch sehr interessant für Wissenschaftler“, so der Beginn einer TV-Dokumentation über die karibische Flora und Fauna. Wieso bilden Urlauber und Wissenschaftler in der Karibik eigentlich einen Gegensatz, deutlich formuliert durch das Wort „aber“? Was ändert sich an der Aussage, wenn wir „aber“ durch ein „und“ ersetzen: Die Karibik ist ein Paradies für Urlauber und auch sehr interessant für Wissenschaftler? Nichts, rein gar nichts. Und deshalb appelliere ich an alle Mahlzeit-Leser: Streichen Sie das „Aber“ weitestgehend aus Ihrem Wortschatz – seien Sie Optimist! Denn „aber“ wird unglaublich oft verwendet, um Positives wieder einzuschränken, klein zu halten, zunichte zu machen. Gerade Pessimisten verwenden gerne ein „aber“ selbst im höchsten Eigenlob: „Das Publikum hat meinen Vortrag sehr gelobt, aber im Mittelteil war ich doch etwas fahrig.“ Henry Patton/flickr

Und dieses kleine und gleichzeitig mächtige Wörtchen „aber“, das sprachwissenschaftlich eine Konjunktion ist, also ein Wort, das Haupt- und Gliedsatz oder Satzglieder verbindet, begegnet uns oft und überall. Im Wetterbericht sagt Sven Plöger: „Heute wird ein wunderschöner Sommertag mit 25 bis 28 Grad, aber gegen Abend kann es im Süden gewittern.“ Hier nimmt das „Aber“ dem Kernsatz seine gesamte positive Stimmung – durch das angehängte „Aber“ entstehen vor unseren Augen vor allem kräftige Gewitter, zehn Stunden Sommertag mit Sonne satt verschwinden. Ganz anders, wenn wir auch hier ein „und“ verwenden: „Heute wird ein wunderschöner Sommertag und gegen Abend kann es im Süden gewittern.“ Da sind doch die Gewitter gleich viel kleiner und irgendwie unwichtiger.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gehaltvolle, aber schmackhafte – pardon, eine gehaltvolle und schmackhafte Mahlzeit

Ihr

Rufus Barke

09.08.2017

Mitnichten möchte ich auf meine Verwandtschaft verzichten. Auch wenn ich selber keine eigenen Nichten habe, bereitet es mir doch immer wieder Vergnügen, mich mit meinen Tanten, Onkeln, Cousins, Cousinen, Großtanten, Großcousinen und Großnichten zu treffen. Um nur einige zu nennen. Denn mit den Jahren droht der Überblick etwas verloren zu gehen. Eine große, weit verzweigte Verwandtschaft bringt es mit sich, dass sich mit den Jahren einige der Verwandtschaftsverhältnisse ändern, sei es durch Heirat, Trennung, Scheidung, Tod oder Neuverheiratung. Dann wird aus einem Schwager schon mal ein Ex-Schwager, aus einer Schwippschwägerin eine Ex-Schwippschwägerin.

Neulich wollte eine Freundin mir von der Tochter ihres Bruders erzählen. Allerdings ist die nicht seine leibliche Tochter, sondern das Kind seiner neuen Frau aus einer früheren Beziehung. Ist das Mädchen jetzt die Stiefnichte meiner Freundin? Je weiter entfernt die Verwandtschaft ist, desto komplizierter wird es mit den Bezeichnungen. Mal angenommen, die Schwester des Bruders der Freundin würde heiraten, dann wäre deren Ehemann der Schwippschwager meiner Freundin. Und wenn der Ehemann dann ein Kind mit in die Ehe bringt, ist das dann die Stief-Schwippnichte oder der Stief-Schwippneffe? Und wie sieht es aus, wenn sich die Verwandtschaft noch weiter entfernt? Sind die Söhne meiner Cousine meine Großneffen oder Neffen 2. Grades und warum nicht Kleinneffen? phlubdr flickr cc by web

Die Begrifflichkeiten unterliegen ja durchaus dem Wandel der Zeiten. So wurde aus dem Oheim, das ursprüngliche deutsche Wort bezeichnete den Mutterbruder, im 18. Jahrhundert durch die (sprichwörtliche) Zusammenführung mit dem Vetter, was ursprünglich Vaterbruder bedeutete, im Französischen der oncle und dann im Deutschen der Onkel. Auch der Vetter ist aus den familiären Beziehungen nahezu verschwunden. Nur in der Wirtschaft spielt er noch eine schlecht beleumundete Rolle. Und wer erinnert sich noch an die Base? Übernommen haben dafür Cousin und Cousine. Ebenfalls in der Bedeutungslosigkeit versunken ist der Nepote, der zugleich Neffe, Enkel, Vetter und Verwandter war. Vermutlich aufgrund seiner Unentschlossenheit.

Einerseits entschlossen, den komplizierten Verhältnissen auf den Grund zu gehen, andererseits überwältigt von der Vielzahl an Bezeichnungen, beende ich jetzt meine Ausführungen. Meiner Freundin habe ich übrigens empfohlen, das neue Familienmitglied „Stichte“ zu nennen. „Stief“ hat immer so einen unangenehmen Beigeschmack und kann das Beziehungsklima möglicherweise sogar vergiften.

Eine bekömmliche Mahlzeit, ob im Familienkreis oder alleine

wünscht Ihnen

Ihre Petra Janßen

26.07.2017

Ich steige in Glasgow aus dem Flieger, alles nicht so riesengroß, die Abfertigung geht schnell. Draußen vor dem Terminal stehen Busse, deren Fahrer äußerst hilfsbereit sind und mich sogleich in den richtigen Bus schieben, mit der Info zum passenden Anschluss. Am ersten Ziel angekommen, an dem ich mich mit allem eindecke, was ich nicht in den Flieger mitnehmen konnte (Campinggas und Trinkbares) stehe ich trotzdem kurz auf dem Schlauch: Wie komme ich nun zum Startort, der nicht direkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. So fragte ich den erstbesten  „Driver“, wie ich denn nun weiterfahren solle. Er sagte „come on“ und fuhr los…lange… laut meiner Karte und den Verkehrsschildern nach ging es in eine ganz andere Richtung. Irgendwann stoppten wir an einer Schule. Der Fahrer winkte mir zu, stieg mit mir aus und schob mich zu einer Kollegin. Murmelte etwas und verabschiedete sich lächelnd von mir. Und ich saß plötzlich mit ca. 50 Kids in Uniform in einem Schulbus und fuhr über die Dörfer zu meinem angepeilten Startpunkt. Wunderbar!

Die gesamte Zeit in Schottland war geprägt von unglaublich netten, herzlichen und lustigen Menschen und Begegnungen. Der Schaffner im Zug z.B., der mir ein Ticket verkaufte, mir noch die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg zum angepeilten Ziel verraten hat, mich acht Stunden später an einem zauberhaften kleinen Bahnhof mitten im Nirgendwo wiedererkannte und mir aus dem abfahrenden Zug ein Geburtstagsständchen sang. Dalmally Railstation Scotland
Apropos besagter kleiner Bahnhof und Geburtstag: Als ich auf der Suche nach einem Campingplatz oder kleinem B&B an diesem Bahnhof landete und der nächste Zug noch etwa zwei Stunden auf sich warten ließ, kam ich mit einer Frau, Liz, ins Gespräch. Sie bot mir einen Tee an, eine halbe Stunde später dann ein Zimmer für die Nacht. Dieser kleine Bahnhof war nämlich ein Wohnhaus mit einigen Gästezimmern, die vom Bahnsteig aus erreichbar waren. Obwohl sie ausgebucht waren, räumten sie für mich ein fast fertig renoviertes Zimmer aus und auf und ich hatte einen wunderschönen Schlafraum. Der Hausherr, Graham, lud mich wiederum auf einen Tee ein, die Nachbarin kam mit Cupcakes und Muffins und erzählte mir, dass sie für Liz seien, die heute nämlich Geburtstag habe. Während ich lachend erzählte, dass heute auch mein Geburtstag sei, kam Liz mit einer Schokoladentorte in den Händen aus der Tür, zu meinen Ehren mal eben gezaubert … So saß ich nun in meinem „dem Alleinsein“ gewidmeten Urlaub mit mir (insgesamt fünf) fremden Menschen an einem kleinen Bahnhof im Herzen Schottlands und feierte einen der lustigsten Geburtstage, die ich je hatte. Zauberhaft!

Zur Mahlzeit! einfach mal Schokotorte
wünscht Ihnen
Sandra Ott

12.07.2017

„Alle alle!“ frohlockte mein dreijähriges Patenkind neulich, als es anlässlich seines Geburtstages ein amtliches Stück Kuchen verputzt hatte. Mein Lob ob des gesunden Appetits verband ich nahezu zeitgleich mit der gedanklichen Frage an mich selbst, warum die in der Kindersprache geläufige Wendung „alle alle“ das Gegenteil bedeutet: nämlich nichts oder nichts mehr. Sie erwarten nun eine formidabel recherchierte Antwort? Hier ist sie: Sprache ist durchaus gerne auch mal unerklärlich. Was sich übrigens auch sehr schön an der feinen Vorsilbe „un“ festmachen lässt. Diese ist insofern reichlich praktisch, weil sie etwa aus einem schicken Adjektiv recht rasch das Gegenteil machen kann, zu sehen in den Wortpaaren „wahrscheinlich-unwahrscheinlich“ oder „möglich-unmöglich“. Und nun kommt der Clou: Man kann mit ihr auch steigern, indem wir aus einem schlichten „Wetter“ ein fulminantes „Unwetter“ machen. Oder aus „Kosten“ „Unkosten“. Was aber Unsinn ist, da es den zu zahlenden Betrag nicht schert, ob er „Kosten“ oder „Unkosten“ heißt. Maik Meid flickr

Ein wenig unsinnig erschien mir auch, dass ein Kunde neulich in der Apotheke ein Mittel „für Erkältung“ wünschte. Im Geiste malte ich mir aus, wie der Apotheker hätte entgegen können: „Sehr gerne, heute haben wir drei Päckchen Viren zum Preis von zweien im Angebot.“ Und wie ich so vor mich hin schmunzelte, hörte ich einen weiteren Kunden sagen: „Ich bin zuerst dran und dann erst Sie!“ Ob dem recht rauhbeinig daherkommenden Herrn bewusst war, dass er das schöne Kunststück vollbracht hatte, in einem Satz mit dem kleinen Wörtchen „erst“ sowohl einen Anfang als auch ein Ende zu meinen?

Schön ist auch das Verb „entfallen“, das sowohl etwas bezeichnet, das plötzlich nicht mehr vorhanden ist („Der Name ist mir entfallen.“) als auch etwas, das man bekommt („Auf den Gewinner entfallen 500 Euro“). Und weil wir gerade von Geld reden: Das Finanzamt kann nicht nur einen Zahlungsbescheid erlassen, sondern jemandem auch die Steuerschuld. Die dann mit einem Male „alle alle“ wäre.

Mahlzeit! mit oder ohne Kuchen wünscht
Ihr Marcel Pannes

28.06.2017

Und, haben Sie schon Hunger? Oder haben Sie Appetit? Bei ersterem verspüren Sie sicher ein brennendes Verlangen, möglichst schnell etwas Sättigendes zu essen. Das aus dem Althochdeutschen (750-1050 n.Chr.) stammende Wort Hunger bekam im 15. Jahrhundert einen vornehmen „Mitbewerber“ aus Frankreich: den Appetit. Ihn zu befriedigen bedeutet nicht, sich vor dem Verhungern zu retten, sondern genussvoll eine bestimmte Speise zu sich zu nehmen. Vielleicht haben Sie zum Beispiel heute Appetit auf Herrgottsbscheißerle, Bayerischen Leberkäs oder Strammen Max? Erstere, die beliebten schwäbischen Maultaschen, kommen ähnlich wie ihre italienische Variante Ravioli oder die Wan Tans aus China schlicht auf den Tisch und verbergen ihre wahren Schätze im Innern. Der Legende nach sollen Mönche des schwäbischen Klosters Maulbronn während des Dreißigjährigen Krieges verbotenerweise Fleisch in der Fastenzeit gegessen haben. Ob sie dies in Teigtaschen verpackten, ist unklar. Aber der Begriff Herrgottsbscheißerle bezeichnet seitdem hochwertig gefüllte schwäbische Maultaschen – während der Fastenzeit genauso wie an den übrigen Tagen im Jahr.

Chris Kurbjuhn flickr StrammerMax

Der Leberkäs hingegen verwirrt den Unwissenden, ist in dieser rechteckigen Brühwurst heutzutage meist weder Leber noch Käse, sondern klassisch bayerisch nur gepökeltes Rindfleisch, fettreiches Schweinefleisch, Speck, Wasser, Salz und Majoran. Da nicht sein darf, was nicht sein kann, muss laut Vorschrift Leberkäse außerhalb von Bayern übrigens einen bestimmten Prozentanteil Leber enthalten, um die Verbraucher nicht irrezuführen. Außer das Produkt heißt Bayerischer Leberkäse. Dann gilt … siehe oben. Käse muss diesem, einem Käselaib ähnlich geformten Wurststück allerdings nicht zugefügt werden – weder innerhalb noch außerhalb Bayerns.

Bleibt der Stramme Max, ein von mir in der Kindheit geliebtes Gericht (gleich nach Toast Hawaii), dessen Namensbezeichnung für eine Scheibe Mischbrot, eine Scheibe gekochter Schinken und ein Spiegelei obendrauf sich mir nie erschlossen hatte. Hätten meine Eltern die Herkunft gewusst, hätten sie mir diese sicher auch verschwiegen, bezeichneten doch vor hundert Jahren die Sachsen des Mannes „bestes“ Stück im Zustand höchster Erregung als Strammen Max. Der Zusammenhang ist offensichtlich … Für die Sachsen damals schon, denn im Gegensatz zu heute war eine derartig aufgepeppte Scheibe Brot stramm, üppig und nahrhaft. Den Rest überlasse ich Ihrer Fantasie.

Darf’s zum Nachtisch noch ein Apfelstrudel sein? Auch hier ist die Bezeichnung althochdeutschen Ursprungs, stredan bedeutet wallen, leidenschaftlich glühen, und tatsächlich sah die Mehlspeise im 16. Jahrhundert einem Wasserstrudel ähnlich, denn sie wurde schneckenförmig gewunden. Erst zum Ende des 16. Jahrhunderts begannen Konditoren, den Strudel mit allen möglichen süßen Köstlichkeiten zu füllen.

Ob mit großem Hunger oder leichtem Appetit, ich wünsche Ihnen eine genussvolle

Mahlzeit

Rufus Barke